Die Reichweiten moderner E-Autos werden nach dem "Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure" (WLTP) ermittelt. Das standardisierte Testverfahren gilt für alle Neufahrzeuge in der EU. Doch in der Realität sind die auf dem Rollenprüfstand ermittelten Verbräuche meist nicht so toll. 
Wenn wir bei AUTO BILD die Fahrzeuge in unserem Testzyklus fahren, dann können die Abweichungen mehr als 30 Prozent betragen, wie die hier vorliegende Ergebnisse von fünf recht unterschiedlichen Probanden aus der Elektroszene beweisen.
Dabei fahren wir insgesamt 155 Kilometer. 40 in der Stadt mit durchschnittlich 40 km/h. 61 Kilometer geht es mit 75 km/h über Land und 54 Kilometer mit Tempo 125 und einem 20-prozentigen Vollgasanteil über die Autobahn. 
Aber wir sind noch weiter gegangen: AUTO BILD wollte wissen, was passiert, wenn man 100 km/h fährt, und wie weit man mit Tempo 130 kommt. Und vor allem, wie fühlt sich das in unterschiedlichen E-Autos an? Lassen Sie sich überraschen!

BMW iX1 xDrive30 – sportlich fährt am längsten

Mit 55.000 Euro vor Förderung, ist das Multitalent BMW iX1 xDrive30 kein Schnäppchen. Dafür bekommt der Käufer ein Fahrzeug, das dank zweier E-Motoren mit üppigen 313 PS Systemleistung über alle vier Räder angetrieben wird. Die Basis des iX1 wird auch für die Verbrennermodelle und Plug-in-Hybride der Baureihe verwendet. 
Der BMW iX1 ist die Sportskanone, der Innenraum ist hochwertig und gut verarbeitet, das Navi bindet die Ladepunkte in die Routenplanung ein, im doppelten Ladeboden findet das Ladekabel seinen Platz-
Bild: Michael Nehrmann/AUTO BILD
Deshalb sieht der Elektriker nicht nur genauso aus, wie die Brüder, im Innenraum erwartet den Fahrer auch ein identisches Ambiente, hochwertige Materialien und eine sehr gute Verarbeitung. Hier gibt es ebenso wenig zu meckern, wie am Fahrverhalten und an der nach WLTP angegebenen kombinierten Reichweite von 439 Kilometern. Wie zu erwarten, ist dieser Wert mit unserem Test nicht identisch. In unserer 155 Kilometer langen Testrunde lag die ermittelte Reichweite bei 369 Kilometern.
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Wer konstant Tempo 100 fährt, wird nach zurückgelegten 346 Kilometern auf sechs Prozent Rest-Akku blicken und eine verbleibende Reichweite von 20 Kilometern haben. Fährt man konstant 130 km/h muss bereits nach 274 Kilometern eine Ladestation aufgesucht werden. 
Der Akku hat nur noch 15 Prozent und die verbleibende Reichweite wird mit 60 Kilometern angegeben. Theoretisch sind also 335 Kilometer möglich. Rechnerisch ergibt sich so zwischen dem WLTP-Wert und der theoretischen Reichweite bei Tempo 130 eine Abweichung von 23,6 Prozent. Das mag sich nach viel anhören, ist aber über unsere fünf Probanden gesehen, die geringste von uns ermittelte Differenz. 

Fiat 500e – der kann auch länger

Der Fiat 500e ist eigentlich als elektrischer Stadtflitzer konzipiert. Insofern ist es nicht ganz fair, ihn in die Riege der potenziellen Langstreckler aufzunehmen. Dennoch wollten wir wissen, wie weit ihn sein recht kleiner Akku mit lediglich 37,3 kWh (netto) denn nach unseren Testparametern trägt. 
Der Fiat 500e ist eigentlich ein Stadtflitzer, die wichtigsten Fahrdaten hat der Fahrer immer im Blick, Ladestationen werden im Navi angezeigt, das Ladekabel raubt Platzt im kleinen Kofferraum.
Bild: Michael Nehrmann/AUTO BILD
Der Hersteller seinerseits spricht nach WLTP von 321 Kilometern. Und tatsächlich bringt es der sympathische Stadtfloh in unserem Testzyklus auf erstaunliche 287 Kilometer. Dabei ist der 500e mit 118 PS nicht untermotorisiert und mit maximal 150 km/h auch nicht der Langsamste. Insofern kann man sich mit dem italienischen Elektriker auch mal auf die Autobahn begeben, um Strecke zu machen. 
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Wer hier mit Tempo 100 unterwegs ist, wird es nach AUTO-BILD-Messungen immer noch auf 279 Kilometer bringen. Selbst bei 130 km/h sind es noch 218 Kilometer Reichweite. Rechnet man kurz durch, dann ergibt sich hier eine maximale Abweichung von 32,1 Prozent zum WLTP-Wert. Allerdings wäre der Akku dann wirklich leer. 
Insofern haben wir nach 187 Kilometern mit 14 Prozent Rest-Akku und verbleibenden 32 Kilometern eine Ladestation aufgesucht. Der 500e lädt mit bis zu 85 kW, braucht also 35 Minuten, um von 20 auf 80 Prozent zu kommen. Das Fiat-Navi unterstützt insofern bei der Suche nach Ladestationen, als dass es sie anzeigt und das Fahrzeug dorthin navigiert. Ob die Station belegt oder frei ist, verrät es nicht. Am Ende ist der 500e, wie der Fiat 500, kein Langstreckenfahrzeug.

Hyundai Ioniq5 – Kante beim Laden gezeigt

Der Hyundai Ioniq5 ist als stylisches E-Auto viel gelobt und gefeiert worden. Mit 54 800 Euro ist er ähnlich teuer wie der BMW iX1 oder der Mercedes EQB, wirkt aber im Innenraum viel weniger edel. Dafür geht er mit einem 77,4 kWh (netto) leistenden Akku an den Start und verspricht so laut WLTP eine maximale Reichweite von 507 Kilometern. 
Der Ionyq5 fällt mit eigenständigem Desigbn auf, der Innenraum wirkt fast schon unterkühlt, seit einem Update werden Ladepunkte besser in die Navigation eingebunden, das Ladekabel hat seinen Platz im Frunk.
Bild: Michael Nehrmann/AUTO BILD
Die AUTO-BILD-Testrunde ergab 450 Kilometer. Das ist ein stattlicher Wert. Zumal der Koreaner mit seinen 229 PS Systemleistung auch mal 185 km/h schnell werden kann. So gesehen lädt der Ioniq5 auch mit seiner Größe von 4,63 Meter und einem Kofferraumvolumen von 527 Litern zur Langstreckenfahrt ein. Wer jetzt mit Tempo 100 konstant über die Autobahn gleitet, bringt es theoretisch auf 474 Kilometer und einen vollständig entleerten Akku. 
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Bei 130 km/h sind es 301 Kilometer und 32 Kilometer Restreichweite. Geladen wird mit bis zu 350 kW. Unter Idealbedingungen sollte die Batterie in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen sein. Nach einem Update ist das interne Navigationssystem jetzt auch in der Lage bei geringem Akkustand eine Ladestation anzubieten und als Zwischenstopp in die Routenplanung einzubinden. 
Allerdings werden auch jetzt noch nicht präzise die Belegungen der Ladeplätze oder die einzelne Ladeleistung angegeben, was äußerst ärgerlich ist. Zudem ändert es auch nichts an der Tatsache, dass die maximale Abweichung zwischen dem WLTP-Wert und der von uns bei 130 km/h erfahrenen theoretischen Reichweite bei 34,5 Prozent liegt. Und tatsächlich ist es ein Unterschied, ob ich 500 oder 330 Kilometer am Stück zurücklegen kann.

EQB 300 4Matic – für die große Reise

Der EQB basiert auf dem GLB und war somit einst ähnlich angedacht, wie der BMW iX1. Die Plattform ist für Verbrenner ebenso geeignet, wie für Plug-in-Hybride oder eben reine Elektroautos. Insofern ist die Funktionalität – bis auf einen mit 465 Litern etwas kleineren Kofferraum – identisch mit der des GLB. Auch die Optik ist innen, wie außen deckungsgleich. 
Der Mercedes EQB ist als Familien-SUV angelegt, hochwertiger und schicker Innenraum, mit Abstand die beste Navigation, leider kein eigener Platz für das Ladekabel.
Bild: Michael Nehrmann/AUTO BILD
Beim EQB 300 4Matic, drehen an der Vorderachse eine Asynchronmaschine und an der Hinterachse eine permanenterregte Synchronmaschine am Rad. Die wiederum werden von einem 66,5 kWh (netto) leistenden Akku befüttert, der nicht nur eine Systemleistung von 228 PS garantiert, sondern auch eine WLTP-Reichweite von 421 Kilometern. In der von uns gefahrenen Testrunde schrumpfte die Reichweite erwartungsgemäß auf 330 Kilometer. Das sind 91 Kilometer weniger. 
Da der EQB in seinen Ausmaßen und als optionaler Siebensitzer aber auch ein echtes Familienauto ist, ist der Blick auf die bei konstant gefahrenen 100 km/h bleibende Reichweite nicht uninteressant. Hier haben wir theoretische 370 Kilometer ermittelt, bei einer Restreichweite von 21 Kilometern, sind es demnach 343. Fährt man mit Tempo 130, schrumpft die Distanz bei identischer Restreichweite auf 254 Kilometer.
Mit 112 kW maximaler Ladeleistung ist der Stuttgarter dann auch nicht der Schnellste. Knapp eine halbe Stunde dauert es unter Idealbedingungen von 10 auf 80 Prozent zu laden. Der große Vorteil des EQB: Sein Navi zeigt nicht nur die Ladestationen und deren Kapazität, es weiß auch wie die Belegung ist. Die Abweichung der Werte beträgt übrigens 33,4 Prozent. 

Škoda Enyaq iV60 – zurückhaltend

Der Škoda Enyaq iV war der erste elektrische Wurf der Tschechen. Wie der technische Bruder VW i.D.4 ist er ein waschechter Crossover, wirkt sogar noch ein bisschen mehr wie ein sportliches SUV. Beim iV60 befeuert ein 58 kWh leistender Energiespender einen in die Hinterachse integrierten E-Motor, der 179 PS generiert. Das sorgt für eine eingebremste Spitzengeschwindigkeit von 160 km/h und einer WLTP-Reichweite von 395 Kilometern.
Der Skoda Enyaq iV60 ist nichts für emotionsgeladene Fahrer, der Innenraum sehr klar, ohne Schnörkel, nach einem Update ist die Navigation mit Einbindung der Ladestationen besser geworden, das Ladekabel hat seinen Platz im doppelten Ladeboden.
Bild: Michael Nehrmann/AUTO BILD
Für ein Auto mit den Innenraummaßen eines Superb und einem 585 Liter fassenden Kofferraum, das so förmlich nach Urlaubsreisen schreit, definitiv zu wenig. Noch weniger wird es auf der AUTO-BILD-Testrunde. 367 Kilometer sind es hier. Fährt man konstant 100 bleiben theoretisch 363 Kilometer, was ein ordentlicher Wert ist. Ist man aber 30 km/h schneller unterwegs, sind es nur noch 276 Kilometer, bis der Akku restlos leer gefahren ist. Damit beträgt die Abweichung 30,1 Prozent zwischen WLTP und unserem Wert.
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Mit der neuen Software kann das Navi jetzt auch die Belegung der Stromtankstellen anzeigen. Zudem werden die Ladeleistungen beziffert, so dass man sich auch auf die daraus folgenden Haltezeiten seelisch und moralisch einstellen kann.
Der Tscheche selbst lädt mit bis zu 120 kW. Heißt, an der richtigen Dose wäre die Batterie nach 35 Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen. Tatsächlich hat der Enyaq iV60 mit einem Einstiegspreis von 44.200 Euro vor Förderung, gemessen an BMW iX1, Mercedes EQB und Hyundai Ioniq5, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Fahrdynamiker müssen dafür dann aber einige Abstriche machen.

Reichweitenvergleich

Reichweitenvergleich
Leistung
230 kW (313 PS)
87 kW (118 PS)
168 kW (229 PS), 350 Nm
168 kW (228 PS), 390 Nm
132 kW (179 PS)
Batterieinhalt netto
64,7 kWh
37,3 kWh
77,4 kWh
66,5 kWh
58 kWh
Verbrauch*
16,9 kWh
14,3 kWh
17,0 kWh
18,2 kWh
16,0 kWh
Reichweite*
439 km
321 km
507 km
421 km
395 km
Leergewicht/Zuladung
2090/490 kg
1341/349 kg
1959/491 kg
2125/455 kg
1959/541 kg
Grundpreis (vor Förderung)
55.000 Euro
34.990 Euro
54.800 Euro
55.419 Euro
44.200 Euro
Verbrauch
Sparverbauch**
13,8 kWh
9,8 kWh
13,2 kWh
16,6 kWh
13,3 kWh
Sportverbrauch**
24,3 kWh
17,9 kWh
24,7 kWh
26,4 kWh
21,2 kWh
Testverbrauch**
Durchschnitt der 155-km-Testrunde
17,5 kWh
13,1 kWh
17,2 kWh
20,1 kWh
15,8 kWh
Testverbrauch** gemittelt
19,1 kWh
16,7 kWh
19,1 kWh
22,6 kWh
17,8 kWh
Reichweite**
369 km
284 km
450 km
330 km
367 km
bei 130 km/h
Temperatur***
25 Grad
25 Grad
23 Grad
21 Grad
22 Grad
gefahren
274 km
186 km
301 km
259 km
232 km
Rest**
60 km
32 km
31 km
21 km
46 km
theoretische Reichweite
334 km
218 km
332 km
280 km
278 km
bei 100 km/h
Temperatur***
25 Grad
25 Grad
23 Grad
21 Grad
22 Grad
gefahren
346 km
241 km
425 km
343 km
333 km
Rest**
20 km
38 km
49 km
28 km
30 km
theoretische Reichweite
366 km
279 km
474 km
371 km
363 km
Elektroautos sind, obgleich die Reichweite deutlich zugenommen hat, immer noch limitiert. Einmal mehr, wenn man auf der Langstrecke nicht mit 90 km/h über die Autobahn schleichen will. Und selbst wenn man mit Tempo 100 unterwegs ist, wird man wenig Freude haben. Zum einen ist man jetzt zu schnell, um sich dauerhaft hinter einen Lkw zu klemmen, zum anderen zu langsam, um in der Überholspur nicht zum Hindernis zu werden. Insofern ist man gezwungen, immer mal wieder richtig Strom beim Überholen zu geben. Das wiederum ist der Akkuleistung nicht zuträglich und verkürzt die Reichweite. Besser also gleich die 130 km/h angepeilt. Man schwimmt recht entspannt im Strom mit und muss die Augen nicht mehr im Rückspiegel als auf der Straße haben. Ja, der Verbrauch ist entsprechend höher. Nach unseren Messungen kann man aber bei allen fünf Autos eine Gleichung aufmachen. Wer 130 km/h fährt, muss mit einer Abweichung zur WLTP-Reichweite von durchschnittlich knapp 34 Prozent angenommen werden. Nicht ganz so krass ist die Abweichung im Streckenmix, der theoretisch auch der WLTP-Messung zu Grunde liegt. Hier sind es im Mittel 12,5 Prozent. Allerdings muss beachtet werden, dass auch die AUTO-BILD-Werte unter nahezu idealen Temperaturbedingungen erfolgten. Wer im Winter mit dem E-Auto fährt, muss sich auf höhere Verbräuche einstellen. Hilfreich, und hier seien der BMW iX1 und der Mercedes EQB gelobt, sind natürlich Navigationssysteme, die nicht nur bei der Reichweitenberechnung helfen, sondern auch in der Lage sind, Ladestationen zu erkennen, deren Kapazität kalkulieren und damit Standzeiten in die Routenplanung aufnehmen können. Kritisch sei aber auch angemerkt, dass die Abweichung zwischen WLTP-Wert und unseren Messungen am größten war. Vorbildlich der Škoda Enyaq, dessen Angaben sehr nah an der Realität waren. Dafür lahmt das Navi des Tschechen bezüglich der notwendigen Angaben und Einbindung der Ladestationen in die Streckenführung. Außerdem hängt er, was Dynamik und Fahrspaß betrifft, den anderen drei großen Elektrikern etwas hinterher. Der Fiat 500e ist das, was er sein will und sein soll: ein elektrischer Stadtflitzer. Dafür ist er ausgelegt und das kann er richtig gut. Und wenn es sein muss, lässt er sich auch mal über Land bewegen. Wenngleich auch hier das Navi die Ladestationen nicht so zeigt, wie man es bräuchte.