Beschwerden aus Brüssel sorgen für Aufsehen: EU-Kommissare sollen sich darüber ärgern, dass ihre elektrischen Dienstwagen – teilweise große BMW-Limousinen – die Strecke zwischen Brüssel und Straßburg nicht ohne Ladestopp bewältigen. Dabei versprechen Modelle wie der BMW i7 auf dem Papier je nach Modell bis zu 727 Kilometer Reichweite.
Warum die Rechnung in der Praxis nicht aufgeht und die Limousinen auf einer Strecke von rund 440 Kilometern einen Ladestopp einlegen müssen, hat mehrere Gründe:

Autobahn-Verbrauch liegt meist deutlich über den Katalog-Werten

Während Verbrenner bei moderatem Autobahn-Tempo besonders niedrige Verbräuche erzielen, stellt der konstante Leistungsabruf für E-Autos ein eher ungünstiges Nutzungsszenario dar, wenn es um die Effizienz geht. Das gilt oftmals schon für die Autobahn-Richtgeschwindigkeit von 130 km/h. Auf der Strecke zwischen Straßburg und Brüssel liegt das Geschwindigkeitslimit in Belgien sogar bei nur 120 km/h.
BMW i/ xDrive60
Luxuriös, sehr groß und geräumig, aber nicht wirklich sparsam: Das Luxus-Flaggschiff von BMW bietet sehr hohen Fahrkomfort. Mit der E-Version i7 ist BMW hinsichtlich der Reichweite aber kein Durchbruch gelungen.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Wir wissen jedoch aus Tests, dass ein BMW i7 nicht zu den sparsamsten Stromern gehört. In Praxis liegt der Verbrauch meist im Bereich von 25 kWh pro 100 Kilometer – bei Kälte, hoher Beladung und der intensiven Nutzung von Komfort-Funktionen gerne auch höher. Bei besonders frostigen -4 Grad Celsius erreichte ein BMW i7 M70 xDrive im Test einen Verbrauch von 30,8 kWh/100 km (Ladeverluste eingerechnet). Die Reichweite betrug mit der Netto-Akkukapazität von 101,7 kWh nur 372 Kilometer (Ladeverluste werden bei der Reichweite nicht berücksichtigt).

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Selbst mit dem ermittelten Sparverbrauch von 24 kWh pro 100 Kilometer (ähnlich dürfte der Verbrauch bei milderen Temperaturen ausfallen) würde der i7 die Strecke zwischen Brüssel und Straßburg also nicht ohne Ladestopp schaffen.

Mindestladestand aus Sicherheitsgründen

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der die Reichweite auf solchen Fahrten weiter einschränkt: Ein Insider aus der Chauffeurbranche berichtet, dass bei Fahrten mit hochrangigen Politikern an Bord die Batterie nicht bis auf die letzten Prozentpunkte entladen werden darf. Stattdessen müsse eine Sicherheitsreserve vorgehalten werden, um bei Umleitungen, kurzfristigen Routenänderungen oder anderen unvorhergesehenen Ereignissen das angepeilte Ziel zu erreichen.
In der Praxis werde deshalb häufig ein Mindestladestand von etwa 20 Prozent eingeplant. Dadurch steht auch die praktisch verfügbare Reichweite eines Elektroautos bei solchen Fahrten nicht vollständig zur Verfügung. Ein entscheidender Faktor auf der rund 440 Kilometer langen Strecke zwischen Brüssel und Straßburg.
BMW i7 xDrive60
Die Reichweite von E-Autos hat im realen Betrieb oft wenig mit den WLTP-Werten gemein.
Bild: Tom Salt
Die Einhaltung eines Energiereservestands entspricht übrigens auch allgemeinen Empfehlungen im Umgang mit Elektrofahrzeugen, um jederzeit über ausreichende Handlungsreserven zu verfügen.

Auch die Auslastung spielt eine Rolle

In der Shuttle-Branche ist es nicht ungewöhnlich, dass Fahrzeuge nach der Ankunft am Zielort zeitnah wieder eingesetzt werden. Die Betreiber der Fahrdienste sind bestrebt, die Auslastung ihrer Flotte hochzuhalten und unnötige Standzeiten zu vermeiden.
Muss ein Elektroauto nach einer langen Fahrt zunächst für längere Zeit an die Ladesäule, kann das den weiteren Tagesablauf verzögern und die Flexibilität einschränken. Aus diesem Grund werden Fahrten häufig so geplant, dass das Fahrzeug sein Ziel mit ausreichender Energiereserve erreicht. So bleibt genügend Spielraum für Anschlussfahrten, kurzfristige Terminänderungen oder zusätzliche Wege vor Ort – ohne dass zunächst geladen werden muss.

Effizientere Alternativen zum i7? Die gibt es!

Soll der lästige Ladestopp in Luxemburg künftig vermieden werden, hätten wir einen heißen Tipp für die Fahrdienste der EU-Kommissare: Das Konkurrenzmodell von Mercedes wäre die deutlich effizientere Wahl. Insbesondere der EQS 450+ bestätigte im AUTO BILD-Test seine hohe Effizienz.
Bei der Verbrauchsmessung erreichte die große Elektro-Limousine Werte von deutlich unter 20 kWh pro 100 Kilometer, die reale Reichweite lag so bei 678 Kilometern (118 kWh Akkukapazität, gemessen bei 20 Grad Celsius). Damit würde der Benz die rund 440 Kilometer lange Strecke zwischen Brüssel und Straßburg selbst unter Berücksichtigung einer Sicherheitsreserve von 20 Prozent bewältigen – zumindest bei moderaten Temperaturen.
Mercedes EQS 450+
Unser Tipp für die Fahrdienste der EU-Kommissare: Der Mercedes EQS 450+ schaffte im Test (also unter realen Bedingungen) knapp 700 Kilometer mit einer Akkuladung.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Kleiner Haken: Der EQS setzt konsequent auf Aerodynamik und Effizienz. Im Auftritt wirkt er daher weniger repräsentativ als ein BMW i7. Shuttle-Betreiber, zu deren Klienten vornehmlich hohe Beamte gehören, dürften vor allem Wert auf Prestige legen.
Die technisch einfachste Lösung bleibt dagegen der Verbrenner. Ein BMW 730d schafft die Strecke zwischen Brüssel und Straßburg nicht nur mit einer Tankfüllung, sondern fährt die Strecke ohne Tankstopp auch wieder zurück.

Von der Leyen blieb gleich beim Verbrenner

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fährt nach Angaben aus Brüssel übrigens eine konventionell angetriebene Sonderschutzlimousine. Begründung: Für diesen Einsatzzweck stünden keine geeigneten Elektroautos zur Verfügung. Ganz zutreffend ist das allerdings nicht: Mit dem BMW i7 Protection bietet BMW seit 2023 eine vollelektrische, gepanzerte Luxuslimousine an.
BMW i7 Protection
Der BMW i7 Protection bringt rund 4,4 Tonnen auf die Waage. Das hohe Gewicht dürfte den Stromverbrauch gegenüber einem normalen i7 deutlich erhöhen.
Bild: BMW Group
Der Haken: Das Sicherheitsniveau geht noch mehr auf die Hüften. Während ein normaler BMW i7 je nach Version bereits bis zu 2,8 Tonnen auf die Waage bringt, kommt der i7 Protection auf rund 4,4 Tonnen Leergewicht. Das wird sich auch beim Stromverbrauch bemerkbar machen. Die gepanzerte Version dürfte auf der Langstrecke deutlich mehr Energie benötigen und die Reichweitenproblematik weiter verschärfen.