Der Bordcomputer der S-Klasse gibt Gymnastik-Tipps. Dazu liefert der neue Reihensechser nicht nur leise Töne. Wir haben den Mercedes getestet.
Bild: Toni Bader / AUTO BILD
Joachim Staat
Kreisen Sie die Schultern", gurrt die Frauenstimme, so weich wie in der Yoga-Runde. Dazu läuft im Display eine Animation, darin rotiert ein Pfeil um den Oberarm. Lockermachen am Lenkrad? Das Gymnastik-Programm, das in der Mercedes S-Klasse unter dem Menüpunkt "Training" läuft, geht sogar im Fahren weiter. "Ziehen Sie die Schulterblätter zusammen", fordert die Yoga-Tante mit dem Sex-Appeal von Vollkornkeksen mit Vanilletee. Nöö, da genießen wir doch lieber den Sechs(-Zylinder) da vorn.
Das Motorenkonzept verspricht mehr Laufruhe
R statt V: Im Bug der S-Klasse summt zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder ein Reihensechszylinder.
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Denn unter der Motorhaube geht es ganz anders ab, dort summt der erste Reihensechszylinder seit 20 Jahren. Das heiß ersehnte Comeback dieser Bauweise. Sechs Töpfe hintereinander wie die Soldaten versprechen eine bessere Laufruhe als beim bisherigen V-Motor. Danach im perfekt gedämmten S 450 zu forschen, ist aber ungefähr so schwierig wie die nächtliche Suche nach einer Mücke in der Hotelsuite. Denn im proppenvollen Motorraum steckt weit mehr als die neue Bauform: Ein Startergenerator schiebt kurzzeitig 16 kW oder 250 Nm ins Getriebe, füllt das Turboloch oder rekuperiert Energie ins 48-Volt-Netz. Das treibt elektrisch den zweiten Lader, Wasserpumpe und Klimakompressor an, das Riemengeschlängel vorm Motor entfällt. Früher wäre der S 450 als "Mildhybrid" durchgegangen, denn er fährt nicht rein elektrisch, kann aber – selten – mit "Motor aus" segeln.
Fahrgeräusche sucht man in der S-Klasse vergeblich
Typisch S-Klasse: Das Mercedes-Flaggschiff bleibt auch bei hohem Tempo für die Passagiere flüsterleise.
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Vom ganzen Theater spürt der Fahrer: nichts. Null. Bei Tempo 50 rollt die S-Klasse so leise, dass man sich atmen hört. Ab 100 rauscht der Wind um die Außenspiegel lauter als der Motor, der bis auf ein Miniloch ansatzlos dreht – fast wie ein E-Motor. Erst bei Vollgas über 4000 Touren holt der Mercedes eine leise BMW-Trompete heraus, schließlich wollen die 367 PS (plus 22 elektrische) inszeniert sein, falls die Insassen vor lauter Dämmung nichts von den 5,2 Sekunden bis 100 km/h mitbekommen. Sehr dezent, sehr edel. Der Startergenerator dämpft den Leerlauf exakt auf schleichend weiche 520 Umdrehungen in der Minute, das Start-Stopp-System schaltet den Motor schon beim Ausrollen ab – oder lässt ihn laufen, wenn die Radarsensoren melden: Da vorn geht's gleich weiter. Große Show.
Am wichtigsten bleiben die 9,0 Liter Testverbrauch für einen Zwei-Tonnen-Brocken. Mit der weich gespreizten Automatik ist auch eine Sieben vorm Komma drin, Autobahnhetze kostet schon mal 16 Liter. Jetzt holen die Fuhrparkleiter die Taschenrechner raus und kalkulieren, wie der saubere Benziner (mit Partikelfilter!) gegen den neuen Diesel abschneidet.
Beim Facelift wurde leider auch der Rotstift angesetzt
Kulturschock für Mercedes-Fans: Der Distronic-Hebel unter dem Lenkrad ist weggespart worden.
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Der S 400 d 4Matic ist ebenfalls ein Reihensechser, kommt mit SCR-Kat, aber ohne das 48-Volt-Netz und kostet 2856 Euro weniger – auch weil Mercedes sich das Elektrozeug im Benziner teuer bezahlen lässt. Der bisherige S 400, mit 333 PS auch kein Schwächling, war über 5000 Euro günstiger. Einfach gefragt: Ist perfekte Laufruhe so viel wert? Natürlich brachte das Facelift dem Flaggschiff noch weitere Detailpflege. Neu sind der Kühlergrill, superhelles LED-Licht mit 650 Meter Reichweite (1999 Euro extra), die Heckschürze und Teile des Cockpits. So wedelte unser Mercedes-Fachmann Lars Busemann kulturgeschockt mit der linken Hand unterm Lenkrad. "Kein Distronic-Hebel mehr! Weggespart!" Die Tasten des Abstandhalters stecken in den neuen Lenkrädern – unter den kleinen Touchfeldern, die ebenso verwirren wie in der E-Klasse.
Jetzt gibt es vier Eingabewege: über die Felder, den Comand-Hebel, das Touchpad da-rüber oder die erweiterte Spracheingabe. Wie schön, dass Mercedes auf Gesten wie im BMW 7er verzichtet. Die schönste Geste bleiben die Sechs da vorn.
Fazit
von Joachim Staat
Der Reihensechser erfüllt alle Erwartungen: Er läuft kraftvoll, kultiviert und sparsam - und erfüllt die S-Klasse mit der entrückten Würde, die sie ausmacht. Die bittere Wahrheit lautet, dass Sparen mit 48 Volt sehr teuer ausfällt.