Nissan Ariya e-4ORCE: Elektroauto im Test
Ist der Nissan Ariya e-4ORCE ein edles Power-E-Auto?

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Mit dem Leaf hatte Nissan im Jahr 2010 sein erstes Elektroauto auf den Markt gebracht. Zwölf Jahre später folgt der Ariya und hat kaum noch etwas mit dem Erstlingswerk gemein.
Bild: Tom Salt/AUTO BILD
Mit dem Ariya will Nissan ein neues Kapitel der E-Mobilität aufschlagen. Verpackt in einem trutzigen und dennoch edel wirkenden Crossover versprechen die Japaner, die Wünsche der Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Wie die am Ende aussehen, wollen wir bei AUTO BILD wissen und haben uns das zweitstärkste Modell in der Ariya-Reihe, den e-4ORCE zum Test bestellt.
Von jeweils einem E-Motor an Vorder- und Hinterachse angetrieben, schiebt der Japaner mit 306 PS an und reicht ein maximales Drehmoment von 600 Newtonmeter bedarfsgerecht an alle vier Räder. Hört sich gut an? Wäre es auch, wenn man hier nicht nur in Längsbeschleunigung denken dürfte.

Der Nissan Ariya e-4orce ist ein waschechter Crossover.
Bild: Tom Salt/AUTO BILD
Denn der e-4ORCE sprintet zwar in von uns gemessenen 6,1 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und wird auch bis zu 200 km/h schnell, aber nach der ersten flott gefahrenen Wechselkurve wünscht sich der Fahrer keine weiteren. Die Lenkung ist gefühllos und beim Bremsen vermisst man einen verbindlichen Druckpunkt. Das Pedal rutscht ohne spürbaren Gegendruck durch, was die Dosierung der Bremskraft vor allem bei höheren Geschwindigkeiten schwierig macht.
One-Pedal-Mode gibt es nicht
Die Bremskraftrückgewinnung selbst kann über zwei Stufen im sogenannten B- oder E-Pedal-Modus verstärkt werden. Im letztgenannten ist der Pedalwiderstand so groß, dass der Fahrer das Gefühl hat auf ein Brett zu treten. Einen One-Pedal-Mode, der den Wagen bis zum Stillstand bremst, gibt es nicht.
Leider ist auch das Fahrwerk weit vom Namen e-4ORCE entfernt. Das bockt sich hölzern über Schlagloch und Querfuge. Folgen die schnell aufeinander, wirkt die Hinterachse sogar unterdämpft und die Reisenden sitzen wie die Wackeldackel in den Polstern und nicken fremdbestimmt mit den Köpfen. Apropos Polster.
Keine ergonomische Sitzposition
Die Position des Fahrers ist, egal wie er den Sitz oder das Lenkrad einstellt, zu hoch und nicht ergonomisch. Der Eindruck verstärkt sich noch, weil die Armauflagen in der Türinnenverkleidung niedriger ist als die in der Mittelkonsole. Da hilft es auch nicht, dass sie sich in Längsrichtung elektrisch verschieben lässt und so eine schicke Lounge-Atmosphäre entsteht.

Der Innenraum des Nissan Ariya e-4orce ist klar gestaltet, die Materialien sind hochwertig, die Verarbeitung gut.
Bild: Tom Salt/AUTO BILD
Gut ist diese Option für die Reisenden in der zweiten Reihe. Die sitzen nämlich wie der Frosch vor dem Sprung, spitz angewinkelt und können die Füße kaum unter die Vordersitze stecken. Die insgesamt straffen Polster verlangen vor allem auf der Langstrecke geduldiges Sitzfleisch. Wobei lang relativ ist. Nissan gibt die Reichweite des e-4ORCE mit 87 kWh (netto) leistenden Akku, ermittelt nach WLTP, mit bis zu 500 Kilometern an. Die von AUTO BILD gemessene Reichweite beläuft sich auf lediglich 388 km.

Unter der Armlehne der elektrisch verschiebbaren Mittelkonsole befindet sich im Nissan Ariya e-4orce das induktive Ladefeld für das Smartphone, die Tasten für Klimaanlage und Fahrmodi sind hinterleuchtet in die Holzaplikation integriert und liefern ein haptisches Feadback bei der Betätigung.
Bild: Tom Salt/AUTO BILD
Wer nicht schneller als 130 km/h fährt, der kann mit einer Akkuladung 290 Autobahnkilometer überwinden, um mit 30 Kilometern Restreichweite und einer verbliebenen Batterieleistung von acht Prozent an eine Ladestation zu rollen. Hier empfiehlt sich der DC-Lader, denn der Ariya lädt mit bis zu 130 kW. Auch das liegt für ein solchen elektrischen Performance-Crossover eher im mittleren Bereich, schafft aber in knapp 30 Minuten Strom für gut 280 Kilometer in die Batterie.

Die Sitze im Nissan Ariya e-4orce sind weder vorn noch hinten ergonomisch.
Bild: Tom Salt/AUTO BILD
Strandet man an einer AC-Dose mit 22 kW, dauert es um einiges länger. An einer öffentlichen Ladestation muss man sich, um den Akku bis Anschlag zu füllen, auf eine Ladezeit von vier Stunden und 45 Minuten einstellen. Was auch bedeutet, dass man die nach 240 Minuten anfallende Blockiergebühr in Höhe von 10 Cent pro Minute zahlt, maximal aber 12 Euro.
Kein Schnäppchen mehr
Und wenn wir schon bei Euro und Cent sind, gucken wir doch an dieser Stelle mal auf den Preis. In der Einstiegsvariante, mit einem 218 PS starken E-Motor an der Vorderachse und einer 63 kWh (netto) leistenden Batterie, werden 47.490 Euro fällig. In der von uns gefahrenen Version als e-4ORCE mit Evolve Pack sind es bereits 66.490 Euro.

Der Kofferraum des Nissan Ariy e-4orce bietet 415 bis 1280 Liter Stauraum auf einer planen Ladefläche, wenn die Rückbanklehnen umgelegt sind.
Bild: Tom Salt/AUTO BILD
Doch was hat der Japaner für das Geld noch zu bieten? Einen schlichten, aber mit angenehm zu ertastenden Materialien bestückten und sehr gut verarbeiteten Innenraum. Zwei 12,3 Zoll große Bildschirme erfüllen das Versprechen der "Mensch-Maschine-Schnittstelle" mit Bravour. Nicht nur, dass der kapazitive TFT hoch auflöst, er reagiert auch extrem schnell und präsentiert die Bedienung in einer sehr ansprechenden Grafik. Die Touchflächen oder Kacheln können in der Größe angepasst und an beliebige Stellen verschoben werden.
Apple CarPlay oder Android Auto erfolgt kabellos
Die Smartphone-Integration per Apple CarPlay oder Android Auto erfolgt kabellos. Wer den Ariya ansprechen möchte, macht das mit "Hey Nissan". Die Antworten sind nicht frei von Missverständnissen. Auch den Wünschen nach veränderten Temperaturen im Innenraum kann das System nur schwerfällig und auf Nachfrage folgen.
Fahrzeugdaten
Modell Nissan | Ariya 4WD e-4orce |
|---|---|
Motor Bauart vorn/hinten | Synchronelektromotoren |
Einbaulage | je ein Motor vorn und hinten |
Spitzenleistung gesamt | 225 kW (306 PS) |
Dauerleistung | 90 kW (122 PS) |
maximales Drehmoment | 600 Nm |
Vmax | 200 km/h |
Getriebe | Einganggetriebe |
Antrieb | Allradantrieb |
Bremsen vorn/hinten | Scheiben/Scheiben |
Testwagenbereifung | 255/45 R 20 Y |
Reifentyp | Dunlop SP Sport Maxx 050 |
Radgröße | 8 x 20" |
Reichweite* | 498 km |
Verbrauch* | 20,4 kWh |
Batteriekapazität nutzbar | 87 kWh |
Ladeleistung AC/DC | 22/130 kW |
Ladezeit 20-80 %, DC-Ladung | 40 Minuten |
Ladeanschluss | vorn rechts |
Fach unter der Frontklappe | – |
Vorbeifahrgeräusch | 62 dB(A) |
Anhängelast gebr./ungebr. | 1500/750 kg |
Stützlast | 75 kg |
Kofferraumvolumen | 415–1280 l |
Länge/Breite/Höhe | 4595/1850–2172**/1650 mm |
Radstand | 2775 mm |
Grundpreis | 61.990 Euro |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 67.490 Euro |
Die wichtigste Funktion des Navis ist eine intelligente Routenplanung, bei der Nissan verspricht, dass die Verkehrslage, Straßenbedingungen und die Verfügbarkeit von Ladestationen ebenso einbezogen werden, wie die verbleibende Batteriekapazität. Im Selbsttest funktionierte das recht gut. Weicht man aber von der Vorgabe ab, ist das System nicht in der Lage umzudenken und den nunmehr vollen Akku erneut in die Routenplanung einzubeziehen. Hinzu kommt, dass nichts alle Ladepunkte hinterlegt sind.
Zeitgemäßes Head-up-Display
Freuen kann sich der Fahrer über ein zeitgemäßes Head-up-Display, das seine Informationen scharf und in gut lesbarer Größe in die Frontscheibe projiziert. Wirklich schick sind die hinterleuchteten in die Holzapplikation integrierten kapazitiven Tasten, über die die Klimaanlage manuell bedient werden kann. Die geben bei Druck ein haptisches Feedback und visualisieren das Geschehen auf dem Zentralmonitor.
Messwerte
Modell | Nissan Ariya 4WD e-4orce |
|---|---|
Beschleunigung | |
0–50 km/h | 2,6 s |
0–100 km/h | 6,1 s |
0–130 km/h | 9,6 s |
0–160 km/h | 14,3 s |
0–200 km/h | 25,5 s |
Zwischenspurt | |
60–100 km/h | 2,9 s |
80–120 km/h | 3,8 s |
Leergewicht/Zuladung | 2233/422 kg |
Gewichtsverteilung v./h. | 50/50 % |
Wendekreis links/rechts | 11,6/11,5 m |
Sitzhöhe | 695 mm |
Bremsweg | |
aus 100 km/h kalt | 37,1 m |
aus 100 km/h warm | 37,5 m |
Innengeräusch | |
bei 50 km/h | 54 dB(A) |
bei 100 km/h | 62 dB(A) |
bei 130 km/h | 67 dB(A) |
Verbrauch | |
Sparverbrauch | 14,4 kWh/100 km |
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde (Abweichung zur WLTP-Angabe) | 24,3 kWh/100 km (+19 %) |
Sportverbrauch | 31,9 kWh/100 km |
CO2 (lokal) | 0 g/km |
Reichweite (Testverbrauch) | 388 km |
Die Fahrassistenzsysteme arbeiten hingegen wie gewohnt im Hintergrund. Zur Serienausstattung gehören der Around View Monitor, ein Frontkollisionswarner, ein Notbremsassistent mit Fußgänger- und Radfahrererkennung und ein Kreuzungs-Assistent. Die Aktivierung und Deaktivierung der kleinen Helferlein erfolgt über die Lenkradtasten im Menü, das der Fahrer auf dem Monitor vor sich öffnen kann. Einfacher wäre gerade für den aktiven Spurhalteassistent, der doch arg viel am Lenkrad rupft, eine einzelne Taste.
Wertung
Modell | Nissan Ariya 4WD e-4orce |
|---|---|
Karosserie | Gute Verarbeitung, Mäßige Übersichtlichkeit. 1500 kg Anhängelast und Bedienung sind in Ordnung. |
3/5 Punkten | |
Antrieb | Tolle Beschleunigung. Beachtliche Spitze. Reale Reichweite zu gering, Ladezeiten recht lang. |
3,5/5 Punkten | |
Fahrdynamik | Gefühllose Lenkung. Gute Traktion. Schlecht dosierbare Bremse, relativ lange Bremswege. |
3,5/5 Punkten | |
Connected Car | Gutes Navigationssystem, Apple CarPlay und Android Auto kabellos. Schwerfällige Sprachsteuerung. |
4/5 Punkten | |
Umwelt | Ziemlich groß und hohes Gewicht (2,2 Tonnen). Kein lokaler CO2-Ausstoß. Teils umweltgerechtes Material. |
3,5/5 Punkten | |
Komfort | Die Sitzposition liegt vorn zu hoch. Tief montierte Bank hinten. Steife Federung. Sehr leise. |
3,5/5 Punkten | |
Kosten | Hoher Anschaffungspreis, teure Versicherung. Jährliches Wartungsintervall. Drei Jahre Garantie. |
2,5/5 Punkten | |
AUTO BILD-Testnote | 3+ |
Fazit
Der Nissan Ariya e-4orce will ein sportlicher und edler Powerstromer sein. Das Edle gelingt ihm – mit schönen Details, und feinen Materialien – richtig gut. Auch die Geschwindigkeit ist nicht sein Problem. Er startet blitzschnell und geht locker an die 200. Dem stehen aber die schlecht dosierbaren Bremsen und eine mäßige Reichweite gegenüber, was am Ende dann auch den Preis in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt.
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