Honda drehte lange frei. Im Civic Type R kreischte immer ein drehzahlgieriger Sauger, bevor die Japaner sich 2015 dem Turbolader ergaben. Bis dahin musste jeder noch so knappe Sieg über einen Dieselkombi mit emsiger Schaltarbeit und 8000er-Dauerdrehzahl erkämpft werden. Der jüngst vorgestellte Civic Type R ist mit 320 PS und 400 Nm bärenstark geraten und hat Anfang April 2017 mit 7:43,80 min einen neuen Nordschleifen-Rundenrekord für straßenzugelassene Fronttriebler aufgestellt. Damit schubste er den 310 PS starken VW Golf GTI Clubsport S (7:47,19 min) vom Thron.
Der stärkste Civic trägt sein Potenzial deutlich zur Schau
Video: Honda Civic Type R (2017)
Erste Fahrt im neuen Civic Type R
So weit, so beeindruckend – doch wir machen uns gern unser eigenes Auto-Bild. Dafür stellte uns Honda weit vor Produktionsanlauf im britischen Swindon ein Vorserienmodell zur Verfügung. Frontsplitter mit seitlichen Winglets, markige Schweller an den Seiten und am Ende die ganz große Oper: dachhoher Heckflügel, Diffusor, drei Auspuffrohre. Wo, bitte, wollen die Tuner da noch ansetzen? Geradezu schüchtern wirkt dagegen das Referenzauto: der Seat LeonCupra 300, der mit optionalem Performance-Paket (Michelin Sport Cup 2, Brembo-Bremsanlage) antritt. Nach Fertigungsende der Clubsport-Versionen des Golf GTI ist der Cupra aktuell der zweitstärkste Fronttriebler nach dem Civic Type R. Das Mini-Facelift 2016 brachte nach den Leistungsstufen 265, 280 und 290 PS nun endlich die Drei an der ersten PS-Stelle – und Allradantrieb für die Kombiversion. Ansonsten änderten sich nur Kleinigkeiten wie etwa das Infotainmentsystem.
Stopp, sagten wir gerade Kleinigkeiten? Stimmt nicht, denn Seat hat dem Leon den Handbremshebel amputiert und durch eine fiese kleine Feststelltaste ersetzt. Schade, damit geht – wie auch beim Honda – eine weitere manuelle Eingriffsmöglichkeit in den Fahrbetrieb verloren. Und noch etwas ist uns aufgefallen: Das sehr punktuelle Abblendlicht der überarbeiteten, serienmäßigen LED-Scheinwerfer blendet stark. Doch sonst fährt sich so ein Leon Cupra noch immer frisch. Das Lenkrad bestens geformt und griffig, die Lenkung leichtgängig und präzise, der Schalthebel flüssig flutschend, Ergonomie, Materialgüte, Verarbeitung und Federungskomfort restlos überzeugend. Und der Motor, tja, der hat wirklich Wucht. Nach kurzem Luftholen stemmt er seine 380 Nm unerbittlich ins Getriebe und peitscht den Leon unter Zuhilfenahme seiner mechanischen Differenzialsperre weitgehend schlupffrei voran.
Enorm traktionsfördernd wirken sich dabei die19 Zoll großen Michelin Sport Cup 2 aus, die neben den größeren vorderen Bremsscheiben mit Brembo-Sätteln zum Performance-Paket (im Testwagen das sogenannte Black-Paket für 4280 Euro) zählen. Die damit möglichen Kurvengeschwindigkeiten sind enorm; wo Mitbewerberprodukte längst untersteuern, folgt der Cupra immer noch – mit deutlicher Seitenneigung – sauber der Linie. Und das alles ohne große Zugeständnisse bei nasser Fahrbahn, auch hier kommt der Michelin-Semislick überraschend gut klar.
Kurvenräubern wird im Type R zum großen Vergnügen
Super abgestimmt: Die feinfühlige Lenkung gibt klare Rückmeldung, Antriebseinflüsse bleiben draußen.
Bild: Ronald Sassen
Mag der straßenorientierte Continental SportContact 6 des Honda dem Michelin auf nasser Fahrbahn noch leicht überlegen sein – bei Trockenheit hat er klar das Nachsehen. In einer mehrfach gefahrenen, sich zuziehenden Hundskurve reißt nach wunderbar agilem Einlenken zum Ende hin stets der Grip ab, und der Type R untersteuert, wohingegen der Cupra stoisch den eingeschlagenen Kurs hält. Okay, das ist eine Frage der Reifenwahl – aber wie funktioniert der Type sonst? Ganz hervorragend! Denn seine Lenkung ist mindestens ebenso präzise und direkt übersetzt wie die des Cupra, bietet aber wesentlich mehr Rückmeldung von der Straße. Sämtliche Poren des Asphalts fließen über das griffige Lenkrad in die Finger, das Haftungsniveau der Vorderachse lässt sich stets kristallklar spüren. Zudem ist es Honda gelungen, Antriebseinflüsse fast gänzlich aus der Lenkung zu eliminieren – eine echte Leistung bei einem 320-PS-Frontkratzer.
Weitere Details zu den beiden Sportlern finden Sie in der Bildergalerie.