Das glamouröse Umfeld passt zur Präsentation: In Monaco präsentiert der Stuttgarter Reisebus-Hersteller Neoplan 1971 ein neues Fahrzeug, das das Busfahren auf eine völlig neue Stufe hebt – buchstäblich, denn die Reisenden genossen im ersten Stock durch großzügige Verglasung perfekte Aussicht. Ein Quantensprung in der Entwicklung, vergleichbar mit dem VW Käfer oder dem Citroën DS. "Der Bus strotzte nur so von Neuheiten, die für Furore sorgten", sagt Rudi Kuchta vom Nutzfahrzeugbauer MAN, heute Firmenmutter von Neoplan.
Auch in anderen Kategorien verschiebt der Cityliner N116 die Grenzen im Omnibus-Bau. War es zuvor darum gegangen, möglichst viele Menschen billig von A nach B zu verfrachten, erfand Neoplan hier für die Branche das Prinzip der Luxusreise. Der Anstoß kam vom Chefingenieur, dem gebürtigen Schweizer Hans Robert "Bob" Lee und dem damaligen Firmeninhaber Albrecht Auwärter.
Hinweis
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Ihre Inspiration für diese neue Form des Reisens waren die Doppeldecker in London und Berlin, schon vor dem Zweiten Weltkrieg legendär: Die zweite Etage ließ hier den Fahrgast zum Bummler werden, der aus erhöhter Position ein Panorama über Stadt und Land genießt. Genau das sollte der neue Neoplan-Bus ermöglichen. Lees Vision: ein "Aussichtswagen für die Stadt".
Neoplan Cityliner N116 (1971) 1: Der Neoplan Cityliner N116 veränderte die Welt der Omnibusse
Der Bus begründete eine neue Klasse: die "Hochdecker".

Hochdecker werden zum Standard-Fernbusmodell

Was da an der Côte d'Azur auf der 20. Internationalen Omnibuswoche dem Fachpublikum präsentiert wird, lässt viele die Backen aufblasen: Der Cityliner N116 bricht mit vielen damaligen Konventionen. Die Fahrgäste sitzen auch hier – und seitdem – im zweiten Stock, in einem lichten Glaspalast mit fast ungehinderter Rundumsicht. Dieser "Hochdecker" ist seitdem das dominierende Busmodell, alle haben ihn im Programm.
Neoplan Cityliner N116 Baujahr 1971
Beim N116 ziehen sich die Fensterflächen bis ins Dach.
Radkästen, Stauräume und Motorschacht befinden sich weit unterhalb der Passagierzone. Das erlaubt es, den Aufenthaltsbereich stufenlos mit einheitlich großer Beinfreiheit zu gestalten. Alle 45 Sitzplätze verfügten erstmals über eine Düsenbelüftung und Vorhänge, so wie wir es heute aus jedem Reisebus kennen. Und es gibt weitere Innovationen, die heute in einem Reisebus fast selbstverständlich dazugehören.
Neoplan Cityliner N116 (1971) 17: Die Fahrgäste fühlten sich wie einem Glaspalast
Panoramablick, stufenloser Korridor – das war ein Novum.

Sechszylinder mit zwölf Liter Hubraum

An der Grenze zwischen Ober- und Niederflur befindet sich der Fahrstand, ebenfalls mit einer großflächigen Frontscheibe versehen. Bei Neoplan-Modellen ist sie seitdem in der Waagerechten zweigeteilt. Im hinteren Bereich des Fahrzeugs gibt es eine Toilette, eine kleine Küche, auch eine Schlafkabine für den Fahrer. Zur Komfortausstattung gehören ein Mikrofon nebst Lautsprechern für Durchsagen während der Fahrt, ein Radio, eine Kühlbox, zwei Tische mit Konferenz-Bestuhlung und Klimaanlage.
Neoplan Cityliner N116 (1971) 11: Neoplan Cityliner N116 mit dünnem, weißen Lenkrad
Zierliches Zweispeichen-Lenkrad für einen 16-Tonnen-Bus.

Luxus-Busreisen Anfang der 70er-Jahre

Anfang der 1970er-Jahre ist das im Bus eine unerhörte Neuheit, fast überirdischer Luxus. Angetrieben wird der Neoplan Cityliner N116 von einem zwölf Liter großen Dieselmotor der Firma Henschel, der aus sechs Zylindern in Reihe 240 PS entwickelt. Über ein Sechsgang-Schaltgetriebe gelangt die Kraft auf die Straße. Der hubraumstarke Motor verleiht dem Fahrzeug eine fantastische Elastizität: Auch im vermeintlichen Drehzahlkeller kann man als Fahrer damit cruisen, dass es eine wahre Freude ist.

Von

Stefan Grundhoff