Streamingdienste wie Spotify, Napster, Apple Music, Deezer und Tidal sind eine ernstzunehmende Konkurrenz für das herkömmliche Radio. Immer und überall die Lieblingsmusik hören, und das für einen relativ niedrigen monatlichen Grundpreis? So muss man sich nicht darauf verlassen, dass der Radio-DJ den Musikwunsch spielt, sondern wählt einfach selbst den Soundtrack für den Roadtrip. Und die nervige Radiowerbung spart man sich nebenher auch gleich. Das geht dank Smartphone-Integration zum Teil sogar kabellos, meist über USB-Verbindung oder ganz klassisch über Audio-Kabel am AUX-Anschluss des Radios. autobild.de hat überprüft, was die bekanntesten Wettbewerber anbieten. Preislich gibt es nahezu keine bedeutenden Unterschiede, also liegt der Unterschied im gut versteckten Detail - zum Beispiel bei der Konnektivität zum und Integration ins Auto.

Die ehemalige Download-Plattform: Napster

Einsteigen und abrocken
Guten Song gefunden? Napster sucht das ganze Album oder ähnliche Künstler mit zwei Knopfdrücken heraus.
Napster? Ist das nicht dieser illegale Filesharing-Dienst? War es einmal. Nach viel Ärger mit den Gerichten formierte sich Napster nach dem Einstieg von Bertelsmann neu und entwickelte sich nach weiteren Besitzerwechseln ab 2003 zum Streamingdienst. Natürlich gibt es Napster auch als Smartphone-App, Besitzer eines neuen BMW können aber auch über ConnectedDrive ihre Lieblingsmusik hören. Möglich machen das eine spezielle SIM-Karte und eine eingebaute 250-GB-Festplatte, auf der aktuelle Titel, persönliche Favoriten und verwandte Musik aus über 34 Millionen Songs sowie rund 10.000 Hörbüchern abgespeichert werden können. Die Preise für Napster im Dreier-, Fünfer und Siebener-BMW liegen zwischen 250 und 350 Euro. Ein Jahr Abo-Kosten und Nutzungsgebühr für die SIM-Karte sind inbegriffen. Napster ist auch in neuen MINI-Modellen (mit Mini Connect) und Fahrzeugen mit dem neuen Mensch-Maschine-Interface von Audi (derzeit: A6, A7, TT) teilintegriert. International kooperiert Napster auch mit Ford und sollte somit ebenfalls mit der SYNC-Funktion verbunden und bedient werden können. Dafür ist in allen Fällen (Mini, Audi, Ford) aber ein Smartphone mit der Napster-App notwendig.

Der schwedische Global Player: Spotify

Das Auto als Internet-Jukebox
Spotify: Der Streamingdienst aus Schweden ist Weltmarktführer vor Napster und Deezer.
Mit selbst angegebenen "über 30 Millionen Songs" ist Spotify etwas zurückhaltender als die beiden Hauptkonkurrenten, was die Anzahl der Musiktitel angeht. Dafür können sie als einziger der bekannteren Anbieter (abgesehen vom jüngst gestarteten Apple Music) auf eine Kooperation mit Apple CarPlay verweisen, die iOS-basierte Smartphones in die Infotainmentsysteme von über 30 Herstellern integriert. Um wirklich viele Mobilnutzer bei der Auto-Integration mitzunehmen, gibt es Spotify auch für Android Auto, was die andere große Zielgruppe auf dem Endgeräte-Markt abdeckt. Zudem ist der Dienst auch ausdrücklich mit Nachrüstgeräten von Parrot (siehe Galerie unten) und den Onboard-Systemen von BMW, Mini, Ford, Volvo (allerdings bis zur Einführung von CarPlay Ende 2015 nur für Premium-Nutzer) und Lincoln kompatibel. Damit ist der Anbieter mit dem grünen Schallwellen-Logo derzeit am besten vernetzt. Mit 60 Millionen täglichen, davon ca. 15 Millionen zahlenden Nutzern (Stand: Januar 2015), ist das seit 2008 verfügbare Spotify der Weltmarktführer.

Der Lifestyle-Streamingdienst: Deezer

Das Auto als Internet-Jukebox
Deezer: Ein Mittelgewicht der Branche, das aber einzigartige Connections hat.
Mit 16 Millionen Nutzern, von denen etwa 6 Millionen den Preimum-Vorteil in Anspruch nehmen, ist Deezer einer der mittelgroßen Anbieter im Geschäft. Die aus Frankreich stammende App bietet als kleine Besonderheit ein Songtext-Archiv für alle im System vorhandenen Songs, das mit wenigen Klicks oder Fingertipps auf dem Smartphone erreicht werden kann. Deezer gibt sich selbst ein leicht ausgeflipptes Image und unterstützt dies mit ausgesuchten Independent-Künstlern, von denen regelmäßig exklusiver Live-Content veröffentlicht wird. Das kann man allerdings auch bei Spotify bekommen. Mit Ampya (Juni 2014) und Simfy (April 2015) wurden die kleinen Fische auf dem deutschen Streamingmarkt übernommen, deren Kunden greifen nun auf Deezer-Inhalte zu. Unabhängig von der Marktstellung ist Deezer im Juli 2015 der selbsternannte Content-König: Als einziger Anbieter bietet der Service angeblich über 35 Millionen Songs auf Abruf. Informationen zur Auto-Integration finden Sie in der Tabelle am Ende des Artikels.

Die etablierten Neuankömmlinge: Tidal und Apple Music

Das Auto als Internet-Jukebox
Apple Music: Bisher noch keine Ankündigungen zur Auto-Integration.
Die drei größten Meldungen auf dem Streamingmarkt waren im Jahr 2015 die Ankündigungen zu Veröffentlichung von Tidal, von Apple Music und die damit verbundene erneute Kontroverse um die Sängerin Taylor Swift. Während man letztere auf Napster weiterhin hören kann, hat sie ihre Lieder von Spotify und Apple Music größtenteils entfernt oder zumindest gedroht, dies zu tun. Das führte wiederum dazu, dass Apple nun auch während der dreimonatigen kostenlosen Einführungsphase seines Streaming-Dienstes die Künstler auszahlen wird, was vorher nicht geplant war. Und diese lange Testphase ist neben den Familien-Accounts das Hauptgimmick der iTunes-Erweiterung. Ankündigungen zur Integration in Autos gabe es noch nicht, und selbst auf der Website von CarPlay steht derzeit Spotify als einziger Streaming-Partner verzeichnet, dies sollte allerdings unter normalen Umständen nicht lange so bleiben. Großer Unterschied zur Konkurrenz: Apple bietet abgesehen von der Testphase keinen Umsonst-Zugang an. Der Streamingdienst Tidal, der dem US-Rapper Jay-Z gehört, ist ebenfalls nach einer Testphase nur noch gegen Bezahlung erhältlich. Und bisher gab es keine Hinweise auf eine Auto-Integration. Das ist auch wenig verwunderlich, setzt Tidal doch den Fokus auf HD-Streaming, exklusive Musikvideos und Album-Premieren. Das klingt in der Summe eher nach Ohrensessel und Wohnzimmer statt nach Fahrersitz und Pickup-Truck.
Die gebündelten Infos zu allen vorgestellten Servicesfinden Sie in dieser Tabelle!

Fazit

von

Jonathan Blum
Der Streamingmarkt wird seit den frühen 2010er Jahren erst wirklich interessant, demzufolge steigen die großen Firmen wie Apple und Google mit erheblicher Verspätung ein. Die bringen aber üblicherweise viel Bewegung in den Markt, den sie betreten, insofern könnten sich die Bedingungen noch grundlegend ändern. Für den Moment macht es aber preislich für Smartphone-Besitzer keinen großen Unterschied, welchen Premium-Service sie benutzen, und die Angebote gleichen sich grundsätzlich auch zu über 90 Prozent. Nur für Taylor-Swift-Fans ist die Lage eindeutig: Die nehmen Deezer, Napster oder Apple Music, denn auf Spotify gibt's die Songs der Pop-Diva nur als Karaoke-Version. Wer auf das Handy als Mittelsmann verzichten möchte, fährt derzeit gut mit einem neuen BMW, muss aber auch dafür deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Von

Jonathan Blum