Der Pikes Peak ist Legende und gilt in den Vereinigten Staaten als Berg der Berge. Walter Röhrl donnerte den 4300 Meter hohen Gipfel in den Rocky Mountains ebenso mit Vollgas hoch wie Ari Vatanen oder Sébastien Loeb.
Der Pikes Peak im US-Bundesstaat Colorado gehört in den Erprobungskalender fast jedes Autoherstellers, denn die Beanspruchung ist für Antrieb und Bremsen des Autos durch die große Höhe, die Temperaturunterschiede und die gefährliche Piste gigantisch.
Besonders heftig ist es für ein Elektroauto, denn klettern diese den steilen Berg hinauf, gehen viele Akkus in die Knie. Wir haben den Test gemacht, wie sich der aktuelle Mini Countryman SE All4 in den hochsommerlichen Rocky Mountains schlägt – deutlich besser als gedacht.

Mit dem Familien-SUV auf den legendären Gipfel

Für den Härtetest auf den Pikes Peak haben wir ein Familienmodell von der Stange gewählt. Der 4,44 Meter lange Mini Countryman SE All4 ist mit seinem 230 kW/313 PS starken Elektroantrieb ein SUV wie viele andere auf dem Markt. Das 64 kWh große Batteriepaket im Unterboden, das die beiden Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse mit Energie versorgt, ist nicht gigantisch, doch die Rahmenbedingungen könnten schwerer kaum sein.
Reichweitenangst? Nicht auf dieser Fahrt durch Colorado.
Bild: Bernhard Filser / Stefan Grundhoff
Mit maximal 130 kW an einem Hypercharger in Downtown Denver vollgeladen, zeigt die Reichweite beim Start auf dem runden Großdisplay 306 Meilen – umgerechnet 492 Kilometer – an. Es ist warm, später soll es heiß werden und wahrscheinlich noch regnen. Doch die Temperaturschwankungen sind heute das kleinste Problem, denn es geht aus Denver, the Mile High City, mit einer Seehöhe von rund 1700 Metern hinauf auf den Pikes Peak, einen der höchsten überhaupt zu befahrenden Berge in der westlichen Welt.
Der Pikes Peak ist in den Sommermonaten nicht allein ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen aus aller Welt, sondern auch Veranstaltungsort für das spektakulärste Bergautorennen der Welt, den International Hill Climb von Pikes Peak. Mit Vollgas hinauf auf den 4300 Meter/14.107 Fuß hohen Berg. Im dunkelblauen Elektro-SUV geht es diesmal nicht um eine Bestzeit, sondern darum, wie das Batteriepaket im Unterboden die Beanspruchung von Hitze und Steigung verkraften kann.

Reichweiten-Schock vor dem Start

Als vor dem Hotel das Navigationsziel Pikes Peak eingegeben ist, reduziert sich die Reichweite von gerade noch 306 auf nur noch 172 Meilen – oha. Aus Denver geht es über die belebte Interstate 25 nach Süden über Castle Rock Richtung Colorado Springs, von wo sich ein schmales Asphaltband bis auf den Gipfel zieht.
Doch selbst die 172 Meilen Reichweite sollten passen, denn bis auf den Pikes Peak, den Walter Röhrl und Ari Vatanen mit ihren Rekordfahrten Ende der 1980er Jahre auch in Europa bekannt machten, ist nach dem Navigationsgerät gerade einmal 95 Meilen entfernt. Es ist mit 26 Grad Celsius noch angenehm warm und soll heute nicht die 37 Grad von gestern erreichen – stattdessen haben sich für den Nachmittag Gewitter angekündigt.
Kurve um Kurve arbeitet sich das Elektro-SUV dem Gipfel entgegen.
Bild: Bernhard Filser / Stefan Grundhoff
Bevor es in Colorado Springs auf der 24 Richtung Manitou und dann auf der Fountain Avenue nach links in die Berge geht, zeigt die Reichweite noch 100 Meilen an. Da sollte nichts schiefgehen. Doch der Berg wird steiler, die Straße schmaler und an der gut gefüllten Mautstelle sind es nur noch 68 Meilen bis zum avisierten Ladestopp. Bis zum Gipfel sollen es ab der offiziellen Einfahrt noch 18 Meilen sein.
Jenny lächelt freundlich, als sie für 18 US-Dollar den roten Eintrittsaufkleber an die Frontscheibe pappt und einem eine gute Fahrt wünscht. Kurvenreich zieht es sich mit erlaubten 30 Meilen hinauf auf den wohl bekanntesten Berg der USA. Anders als den Verbrennermodellen macht dem elektrischen Mini Countryman die spürbar dünner werdende Luft nichts aus. Keine anstrengende Verdichtung in den Brennkammern oder ein Turbolader, der in der Höhe kleine Wunder vollbringen muss.
Es geht vorbei an Höhenmarken, Campingplätzen und dem bekannten Wasserbassin, von wo aus ein paar Hundert Meter weiter der legendäre Hillclimb startet. Die Höhen von 2500, 3000 und mehr als 3600 Metern sind allein an der sich zerbeulenden Sprudelflasche zu spüren. Als das E-Mobil nach engen Kehren den Peak-Parkplatz erreicht, hat sich der Reichweitenzähler auf 49 Meilen abgeknabbert.

Rekuperation rettet die Energiebilanz

Ein paar schnelle Fotos müssen reichen: überall Touristen. Und das Wetter spielt trotz kühler 14 Grad Celsius noch mit, während sich weiter westlich bereits Regenwolken zusammenrotten. Ein Blick auf die Navigationskarte soll den Ladestopp festlegen, denn schließlich soll es vom Berg auch wieder zurück nach Denver gehen – knapp 100 Meilen weit, Fahrzeit 2:19 Stunden.
Doch zunächst die Gegenprobe: Was gibt der Berg zurück? Die Talfahrt soll zeigen, wie effektiv der rund zwei Tonnen schwere Mini Countryman Energie rekuperiert. Unterstützt wird er dabei von seiner intelligenten Navigation, die vor Kurven automatisch Tempo herausnimmt. So soll möglichst viel Strom zurück in den Akku fließen.
Ohne Nachladen geht es zurück nach Denver.
Bild: Bernhard Filser / Stefan Grundhoff
Nach ein paar flotten Kehren und dem Umstieg vom B-Fahrprogramm mit maximaler Rekuperation in den Normalmodus erstarkt der Nickel-Mangan-Kobalt-Akku mit seiner 400-Volt-Technik wieder, und der Bordcomputer zeigt bereits 78 Meilen an. Dann die obligatorische Bremsenkontrolle bei Glen Cove auf rund 3500 Metern Seehöhe, weil viele Autos sich bereits bis hier heißgebremst haben.
Zwei Pick-ups, ein blauer Chevrolet Silverado und ein roter Ford F-150, werden von der Parkwächterin aus dem Verkehr gezogen – die müssen abbiegen auf einen Stellplatz zum Abkühlen. Dann der Bremsentest beim Countryman – beim Blick auf das Digitalthermometer schüttelt sie den Kopf: "Haben Sie überhaupt gebremst?" – weiter geht's.
Bremsentest bestanden: Der Mini bleibt auch nach der Passfahrt cool.
Bild: Bernhard Filser / Stefan Grundhoff
An Stationen wie Devils Playground oder Halfway Picnic, die man von den Pikes-Peak-Rennen kennt, geht es mit überschaubarem Tempo hinab, und die Reichweitenanzeige wächst ebenso wie die Außentemperatur. An der Mautstation steht bei einer Fahrstrecke von 78 Meilen eine Reichweite von üppigen 158 Meilen zur Verfügung. Den geplanten Ladestopp in Castle Rock kann man sich getrost sparen, und es geht wieder über die Bundesstraße 24 auf die Interstate Richtung Denver.
Nach rund zwei Stunden ist der Mini Countryman wieder am Startpunkt angekommen – ohne Ladestopp und mit einer Restreichweite von 86 Meilen.
Wer hätte gedacht, dass das Elektro-SUV bei Temperaturen von mittlerweile wieder 32 Grad Celsius den Hin- und Rückweg nebst Anstieg auf den Pikes Peak ohne Ladestopp schafft und am Ziel noch knapp 150 Kilometer weit fahren könnte?