Nerviger Assistent: Tempowarner im Auto abschalten
Darf ich den Tempolimit-Warner abschalten – und wie geht das?

Der Tempowarner im Auto gehört zu den unüberhörbaren Assistenten. Der "Intelligent Speed Assist" schlägt an, wenn man das Tempolimit schon um ein km/h überschreitet. Darf man ihn ausschalten – und wie geht das?
Bild: Matthias Brügge / AUTO BILD
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Das Piepsen, Hupen und Tuten im Cockpit moderner Autos kann an den Nerven sägen. Dem Randstreifen zu nahe gekommen? Ein nervöses Summen ertönt, es vibriert das Lenkrad. Den Kurvenverlauf nicht exakt nachvollzogen? Das Auto zerrt am Lenkrad. Oder fahren Sie längere Zeit ohne Pause? Eine dampfende Kaffeetasse erscheint im Display, schriftlich fordert das Auto auf: "Sie sollten eine Pause machen."
Seit Juli 2024 ist ein besonders nerviger Assistent Pflicht in Autos, die neu in der EU zugelassen werden: der Assistent für Tempowarnung: In Kombination mit der Verkehrszeichen-Erkennung gleicht ISA (Intelligent Speed Assistance) permanent das aktuelle Tacho-Tempo mit dem geltenden Verkehrszeichen ab. Permanent! Ist man nur ein oder zwei km/h zu schnell, piepst das Auto, oder es summt und brummt. Manchmal blinkt im Display eine Miniausgabe des aktuellen runden Verkehrsschilds, aber die sonst schwarze Zahl "50" erstrahlt in Rot. Bei jedem minimalen Tempoverstoß!
Ab 7. Juli 2026 wird im Display weiter aufgerüstet: Dann müssen alle Neuwagen auch den Müdigkeitswarner "Advanced Driver Distraction Warning" mit der berüchtigten Kaffeetasse installiert haben. Wer "Attention Assist" kennt, weiß: Auch dieser digitale Schutzengel ist überambitioniert, warnt oft scheinbar ohne Anlass. Wenigstens lässt sich das Feature relativ leicht über die Einstellungen deaktivieren – wenn auch, bei einigen Herstellern, nur jeweils für die aktuelle Fahrt. Nach Ausschalten des Fahrzeugs und Wiedereinschalten muss es erneut deaktiviert werden.
Die Warnung vor angeblich zu hohem Tempo ergeht manchmal, selbst wenn ein Schild etwas ganz anderes anzeigt. Denn, bei allem Fortschritt: Absolut zuverlässig ist die Verkehrszeichen-Erkennung nicht (manchmal sogar ausgesprochen unzuverlässig). Unter anderem deswegen, weil als Referenz vielfach eine digitale Straßenkarte dient – und dort werden Änderungen offenbar nicht immer zeitnah und fehlerfrei nachgetragen. Überhaupt, es dauert: Bis ein neues Tempolimit (oder die Abschaffung) über den Amtsweg und die digitale Karte bei ISA ankommt, können schon mal 18 Monate vergehen. In der Zeit piepst ISA weiter, auch wenn gar nix ist.

Der Sicherheitsassistent schlägt schon an, wenn man das aktuelle Tempolimit nur um ein km/h überschreitet.
Bild: Matthias Brügge / AUTO BILD
Allerdings bieten einige Hersteller an, das ISA-System auszuschalten – per Knopfdruck oder Fingertippser im Bordcomputer. Ist das legal? "Der Gesetzgeber stellt das den Unternehmen frei", sagt Jochen Münzinger von Mazda Deutschland. Bei dem japanischen Hersteller sind neue Modelle serienmäßig mit dieser Option ausgestattet: Ein "mute" (Dämpfer) benanntes Knöpfchen auf der Konsole erlaubt es, den Warnton zu deaktivieren. Nach und nach werden auch ältere Baureihen von Mazda mit dem Aus-Knopf ausgerüstet.
Auch im Toyota Mirai kann man den Assistenten deaktivieren. Beim bZ4X lässt sich die Tempowarnung über ein kompliziertes Untermenü in den Autoeinstellungen ausstellen – aber nur im Stand. Bei BMW erteilt man dem System Piepsverbot, indem man die Set-Taste für ca. eine Sekunde drückt. Bei Mercedes muss ein Verkehrszeichen auf dem Touchscreen angetippt werden. Kia und Hyundai ihrerseits bieten nicht belegte Tasten auf dem Multifunktions-Lenkrad zur Programmierung an, über die ISA zum Schweigen gebracht werden kann. Volkswagen und andere Hersteller erlauben, diesen Assistenten über die "Einstellungen" temporär zu deaktivieren.
Ein Fortschritt: Kia hat bei allen Modellen mit Baujahr ab Mai 2021 (Modelljahr 2022) ein umfangreiches Software-Update ins Rollen gebracht. Wichtiger Aspekt: Auch bei Kia lassen sich Warnungen des Geschwindigkeitsassistenten per Lenkradtaste stumm schalten – indem man den Lautstärkeknopf lange drückt. Das Update wird "Over the Air" (OTA) angestoßen.
Beim Toyota bZ4X lässt sich der Tempowarner nur bis zum nächsten Neustart ausschalten, das stört!
Dauerhaft lässt sich die Funktion leider bei keinem Fabrikat abschalten: Jedes Mal, wenn die Zündung ausgeschaltet und der Wagen abgestellt wird, muss der Tempowarner erneut deaktiviert werden.
Es geht übrigens noch schlimmer: Während der Toyota bZ4x den Fahrer nur mit einem Piepton verwarnt, wenn der zu lange aufs Zentraldisplay schaut, berichtet AUTO BILD-Kollege Rolf Klein von übergriffigen Assistenten im chinesischen GWM Wey – gewissermaßen der Überwachungsstaat auf Rädern. Wer strenge Zurechtweisungen schätze und die Diktatur für eine prima Staatsform halte, der werde geradezu verwöhnt, so Klein. Aus nichtigstem Anlass mahnt die Gouvernante aus dem Off: "Seien Sie nicht geistesabwesend. Bitte Konzentration beim Fahren." Das System empfiehlt übrigens schon kurz nach dem Start eine Pause.
Gern kommt auch: "Bitte beachten Sie die aktuellen Verkehrsregeln." Andere denken für mich, wie komfortabel. Das "Fahrer-Überwachungssystem" (heißt wirklich so) ist unterteilt in "Überwachung der Ablenkung", "Fahreraufmerksamkeits-Überwachung" und "gefährliches Verhalten überwachen". Wer lieber selbst fährt, der quittiert die permanente Observierung, die durch akustische Hinweise untermalt wird, nicht selten mit Wutanfällen.
Fazit
Schon unsere Urgroßeltern lachten über Charlie Chaplins "Modern Times" – also über die Tücken zukünftiger Technik, die Menschen zu Objekten degradiert. Nun sind die "modernen Zeiten" da, und zwar am Steuer: Assistenten, die eigentlich unserer Sicherheit dienen sollten, sind anstrengend! Das Getute und Gepiepse nervt, entmündigt und lenkt sogar ab. Man stumpft am Steuer ab – und verliert im schlimmsten Fall das Vertrauen in den Nutzen der Technologie. Warum können Assistenten nicht so funktionieren wie ABS oder ESP? Dann wären sie im Normalfall unsichtbar (und unhörbar), träten nur bei akuter Gefahr in Aktion.
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