Wie lange ist das jetzt her? Acht Jahre? Zwölf? Oder noch länger? Egal, es gab jedenfalls Zeiten, da hat Mercedes ein neues Modell mit einer 40-seitigen Pressemappe vorgestellt. Nun ist es wieder so weit: Kürzlich informierte der Konzern mit einem Technik-Forum über die Sicherheit der neuen E-Klasse. Ergebnis: ein 40-Seiten-Papier. Unter Motorjournalisten ist so was ähnlich begehrt wie ein frischer Harry Potter für 14-Jährige. Doch was ist das? Kein Wort über Design, Motoren und Fahrwerk – die dicke Drucksache berichtet ausschließlich über Insassen- und Fußgängerschutz, Nachtsichtsysteme und intelligente Scheinwerfer, Spurhalte- und Tempo-Assistenten, Müdigkeits- und Toter-Winkel-Warner, Distronic Plus und Pre-Safe. Die Botschaft ist klar: Mercedes zündet ein Technikfeuerwerk, das die E-Klasse zum sichersten Auto der Welt machen soll – ganz nach Tradition des Hauses.

Die neue E-Klasse soll neue Sicherheits-Maßstäbe setzen

"Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit, dann Komfort und Umwelt", so beschreiben Daimler-Insider die Prioritätenliste. Bei der starken Betonung könnte man glauben, die auslaufende E-Klasse habe ein Defizit an Schutzsystemen. Unfälle nach Versagen der Elektronik-Bremse SBC nagten am Ruf des W 211. Als auch noch Qualitätsprobleme viele E-Klasse-Fahrer nervten, bewegte sich Mercedes imagemäßig im Rückwärtsgang. SBC ist Vergangenheit. Mangelhaftes Material hoffentlich auch. Mit Vollgas will der Stern zurück auf die Überholspur. "Die E-Klasse und ihre Vorgänger sind seit über 60 Jahren unser Herz", sagt Klaus Maier, Mercedes-Marketingchef. Nicht nur für ihn hat Sicherheit eine Schlüsselfunktion. Dass Daimler auch das Wachstum des neuen W 212 mit verbesserten Crashfunktionen begründet, passt da gut ins Bild. 

Hier geht es zum Bericht über die Vorab-Präsentation in Detroit

Durch erhöhten Fußgängerschutz wächst die Karosserie auf 4,87 Meter Länge. Außerdem erhält sie eine aktive Motorhaube. Heißt: Beim Aufprall eines Fußgängers springt der hintere Teil durch Federkraft fünf Zentimeter nach oben und reduziert so die Verletzungsgefahr. Anders als die pyrotechnischen Systeme von Citroën C6 und Jaguar XF arbeitet das System mechanisch und lässt sich vom Fahrer wieder in die Ausgangsposition bringen. Die Achskonstruktionen – Dreilenker vorn, Raumlenker hinten – bleiben weitgehend unverändert. Der Radstand verlängert sich um zwei Zentimeter auf 2,87 Meter. Davon profitieren die Passagiere. Im Fond wird die Beinfreiheit noch besser. Ausformungen in den Vordersitzlehnen dürften selbst Basketballern viel Luft lassen.

Beim Fahrkomfort gehörte die E-Klasse bislang schon zum Besten, was man in der Oberklasse kaufen konnte. Für die Sechszylinder-Modelle bleibt natürlich die überarbeitete Luftfederung (Airmatic) als Extra im Progamm. Mehr Entwicklungspotenzial hatte die Agilität. Die neue E-Generation übernimmt das adaptive Dämpfersystem aus der C-Klasse. Das sogenannte Direct-Control-Fahrwerk ist serienmäßig und passt sich automatisch der Fahrsituation an. Ein Handlingwunder ist aber vermutlich nicht zu erwarten. Oder doch? Auf jeden Fall wird die E-Klasse künftig wieder in die Kategorie "schwerer Wagen" einzuordnen sein. Durch die vielen Sicherheitsdetails dürfte ihr Gewicht eher steigen als sinken. Trotzdem kündigt Mercedes an, bei den Benzinern durch Direkteinspritzung und Downsizing 20 Prozent Verbrauchsvorteil zu erzielen. Der Vierzylinder E 250 CGI (204 PS) wird statt per Kompressor durch einen Turbo aufgeladen. Zielmarke: 7,3 Liter ECE-Verbrauch. Preis: 44.506 Euro. 
Auf ein günstigeres Einstiegsmodell müssen die Kunden noch warten. Schade, denn der E 200 CGI verfügt als Einziger über eine Start-Stopp-Funktion. Bei den Dieseln will Mercedes zwei Vierzylinder (E 220, E 250 CDI) mit einem CO2-Ausstoß unter 139 Gramm anbieten. Später folgt der E 200 CDI (136 PS) für unter 40.000 Euro. Bis es so weit ist, heißt die günstigste E-Klasse E 220 CDI für 41.590,50 Euro. Knapp 12.000 Euro teurer, aber noch sauberer ist der E 350 CDI Bluetec. Sein V6-Diesel leistet 211 PS, erfüllt EU 6 und hat einen AdBlue-Tank in der Reserveradmulde. Alle V6- und V8-Modelle verfügen über die Siebenstufen-Automatik mit Gangwahlhebel am Lenkrad – wie in der S-Klasse. Überhaupt rückt der Neue dem Flaggschiff gefährlich nahe. Aber das ist ein anderes Thema, 40 Seiten stark. Mindestens.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Jörg Maltzan

So viel Sicherheit bietet kein anderer – gut so! Das Fahren soll agiler werden – auch gut! Endlich gibt es Direkteinspritzer – prima! Was soll da schiefgehen? Unbekannte sind Design und Qualität. Ersteres ist Geschmackssache, Zweiteres bleibt abzuwarten.