Eine Milliarde Euro hat Mercedes im Jahr 2022 allein mit Softwareprodukten, wie Navigationslösungen, Echtzeit-Verkehrsdaten oder Karten-Updates eingenommen – Tendenz steigend, bis Ende des Jahrzehnts will man an die Zehn-Milliarden-Marke heranrücken. Um das zu schaffen, stecken die Schwaben in den kommenden Jahren ein Viertel ihres gesamten Entwicklungs-Budgets in den Bereich Software.
Herzstück des Investments ist das neue Mercedes Benz Operating System (MB.OS), ein Betriebssystem, das in wenigen Jahren mit der Einführung der neuen MMA-Plattform für kompakte und mittelgroße Elektroautos, also die elektrischen Nachfolger von A- und C-Klasse, an den Start geht und später über das ganze Portfolio ausgerollt werden soll. Im Rahmen eines Strategie-Updates hat Mercedes jetzt neue Details verraten.

MB.OS als Fundament

Die Rede ist bei MB.OS von einer hauseigenen Entwicklung. Ein Begriff, den der oberste Programmierer der Stuttgarter, Chief Software Officer Magnus Östberg, gar nicht so sehr mag. Man arbeite Hard- und Software-seitig mit bewährten Systemen und Techniken, so der Schwede, der seit gut anderthalb Jahren im Amt ist, entwickele daraus aber eine eigene Architektur. Ein Fundament, auf dem dann das große Software-Haus aufbaut – zugeschnitten auf die Bedürfnisse eines Luxus-Autobauers.

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Und Luxus kann auch mal weniger als mehr sein: Aktuell kommen teilweise über einhundert Steuergeräte im Auto zum Einsatz, zukünftig will Mercedes, wie etwa auch Tesla, auf nur noch vier Car-Computer setzen. Statt vieler Komponenten, die nur wenig können, soll ein zentrales Nervensystem stehen, das die immer komplexeren Funktionen bewältigt. Die neue Software greift dabei auch auf alle Fahrzeugbereiche zu, nicht nur das Infotainment, sondern auch auf den Antriebsstrang, das Fahrwerk, die autonome Fahrfunktionen oder die Ladetechnik.
Das Ziel: Eine "outstanding customer experience", so Mercedes-Boss Ola Källenius, also ein Nutzererlebnis, das einem Luxusautobauer gerecht wird. Ein wichtiger Aspekt dabei: die Update-Fähigkeit und damit die Chance für den Hersteller, schnell auf Kundenbedürfnisse reagieren und auch nach dem Fahrzeugkauf noch eine Geschäftsbeziehung aufrechterhalten zu können. Kurzum: ein Fundament, das ein deutlich größeres, schöneres, besseres Haus tragen kann, als das aktuelle.

Neue Navigation mit Google Maps

Eines der neuen Features: eine neue Navigation, auf Basis von Google Maps. Neben bekannten Funktionen wie Staudaten, integriert Mercedes zum Beispiel auch exakte Informationen über die Reichweite von E-Autos in die Navigation. Möglich macht es die zentrale Software-Einheit, die auch Zugriff auf die Autodaten hat. Von Google holen sich die Schwaben dazu Informationen zu rund 200 Millionen Orten weltweit ins Auto, unter anderem Öffnungszeiten von Geschäften, Fotos und Bewertungen. Die gute Nachricht: Diese "Place Details" kommen nicht erst mit der neuen Software-Generation, sondern stehen allen Autos mit aktuellem MBUX-Infotainment ab sofort zur Verfügung.
Der eigentliche Clou aber: Obwohl zukünftig die Routenplanungs-Technik von Google dahintersteckt, sieht die Navigation nach Mercedes aus. Östberg erklärt es so: Mercedes baut das Fundament, baut das Haus (hier kommt auch die Hardware ins Spiel, zum Beispiel die neuesten High-End-Displays), gestaltet die Fassade nach seinen Vorstellungen. Aber die Stuttgarter vermieten einzelne Zimmer in ihrem Haus an Partner – wohlgemerkt: vermieten. Eigentumswohnungen im neuen Software-Haus werden nicht verkauft! Was es noch gibt: eine Nachbarschaft, in der sich diverse Cloud-Dienste ansiedeln können.
Neues Betriebssystem MB.OS von Mercedes
Das neue Betriebsystem MB.OS ist das Fundament, auf dem Mercedes sein neues "Software-Haus" aufbauen will – nach eigenen Vorstellungen, mit Mercedes-typischer Fassade, aber mit Zimmern, die an Partner vermietet werden, zum Beispiel an Google. Das Ziel: Das beste Nutzererlebnis.
Bild: Hersteller

Es überrascht nicht, dass Google nur einer von mehreren  Mietern – pardon, Partnern, ist, mit denen Mercedes kooperieren will und wird. Gemeinsam mit den jeweils führenden Anbietern in den jeweiligen Bereichen soll auch das Angebot in Sachen Video, Unterhaltung und Arbeits-Apps ausgeweitet werden. Einen Vorgeschmack gibt bereits die neue E-Klasse, die zum Beispiel Videocalls über Zoom und Webex ermöglicht – inklusive eigener Webkamera auf dem Armaturenbrett. Und auch die Zync-Kooperation gibt schon seit einiger Zeit einen Ausblick darauf, was noch kommen kann. Der Streaming-Dienst erlaubt es schon heute, Spielfilme und Serien ins Auto zu holen – eine Technik, für die die AUTO BILD-Leser Mercedes mit dem Connected Car Award ausgezeichnet haben.

Technik-Upgrads over the air

Ein weiteres Großprojekt der Stuttgarter, das von reibungsloser Software abhängig ist: autonomes Fahren. Als erster Hersteller bietet Mercedes Level 3 an, ein Modus, bei dem der Fahrer nicht ständig auf die Straße gucken muss. Das geht in Deutschland aktuell bis 60 km/h, zukünftig soll der rechtliche Rahmen bis Tempo 130 voll ausgenutzt werden. In den USA dagegen müssen die Augen derzeit noch immer auf die Straße gerichtet sein, dafür sind hier bereits selbstständige Spurwechsel erlaubt, die der heimische Gesetzgeber noch nicht zulässt – beides soll irgendwann zusammenspielen, Autobahnfahrten von A nach B damit quasi vollständig autonom machbar sein. Die Technik dafür wird zukünftig immer an Bord sein, zunächst für Level 2, später für weitergehende Fähigkeiten. Heißt: Einzelne Funktionen können dann auch nachträglich per Update dazugekauft oder für einen bestimmten Zeitraum gebucht werden.
Neues Betriebssystem MB.OS von Mercedes
Alle neuen Mercedes-Modellen sollen zukünftig standardmäßig mit umfangreicher Sensorik ausgerüstet werden – auch für Funktionen, die der Kunde nicht mitbestellt. Diese können dann nachträglich "over the air" gekauft werden.
Bild: Hersteller
Gebündelt wird das Angebot unter dem Namen MB.Drive. Entertainment-, Navigations- und weitere Technik-Features will Mercedes im Paket MB.Connect verkaufen, unter dem Begriff MB.Charge werden alle Dienste rund um das Elektroautoladen gebündelt, inklusive spezieller Ladetarife. All diese Upgrades passieren rein virtuell, "over the air", ohne dass das Auto in die Werkstatt muss. Mercedes-Boss Ola Källenius vergleicht es mit einem Weinkeller – und dem Winzer, der jedes Jahr den neuesten, besten Wein vorbeibringt und einlagert. Doch ganz egal, ob virtuelle Fahrzeugfunktionen oder edler Tropfen – beides gibt es natürlich nur gegen echtes Geld.