Der Mercedes-Benz W 124 ist ein beliebter Oldtimer. Umso begehrter dürfte eines der seltenen Exemplaren mit V8 sein. Denn für das Auto gilt wie für andere Modelle, deren Motorenpalette von schwach bis superstark reicht: Der Kontrast zwischen harmlosem Äußeren und furiosem Innenleben wirkt immer verblüffend. So auch hier: Dieser 400 E gehört zur ersten E-Klasse von Mercedes aus den späten 1980er-Jahren, mit einem Design aus dem Zeitalter der Neo-Sachlichkeit.
Hinweis
Mercedes-Benz W 124 400 E bei eBay
Mit anderen Worten: Das Auto ist die blecherne Wiedergeburt eines braven Büroangestellten. Gradlinig, schmucklos, im Grunde langweilig. Aber unter der Haube gab es eben nicht nur schwerfällige Diesel oder 2,3-Liter-Benziner: Der 400 E hat einen V8 mit 239 PS an Bord.

In 7,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h

Dieses edle Aggregat brummelte zeitgleich in der fetten S-Klasse W 140, später im SL (R 129) und schließlich – Höhepunkt seiner Karriere – auch im W 210, nachdem Mercedes-Hoftuner AMG ihn zum 6.3 aufgebohrt hatte. Da bollerten dann 405 PS. Aber schon der biedere W 124, auch der konnte anders. Bereits der M 119, so die Benz-Bezeichnung, sorgt hier für signifikante seismische Erschütterung. In 7,2 Sekunden schießt er die nur wenig über 1,5 Tonnen schwere Limo aus dem Stand auf 100 km/h. Schluss ist erst bei etwa 250 km/h.
eBay  Mercedes Benz 400E
Weiße Unschuld: Der Benz sieht spontan nach Underperformer aus. In Wahrheit ist er ein Platzhirsch.
Der eBay-Mercedes, den ein Privatbesitzer aus Celle in Niedersachsen anbietet, wurde vor einigen Jahren aus den USA importiert. Er ist aus 1992, kann also 2022 das H-Kennzeichen bekommen, dann fährt man äußert günstig und hat Zufahrt zu allen Umweltzonen. Natürlich säuft er wie ein Loch, aber zum Dauer-Vollgas ist dieses technische Wunderwerk auch viel zu schade.
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Braunes Leder inklusive Lenkrad: Die Rücksitze sehen aus, als ob sie gerade frisch bezogen wurden.

Vollausstattung inklusive Leder & CD

Der Wagen hat Vollausstattung: Dazu gehört Klimaautomatik, elektrisches Schiebedach, elektrische Sitzverstellung (schon damals mit der Sitz-Kulisse in der Tür), Lederausstattung (inklusive Lenkrad), Leichtmetallfelgen, Scheinwerferreinigungsanlage, Tempomat, Fahrer- und Beifahrer-Airbag (super selten!), Berganfahrassistent sowie CD-Spieler. "Klar hat er Gebrauchsspuren", schreibt der Anbieter lakonisch. Zumindest auf den Fotos ist nicht viel Negatives zu finden – diese Ur-E-Klasse sieht gut aus. Offenbar wenig UV-Schäden, anders als viele US-Importe aus New Mexico oder Kalifornien.
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Brummel-Bär: Der V8 mit 239 PS aus vier Liter Hubraum versteckt sich unter einer Plastikblende.

Kleiner Wermutstropfen: Der Benz hat zwar TÜV bis April 2023, aber aufgrund des Saisonkennzeichens kann der Wagen erst wieder ab dem 1. Mai gefahren werden. Wer also jetzt zuschnappen will, muss vor Ort ein Kurzzeit-Kennzeichen beantragen, um eine ausgiebige Probefahrt inklusive Durchsicht auf der Hebebühne zu absolvieren. Ohne dem sollte man den Wagen nicht kaufen, Rostprobleme und Öllecks lassen sich nur von unten diagnostizieren.
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Zur Vollausstattung gehört auch eine Soundanlage inklusive CD-Spieler, dazu Fahrer- und Beifahrer-Airbag.

Tachostand nicht ausschlaggebend für diesen Motor

Der Anbieter verlangt 13.999 Euro – das ist so viel, wie ein neuer VW Up kostet! Der Benz ist natürlich nicht neu: Er ist 137.000 Meilen gelaufen, das sind rund 220.000 km. Aber wir meinen: ein Witz für diesen Motor. Ein Blick auf die Marktlage: 400 E in gutem Zustand taxieren Experten auf mindestens 13.000 Euro, aber bei der üppigen Ausstattung kann der Preis auch erheblich höher liegen. Also: Nicht lange grübeln, sondern angucken – und bei Gefallen Gas geben!

Von

Roland Wildberg