Nürburgring, Grand-Prix-Kurs, es regnet in Strömen. Trotzdem lassen wir uns nicht die Laune vermiesen. Schließlich erwarten uns zwei Kleinwagen der Extraklasse. Kleinwagen? Ja! Denn wir bitten die derzeit heißesten getunten Turboknirpse zum Tanz auf die anspruchsvolle Rennstrecke. Zunächst rollt Schäfer Clubsport mit einem veredelten Mini Cooper S in das Fahrerlager. Er ist per Trailer mit eigenem Servicewagen angereist und mit diversen technischen Schmankerln versehen. Schon im Stand versprüht dieser Mini jede Menge Rennsportflair – was nicht nur Sportfahrerherzen zu einer erhöhten Pulsfrequenz anregen dürfte. Dazu gesellt sich ein nicht minder auffälliger VW Cup Edition der noch relativ unbekannten Tuningschmiede Eversson Cartec. Schon von Weitem ist das dumpfe Grollen des EVC3 getauften GTI zu vernehmen, und jeder weiß jetzt, dass dieser Polo nicht zum Spielen angereist ist.

Der Polo versetzt den Fahrer in einen Beschleunigungsrausch

BTS Polo GTI Cup Edition
Aber sein potentes Auftreten ist berechtigt, generiert sein Turboherz doch unglaubliche 341 PS. Ein Wert, der so manchem Pseudo-Sportwagen gut zu Gesicht stehen würde und der unter Kleinwagen seinesgleichen sucht. Erreicht wird dieser Leistungsschub durch den Einbau eines größeren Turboladers der Marke Garrett. Ein üppig dimensionierter Ladeluftkühler sorgt dafür, dass dem Lader immer genügend lebensnotwendige Frischluft zugeführt wird. Dem Motor wird also nicht die Puste ausgehen. Dem Fahrer des EVC3 kann das durchaus passieren. Denn satte 419 Newtonmeter Drehmoment pressen ihn derart in den Sitz, dass er kurzzeitig völlig vergisst, einen Kleinwagen zu fahren und ungläubig nach Luft schnappt. Damit sich die Kupplung angesichts der immensen Leistung nicht nach kürzester Zeit in Rauch auflöst, verbaut Eversson Cartec eine verstärkte Version der Firma Sachs. Auch die Messwerte bestätigen, was man soeben am eigenen Leib zu spüren bekommen hat: Nach nur 12,2 Sekunden zeigt der Tacho bereits 180 km/h an. Unglaublich: Damit zieht dieser Polo mit einem 507 PS starken Mercedes CLK 63 AMG Black Series gleich! Nach kurzer Zeit hat man sich an die Kraftentfaltung des Motors gewöhnt, der anfängliche Beschleunigungsrausch ist verflogen.

Bei den Fahrleistungen kann der Mini Clubsport nicht mithalten

Schäfer Cooper S Clubsport
So konzentriert man sich auf andere Dinge. Auch wenn die Fahrleistungen auf waschechtem Sportwagenniveau liegen, zeugt im Cockpit nichts von den Urgewalten, die dieser Zwerg zu entfesseln im Stande ist. Bis auf die sehr gut ausgeformten Recaro-Schalensitzen entspricht der Innenraum der Serie. Wer mit dem ECS3 unterwegs ist, sollte ein gefestigtes Ego haben – sein Make-up ist nämlich sehr dick aufgetragen. Die changierenden Lichteffekte der sündhaft teuren Lackierung (6400 Euro) sind nicht jedermanns Sache. Der Polo-Pilot wird sich Vergleiche mit Jahrmarkt-Autoscootern gefallen lassen müssen. Eine derartige Optik passt jedoch nicht wirklich zu einem ernst zu nehmenden Sportler. Auch beim Bodykit wird geklotzt statt gekleckert. Zum Cup-Edition-Dachflügel gesellen sich Front- und Heckschürze sowie Seitenschweller von Ingo Noak. Leistungstechnisch kann der Schäfer Mini nicht ganz mit dem Polo mithalten. Schäfer realisiert durch die umprogrammierte Motorelektronik beachtliche 220 PS – nicht genug, um dem Wolfsburger beim Beschleunigungsrennen das Zepter zu entreißen – auch die Abmagerungskur durch das Entfernen der Rücksitzbank bringt da keinen nennenswerten Vorteil. So muss sich der Mini-Pilot mit einer Zeit von 20,4 Sekunden für den Spurt von 0 auf 180 km/h geschlagen geben.
Aber das Leistungsdefizit kann auch von Vorteil sein, denn der Mini punktet mit einer deutlich besseren Traktion. Auf Streckenabschnitten, wo der Polo trotz Sperrdifferenzials wild mit den Vorderrädern scharrt, zieht der Mini, von der vorherrschenden Feuchtigkeit nahezu unbeeindruckt, vorbei – trotz aufgezogener Semi-Slicks. Ganz ohne technische Hilfsmittel lässt sich dies aber nicht bewerkstelligen. So implantiert auch Schäfer ein Sperrdifferenzial. Die Wirkungsweise der Drexler-Sperre erfordert allerdings eine gewisse Eingewöhnungsphase. Unter Last zieht es die Mini-Vorderachse untypisch in die Kurve hinein. Untersteuern? Fehlanzeige! Selbst etwas zu optimistisch platzierte Bremspunkte verlieren so ihren Schrecken. Und auch ein per Lastwechsel provoziertes Ausbrechen des Hecks lässt sich problemlos parieren, der Fahrer kann das Auto zurück auf die Ideallinie bringen. Ein Challenge-Mini dürfte sich nicht viel anders anfühlen. Bei genauerer Betrachtung finden sich noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen dem Renn-Mini und dem Schäfer-Pendant. Recaro-Rennschalen samt Sechspunktgurten, Käfig und Stack-Multifunktionsdisplay findet man auch in Tourenwagen. Vor allem das Display hat uns erfreut. Neben Geschwindigkeit, Drehzahl, Ladedruck, Öl- und Wassertemperatur zeigt es auch den gerade eingelegten Gang an. Mehrere LED markieren durch Aufleuchten den optimalen Schaltzeitpunkt. Dazu wird jeder Gangwechsel vom Zwitschern des Pop-off-Ventils akustisch untermalt – das ist Rennsport pur. Griffgünstig nach oben versetzt wurde die Schaltkulisse. So greift die rechte Hand schneller vom Lenkrad zum Schaltstock und wieder zurück.

Dem Mini verhilft das Wetter zum Sieg auf der Rennstrecke

Schäfer Cooper S Clubsport BTS Polo GTI Cup Edition
Zwar können diese Gimmicks nicht ganz über die leistungsmäßige Unterlegenheit des Mini hinwegtrösten, der Motor verdient dennoch das Prädikat empfehlenswert. Die Leistungsabgabe verläuft fast über das komplette Drehzahlband linear. Es drückt einen zwar nicht so heftig in die Sitze wie im Polo, trotzdem kann der Mini am Ende die schnellere Zeit vorweisen. Bei Nässe lässt er zwischen sich und seinem Konkurrenten einen Abstand von fast drei Sekunden. Optisch reizt der Clubsport-Mini mit dem Anbauteile-Programm aus dem Original-Zubehör. Dieses umfasst Front- und Heckschürze sowie Seitenschweller. Schäfer steuert dazu noch eine geschlitzte Haube bei, die zu einer besseren Abfuhr der Motorwärme beitragen soll. Für 1800 Euro kommt beim Mini zusätzlich Farbe ins Spiel. Dach, Außenspiegel, Kühlergrillrahmen, Heckschürze und Käfig leuchten in grellem Grün. Auch wenn es nur kurzzeitig trocken gewesen ist, diese beiden Kraftzwerge haben den Tag gerettet und gezeigt, dass sich die "Großen" jetzt warm anziehen dürfen.

Von

Sebastian Schneider