Lack und Leder gibt es zwar schon heute mehr als genug, und Premium-Preise verlangen sie natürlich immer. Doch egal wie hübsch Mercedes die V-Klasse auch ausstaffiert hat – ihre Herkunft vom Hinterhof kann sie bislang nicht verhehlen. Stattdessen ist sie – genau wie die Konkurrenz aus Wolfsburg oder Köln – dem Wesen und natürlich auch dem Fahrgefühl nach immer ein Transporter geblieben.
Doch damit soll jetzt endgültig Schuss sein. Denn wenn die Stuttgarter Van-Sparte ihre Flotte mit dem Generationswechsel für die V-Klasse im Jahr 2026 auf eine eigene Elektroarchitektur umzieht, hängt die V-Klasse endlich den Blaumann in den Schrank und zieht den Boss-Anzug an. So wird sie zu einem waschechten Pkw, der sich eher mit einer S-Klasse oder zumindest einer E-Klasse messen will als mit einem VW Multivan oder einem Hyundai Staria.

Mercedes V-Klasse ohne gewerbliche Variante

Zwar werden Kuriere künftig nicht selber laufen müssen, und kein Elektriker muss seine Kabeltrommeln schleppen. Doch eine gewerbliche Variante der V-Klasse wird es künftig nicht mehr geben.
Mercedes V-Klasse Prototyp
Genau wie S-Klasse und Co bekommt auch die Mercedes V-Klasse erstmals eine Hinterachslenkung.
Bild: Mercedes-Benz AG
Das zumindest ist der Anspruch, mit dem Andreas Zygan als oberster Entwickler der Sparte die Familienplanung voran- und die einzelnen Mitglieder weiter denn je auseinandertreibt. Dumm nur, dass er dazu zwar viel erzählen, aber bis dato wenig zeigen kann.
Weil auch die Premiere einer ersten Designstudie auf der Autoshow in Shanghai noch bald sechs Wochen hin ist, öffnet er jetzt zumindest schon mal die Türen zu ein paar frühen Prototypen. Und räumt dabei sogar den Fahrersitz.
Denn wichtiger als Furz und Feuerstein im Fond ist ihm bislang noch das Fahrgefühl in der neuen Baureihe, weil schon das einen gravierenden Unterschied macht. Man sitzt deshalb nicht mehr auf, sondern tief im Sessel und wähnt sich am Steuer eher wie in einem großen SUV als einem kleinen Lastwagen.
Mercedes V-Klasse Prototyp
500 Kilometer Aktionsradius könnten mit der neuen elektrischen Mercedes V-Klasse möglich sein.
Bild: Mercedes-Benz AG
Und natürlich hebt auch der E-Antrieb die Stimmung. Erstens, weil er reichlich Kraft hat und einen so kräftigen Antritt. Und zweitens, weil die Ruhe natürlich perfekt zum Reisen passt und es im riesigen Resonanzraum sonst schnell unangenehm laut dröhnt.

Nah dran an der S-Klasse

Sanft und smooth gleitet der Raumfahrer dahin, als wäre er nicht auf schartigem Asphalt unterwegs, sondern auf der Milchstraße. Tritt kräftig an und rollt gediegen ab. Da kommt der Van einer der S-Klasse schon jetzt tatsächlich näher als einem Sprinter.
Er ist deutlich schneller als der aktuell bei 140 km/h abgeregelte EQV und wirkt neuerdings so handlich wie eine A-Klasse neben einem Actros. Kein Wunder, genau wie S-Klasse und Co bekommt auch die V-Klasse erstmals eine Hinterachslenkung, und der Prototyp wird auf freier Fläche zum Brumm-, äh, Summkreisel.
Zu den Eckdaten machen Zygan und seine Truppe zwar noch keine konkreten Angaben, doch wenn sie es ernst meinen mit dem Versprechen, dass der Van endlich keine technischen Altbestände mehr auftragen muss, sondern sich aus den vorderen Regalen im Teilelager bedienen darf, dann ist wohl der neue CLA die Referenz.
Und das gilt nicht nur für die Bildschirmlandschaft und das hauseigene Betriebssystem mit schnellen Updates und Upgrades. Sondern ein 800-Volt-System ist deshalb genauso gesetzt wie eine Ladeleistung jenseits von 300 kW, die fest eingeplante Allradvariante sollte auf spürbar mehr als 300 PS kommen. Und selbst wenn die knapp 800 Kilometer des Coupés bei dieser Stirnfläche illusorisch sind, kann man wohl mit 500 Kilometer Aktionsradius kalkulieren.
Mercedes V-Klasse Prototyp
Selbst wenn der Prototyp aktuell noch eine Bastelbude ist und jeder Post-Vito mehr Ausstattung hat, fühlt sich in dieser V-Klasse tatsächlich nichts mehr nach Kastenwagen an.
Bild: Mercedes-Benz AG
Selbst wenn der Prototyp aktuell noch eine Bastelbude ist und jeder ausgelutschte Post-Vito mehr Ausstattung hat, fühlt sich in dieser V-Klasse tatsächlich nichts mehr nach Kastenwagen an. "Darf es auch nicht", sagt Zygan. Schließlich hat er mit dem neuen Modell noch viel vor.
Klar denkt er auch weiterhin an Familien und zumindest unter Shuttlediensten und Hotels werden sich wohl auch noch ein paar Firmenkunden finden. Aber vor allem will er mit der V-Klasse ins Luxussegment aufsteigen und insbesondere in Asien endlich jene Kunden bedienen, denen eine Mercedes S-Klasse oder ein BMW 7er zu beengt sind und die sich stattdessen lieber in Liegesesseln vor einem formatfüllenden Fernsehschirm im Toyota Alphard, im Denza D9 oder im LiAuto Mega durch die Rushhour der Megacitys chauffieren lassen.
Wie weit dieser Höhenflug geht und wie viel Luxus er ins Auto packen kann und vor allem darf und ob es am Ende vielleicht sogar für das Maybach-Signet reicht – all das lässt Zygan noch offen und will erst in Shanghai mit seinem Showcar einen weiteren Hinweis geben.
Aber sagen wir es mal so: Am Auto soll es dabei nicht liegen. Und zwar nicht nur, weil es in einem Van mehr Platz für Lack und Leder gibt als in jeder Limousine.