Mercedes SLR McLaren Stirling Moss (2025)
16 Jahre alter Mercedes sorgt für Menschenauflauf

Wie fällt man zwischen Ferrari, Bugatti, Pagani und Co am meisten auf? Mit einem 16 Jahre alten Mercedes. Erlebnisbericht im SLR McLaren Stirling Moss!
Bild: Mercedes-Benz AG
Kameras und Smartphones überall – in meinem gesamten Leben wurde ich noch nicht so oft fotografiert wie heute. Ich fühle mich wie ein Star. Doch der Star bin nicht ich, sondern das Auto. Ich sitze in einem von nur 75 jemals gebauten Mercedes SLR McLaren Stirling Moss und fahre den idyllischen 17-Mile-Drive in Pebble Beach entlang!
Auf der malerischen Küstenstraße gilt ein striktes Tempolimit von 25 mph, umgerechnet 40 km/h, an das ich mich besser halte, denn die amerikanischen Cops sind nicht zu Scherzen aufgelegt. Erst recht nicht während der Monterey Car Week.
Gut, dass ich zuvor die Chance hatte, den Stirling Moss auf der Rennstrecke zu fahren. Dazu spulen wir drei Stunden zurück: Ich stehe im Paddock des Laguna Seca Raceway, ziehe mir einen zu großen Helm auf und steige in einen Mercedes 300 SLR des Typs W 196 S. In so einem SLR gewannen Stirling Moss und Denis Jenkinson 1955 die Mille Miglia und stellten einen bis heute gültigen Rekord auf.

1955 gewann Mercedes mit dem 300 SLR die Sportwagen-Weltmeisterschaft, 70 Jahre später darf ich auf dem Beifahrersitz des W 196 S Platz nehmen.
Bild: Mercedes-Benz AG
70 Jahre später darf ich auf dem Beifahrersitz des nahezu unbezahlbaren Silberpfeils Platz nehmen. Am Steuer sitzt Uwe, der das Auto kennt wie kaum ein anderer und der den 300 SLR auf der 3,6 Kilometer langen Rennstrecke von Laguna Seca artgerecht bewegt. Ich bin mir sicher, dass Sir Stirling Moss die Fahrt anerkennend abnicken würde. Noch während ich mich an dem brutalen Sound des Dreiliter-Achtzylinders und dessen herrlichen Fehlzündungen erfreue, biegen wir in die Boxengasse ab.
Das Original ist praktisch unbezahlbar
Jetzt bin ich dran. Aber nicht im 300 SLR, dessen Wert bei schätzungsweise 40 bis 50 Millionen Euro liegen dürfte, sondern im SLR McLaren Stirling Moss, der mittlerweile auch etwa vier Millionen Euro kostet. Ich schwinge mich in den roten Schalensitz, schließe die schmale Schmetterlingstür, schnalle mich an, ziehe den klobigen Gangwahlhebel nach hinten und warte darauf, dass Uwe vor mir losfährt.

Der Sound des 300 SLR ist ohrenbetäubend, da kann die moderne Reinkarnation nicht ansatzweise mithalten.
Bild: Mercedes-Benz AG
Gesagt, getan – im nächsten Moment gibt Uwe ordentlich Gas. Dank 650 PS und 820 Nm aus dem 5,4-Liter-V8-Kompressor, der auch in allen anderen Versionen des SLR McLaren zum Einsatz kommt, habe ich keine Mühe, am 70 Jahre alten Rennwagen vor mir dranzubleiben. Während ich die Boxengasse verlasse, wird mir klar, wie surreal diese Situation ist. Ich sitze in einem von nur 75 jemals gebauten Mercedes SLR McLaren Stirling Moss und folge einem 1955er 300 SLR in Laguna Seca, eben jener Rennstrecke, die ich bisher nur aus dem Rennspiel Gran Turismo kannte. Und ganz obendrein schauen mir noch Tausende Menschen bei diesen Demorunden zu. Ich bin gerade ein sehr glücklicher Mann.
V8-Kompressor als Frontmittelmotor
Am Ende der Start-/Zielgerade geht es scharf links in die "Andretti Hairpin", und schon beim ersten Einlenken merke ich, dass auch der seltenste SLR kein Rennwagen ist. Denn: Auch wenn der V8-Kompressor (M 155) als Frontmittelmotor verbaut ist, ist der 1551 Kilo schwere Stirling Moss in engen Kurven kopflastig und neigt zum Untersteuern. Schon nach einer Kurve reift in mir die Erkenntnis: Ein Kurvenräuber wird der moderne SLR wohl nicht mehr.
Egal, ich habe am Steuer trotzdem einen Heidenspaß. Das liegt neben dem famosen V8 vor allem daran, dass Fahrer und Beifahrer den Elementen im SLR Stirling Moss völlig ungefiltert ausgesetzt sind. Als die letzte Iteration des SLR McLaren 2009 auf den Markt kam, war das Auto seiner Zeit voraus. Lange vor dem aktuell anhaltenden Barchetta-Trend im Super-/Hypersportwagen-Segment (Ferrari Monza SP1/SP2, McLaren Elva, Aston Martin Speedster) brachte die Kooperation von Mercedes und McLaren ein Auto ohne Dach (auch kein Notverdeck) und ohne Windschutzscheibe hervor. Viel radikaler geht es nicht.
Der Wert des Stirling Moss hat sich vervierfacht
Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben, dass sich die 75 SLR Stirling Moss zum Basispreis von 892.500 Euro nur schleppend verkauften. Gute 15 Jahre später hat sich der Wert in etwa vervierfacht – Tendenz weiterhin steigend.
Am Steuer bin ich froh, dass der Helm mich immerhin vor kleinen Steinen und Insekten schützt. Als ich auf der Start-/Zielgeraden bei knapp 200 km/h merke, wie sich mein festgezurrter Helm langsam hebt, muss ich kurz daran denken, dass Mercedes den Topspeed des SLR Stirling Moss mit 350 km/h angegeben hat. Ob wohl jemals ein Stirling-Moss-Besitzer die Höchstgeschwindigkeit getestet hat?

Einen Mercedes SLR McLaren auf der legendären Rennstrecke Laguna Seca fahren zu dürfen, ist ein ultimativer Bucketlist-Moment.
Bild: Mercedes-Benz AG
Knappe 200 km/h reichen mir jedenfalls vollkommen, ohne Dach und Scheibe fühlt es sich in diesem Moment eher nach 300 km/h an. Dass der V8 noch reichlich Reserven hat, wage ich nicht zu bezweifeln. Die 650 PS und 820 Nm schieben brutal an und lassen sich auch von der gemütlich agierenden 5G-Tronic nicht aufhalten. Vom charakteristischen Kompressor-Sound höre ich allerdings gar nichts, denn der wird vom 300 SLR vor mir übertönt.
Noch einmal durch die berühmt-berüchtigte Corkscrew (was für ein Gefühl in der Magengrube!) und ich biege nach links in die Box ab. Mein Laguna-Seca-Abenteuer ist vorbei, doch das nächste Erlebnis steht mir noch bevor. Nach einer kurzen Verschnaufpause darf ich den SLR McLaren Stirling Moss von Mercedes-Benz Classic auf dem bekannten 17-Mile-Drive bewegen.
Jeder Meter ist ein Erlebnis
Trotz der gut gemeinten Hinweise des Mercedes-Teams entscheide ich mich auf öffentlichen Straßen gegen einen Helm. Eine Sonnenbrille muss reichen, schließlich will ich die volle SLR-Stirling-Moss-Experience erleben. So finde ich heraus, dass Geschwindigkeiten bis 70 km/h vollkommen okay sind. Darüber wird der Fahrtwind langsam unangenehm. Aber auch das verkommt zur Nebensache. Der Blick auf die endlose Motorhaube und das jetzt deutlich wahrnehmbare V8-Blubbern entschädigen für ein bisschen Wind. Außerdem habe ich es mir so ausgesucht.
Es ist verrückt, aber im SLR Stirling Moss fühlt sich einfach alles spektakulär an – sogar im Stau stehen. Bereits auf dem etwa 25 Kilometer langen Weg wird das Auto unzählige Male fotografiert, doch das ist noch nichts verglichen mit dem, was uns an der gewählten Fotolocation am 17-Mile-Drive erwartet. Bereits entlang der Küstenstraße stehen überall Carspotter, die Kameras und Smartphones zücken. Normalerweise wäre ich einer von ihnen, aber heute ist nichts normal.

Auffallen um jeden Preis? Mit einem SLR Stirling Moss ist das überhaupt kein Problem.
Bild: Mercedes-Benz AG
Als ich den Stirling Moss kurze Zeit später parke, dauert es keine 30 Sekunden, bis geschätzte hundert Leute den Supersportwagen umzingeln. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich gesagt, dass der ganze Rummel inszeniert ist. Doch das Mercedes-Classic-Team ist genauso überrascht wie ich. Kaum zu glauben, dass ein 16 Jahre altes Auto für so viel Aufruhr sorgt. Phänomenal.
Der Stirling Moss ist ein Showstopper
Das Schönste an dieser Szene ist, dass ich ausschließlich in glückliche Gesichter blicke. Noch während des Aussteigens bedanken sich völlig fremde Menschen bei mir für die Möglichkeit, sich den Stirling Moss aus nächster Nähe anschauen zu können. Dabei höre ich mehr als einmal, wie gesagt wird, dass der Stirling Moss das Highlight der Monterey Car Week sei. Angesichts der Präsenz von Hypercars wie Bugatti, Koenigsegg, Pagani und Co. eine Art Ritterschlag.
Aus unserem geplanten Fotoshooting wird ein regelrechtes Happening, das erst unterbrochen wird, als ich zur finalen Fahrt im SLR Stirling Moss aufbreche. Der letzte Programmpunkt sieht Fahraufnahmen am 17-Mile-Drive vor, und trotz des 40-km/h-Tempolimits wird mir diese Fahrt für immer im Gedächtnis bleiben. Kurz bevor ich wieder auf den Parkplatz abbiege, fahre ich an einem auf 50 Exemplare limitierten Lexus LFA Nürburgring Edition vorbei, als dessen Fahrer und ich praktisch zeitgleich einen "Daumen hoch" zeigen.

Auch als ultraseltener Stirling Moss mutiert der SLR nicht zum Kurvenräuber. Dafür ist das Erlebnis ohne Windschutzscheibe und Dach so intensiv wie bei kaum einem anderen Auto.
Bild: Keno Zache
Im nächsten Moment parke ich den SLR Stirling Moss, drehe den Schlüssel um, halte einen Moment inne. Ich öffne ein letztes Mal die schmale Schmetterlingstür – was für sich genommen schon ein Spektakel ist –, versuche so elegant wie möglich auszusteigen und reiche Frank von Mercedes-Benz Heritage den schlichten Schlüssel. Meine Zeit mit dem Stirling Moss ist vorbei, die Erinnerungen bleiben für immer, die Sturmfrisur nur bis abends. Ich bin gerade ein sehr glücklicher Mann.
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