Am Ende eines schnellen Tages ist es so wie bei den Cowboys, die müde, aber zufrieden in den Sonnenuntergang reiten. Du sortierst die Erkenntnisse, bist dankbar für das Erlebte und freust dich auf ein neues, frisches Pferd.
Wir haben unser neues, frisches Pferd gleich dabei, es ist mattgrau und glänzt nicht so schön wie das alte rote. Aber es ist schneller auf Trab und läuft viel harmonischer. So düsen wir also in den Sonnenuntergang und müssen Ihnen die Story doch von vorn erzählen.
Verbrenner trifft Elektriker, oder anders: alte und neue Welt auf einem gemeinsamen Roadtrip. Wir haben uns schlicht gefragt, ob GT auch ohne Hubraumgluckern und Auspuffgrummeln geht, also heimlich, still und leise. Dann standen Kia Stinger GT und Kia EV6 GT vor der Tür, und beinah wäre uns über die Lippen gekommen: "Sattel die Hühner, wir reiten nach Texas!" Was der Sache natürlich total unangemessen wäre.
Der EV6 GT fährt vorn in Richtung Zukunft: Subjektiv und objektiv ist der Stromer sportlicher und schneller als der gute alte Stinger.

Hier geht es um satte 366 PS aus einem V6-Turbo und derer 585 aus zwei E-Motoren, um herrliche 510 Nm Drehmoment mit dem Benziner und brachiale 740 im Stromer. Herrje, Zahlen; lass uns endlich losfahren.

Stinger war eine Herzenssache

Dass uns die Koreaner 2017 ein Auto wie den Stinger präsentiert haben, hat weniger mit Geschäftssinn und mehr mit Imagepflege zu tun. 424 dieser Autos hat Kia im vergangenen Jahr bei uns verkauft, das ist nicht viel, obwohl der Preis im Vergleich zu einem Audi S5 fair ist: 60.200 Euro für einen viertürigen 4,83-Meter-Sportler in Vollausstattung, lediglich der rote Dreischichtlack kostet 200 Euro extra, für Veloursleder und rote Gurte wollen die Koreaner 490 Euro, Glasdach (690 Euro) hat er nicht, Klappenauspuff für 2755 Euro auch nicht.
Für den einstigen Kia-Chefdesigner Peter Schreyer, der zuvor den Audi TT erfunden hatte, war der Stinger Herzenssache. Die lang gezogene Motorhaube, die flache Silhouette, die abfallende Dachlinie – so was in Verbindung mit einem V6 und Allradantrieb hatte Kia nicht, man erwartete es schlicht nicht von einer Marke, die bis dato für kleine Preise und sieben Jahre Garantie stand. Sie haben ihn in all den Jahren nicht gut verkauft, aber gut in Schuss gehalten.
Alte und neue Welt: Unter der Stinger-Haube arbeitet ein 3,3-Liter-V6, der EV6 GT hat vorne einen kleinen "Kofferraum".

Du trittst also aufs Gas, die Wandlerautomatik sortiert acht Gänge so schnell und harmonisch, als würdest du mit der Fernbedienung durchs TV-Programm flippern. Dann drückt es dich in den Sitz, du tauchst tief in die Kurve ein und denkst dir an deren Ende: Hat der Kerl eben mit dem Popo gewackelt? Denkt er, er wäre ein BMW?
Ganz gewiss kann das sein, denn neben Schreyer war auch Albert Biermann beteiligt, der früher die M-Modelle für BMW schneller und straffer machte. Wenn du dann auf der schmalen Landstraße den Sport-Plus-Modus einschaltest und der Allrad beinah die gesamte Kraft an die Hinterachse schickt, solltest du erstens gute Nerven haben und zweitens einiges an Geschick, so kurvengierig, so unersättlich fahraktiv wird der Stachel-Kia.
FAHRZEUGDATEN
Kia EV6 GT
Kia Stinger GT
Abzweigung
Motor
Abzweigung
Abzweigung
Leistung
Abzweigung
Abzweigung
max. Drehmoment 
Abzweigung
Abzweigung
Antrieb
Abzweigung
Abzweigung
L/B/H
Abzweigung
Abzweigung
Leergewicht
Abzweigung
Abzweigung
Kofferraum
Abzweigung
Abzweigung
Akkukapazität
Abzweigung
Abzweigung
Ladezeit
Abzweigung
Abzweigung
0–100 km/h
Abzweigung
Abzweigung
Höchstgeschw.
Abzweigung
Abzweigung
Verbrauch
Abzweigung
Abzweigung
Abgas CO2
Abzweigung
Abzweigung
Preis
Abzweigung
je ein Elektromotor an Vorder- und Hinterachse
430 kW (585 PS)
740 Nm 
Allradantrieb / Reduktionsgetriebe 
4695/1890/1545 mm 
2200 kg 
480–1260 l plus 20 l vorn (Frunk) 
77,4 kWh 
18 min (10-80 Prozent) 
3,5 s 
260 km/h 
20,6 kWh/100 km 
0 g/km 
ab 69.990 Euro 
Sechszylinder, Turbo
269 kW (366 PS)
510 Nm
Allradantrieb / Achtstufenautomatik 
4830/1870/1400 mm
1933 kg 
406–1114 l 
-
-
5,4 s 
270 km/h 
10,4 l S/100 km 
238 g/km 
ab 60.620 Euro 

Ist der V6-Stinger also der Himmel auf Autofahrer-Erden? Ja, gemessen an seinem Preis und in Verbindung mit dieser Leistung. Zumindest war er es eine ganze Zeit lang. Und jetzt denken wir wieder an die beiden Cowboys, die am Ende eines schnellen Tages gemeinsam in den Sonnenuntergang düsen. (7 Pässe in 7 Stunden: So sportlich ist der neue Kia EV6 GT unterwegs)
Später Nachmittag, wir stehen mit dem Stinger vor der Werkstatt von Cousin Olaf, Verbrenner-Verfechter, Saab-Schrauber. "Gib mal Gas", fordert er. Dann lacht er. Klingt wie Räuber in Zivil, ohne Sporttröte wie Pop und nicht wie Rock.  Olaf will trotzdem mal fahren. Dann grinst er: "Der funktioniert klasse, tolles Auto!"
Verkehrszeichen-Erkennung, Spurhalte-Assi – der EV6 hat alle Sicherheits-Features. Leider mit Gepiepse.

Wie wär’s mit ’ner schnellen Runde im EV6? "Nee", sagt er, "das Einzige, was bei mir elektrisch sein darf, ist der Toaster." Nach zwei Minuten ist er überredet, da ist die Sonne fast schon hinter den Baumkronen verschwunden. Wir sitzen gemeinsam im EV6 GT, 585 PS, je ein Motor an der Vorder- und Hinterachse, 710 Nm Drehmoment, also Flitzebogen, Gummigeschoss, Achterbahn.

EV6 überzeugt schon nach 10 Sekunden

Olaf tritt aufs Gas, jagt den Berg hoch, Magengrummeln, Mundwinkel verziehen sich nach hinten parallel mit der Beschleunigung. "IST! DAS! GEIL!" Der Cousin fährt zum ersten Mal E-Auto und kann nach zehn Sekunden sein Glück nicht fassen. "Aber bitte sag das keinem, ich hab einen Ruf zu verlieren." Nee, Olaf, bleibt unter uns!
Grob gesagt ist der EV6 GT eine Art Porsche Taycan zum halben Preis, daran wollen wir die Koreaner hier nicht erinnern, sonst machen sie ihn teurer, Wartezeit ist ja jetzt schon ein Jahr. Der EV6 ist komplett als E-Auto gedacht, die Batterien mit 77,4 kWh sitzen im Fahrzeugboden und sorgen mit 479 Kilogramm Gewicht für einen tiefen Schwerpunkt, was der Fahrstabilität zugutekommt.
Der Stinger ist ein GT alter Schule.

Die gleiche enge Kurve, bei der sich der Stinger mit Tempo 70 zur Seite geneigt hat, nimmt der EV6 ohne zu murren zehn Sachen schneller und denkt überhaupt nicht dran, irgendwie zu wanken. Sie haben auf der Hinterachse einen Motor eingebaut, deren Spulen sie mit Öl kühlen und der einen zweistufigen Inverter mit Siliziumkarbid-Halbleitern hat, womöglich aus der Weltraumforschung, jedenfalls fährt dieses Sportgerät, als wär’s vom anderen Stern.

Einer muss gehen

Du drückst den neongelben Knopf im Lenkrad, der GT-Modus stellt alle Antriebs- und Fahrwerksysteme auf pure Dynamik, im Drift-Modus leitet er sogar die komplette Power nach hinten, was wir Mamasöhnchen auf der Landstraße natürlich tunlichst unterlassen.
Was wir am EV6 GT anders machen würden? Weniger Hartplastik einbauen (die Gurtzungen poltern gegen die Verkleidung) und andere Sitze mit feinerer Justierung per Drehrad oder elektrischer Verstellung anbieten. Sonst muss er bleiben, wie er ist: hammerhart!
Der Kia EV6 ist ein 4,70-Meter-Elektroauto, als GT hat er zwei Motoren mit insgesamt 585 PS. Der Stinger hat seit 2017 als viertüriges Schrägheck Karriere gemacht: 366 PS starker V6, heckbetonter Allrad.

Und so stehen wir am Ende eines schnellen Tages vor zwei GT-Ideen, Olaf guckt auf den EV6 und grinst noch immer, ich streichle dem Verbrenner-Stinger liebevoll über den Lack: War schön mit dir, lass uns Freunde bleiben!