Es war schon später Abend nach einer anstrengenden Woche, als mich ein Kollege zu Hause anrief und von einem Mercedes G 55 AMG schwärmte. Das Auto war mir durchaus bekannt: 2,6 Tonnen Leergewicht, Allradantrieb, eine fahrende Schrankwand. Aber eine mit Power: 500 PS verstecken sich unter der langen Haube. Doch was sollen wir von AUTO BILD SPORTSCARS mit diesem mit Testosteron gedopten Traktor? Ein Blick vors Haus auf den weißen Polo GTI brachte schnell die Idee: Warum nicht einmal mit dem bärenstarken, aber schweren Benz auf die Nordschleife? Dorthin, wo er eigentlich nichts verloren hat, und ihn gegen den leichten, vermeintlich untermotorisierten Kleinwagen antreten lassen – in einem harten Vergleich auf Zeit? Drei Tage später stehen wir in der Boxengasse am Nürburgring und betrachten den schmächtigen GTI, der sich im Schatten des mächtigen G-Modells (gebaut seit 1979) versteckt. Das Wettbüro ist geöffnet!

Größe ist nicht alles, aber mehr als dreimal so viel Leistung?

Gut ums Eck: Der Polo GTI gefällt mit leichtgängiger Lenkung.
Gut ums Eck: Der Polo GTI gefällt mit leichtgängiger Lenkung.
Hier der frontgetriebene VW mit 150 PS, Fünfganggetriebe und 1,2 Tonnen Leergewicht, dort der doppelt so schwere Brocken aus Stuttgart, der seine 3,3-mal stärkere Kraft mit permanentem Allrad und Automatik auf die Straße bringt. Für die exakte Zeitnahme unterstützt uns ein Nordschleifen-Profi, der objektiv die beste Zeit fährt und nicht in die Wette eingreift: Wolfgang Kaufmann, 24-h-Rennen-Ass und sonst in der American-Le-Mans-Serie auf einem Porsche GT3 RSR unterwegs. Beim ersten Anblick des Duos muss Kaufmann schlucken. "Das wird aber spannend." Nicht so beim Einstieg im GTI: Gewohntes Ambiente mit klar gegliedertem Cockpit inklusive großen Rundinstrumenten, straffen Sitzen im Karo-Look mit ausreichendem Seitenhalt und großer Verstellmöglichkeit. Gut in der Hand liegt der Schalthebel des exakt zu führenden Fünfganggetriebes. Mit dem fängt der Spaß auch gleich an, die Gänge flutschen wie von selbst durch die Schaltgasse. Schon nach den ersten Kurven fällt die leichtgängige Lenkung auf – und die direkte Gasannahme.

Oberhalb von 5000 Touren klingt der kleine Polo wie ein Großer

Kernig, dabei keineswegs vulgär, wird es beim Ausdrehen bis zum Maximum von 5800 Touren, der Vierzylinder klingt nun endlich wie ein ausgewachsener Motor, sogar das Pedal vibriert leicht erregt. "Der Motor geht richtig gut, trotz der geringen Leistung", bemerkt Kaufmann. "Allerdings untersteuert der Polo durch den Frontantrieb stark, rutscht bei unaufmerksamer Fahrweise gerne über die Vorderräder." Doch bei geübter Hand passiert das selten. Schnelle Kurvenkombinationen durcheilt der GTI wieselflink. Erstaunlich, dass selbst ein Profi wie Kaufmann keine Langweile im Volkswagen verspürt, ganz im Gegenteil – er hat sichtlich Spaß am Polo. "Im Kesselchen ist der Topspeed erstaunlich hoch, da kommt der Mercedes nicht mit", sagt er. Und selbst die standhaften vorderen Bremsen mit einem Durchmesser von 288 Millimeter geben ein Gefühl von Sicherheit – von Fading am Ende der zweiten Runde keine Spur.
Abstellen, den Motor nachlaufen lassen und dann wird es sehr ernst. Der Mercedes G 55 AMG. "Der sieht gefährlich aus", sagt Kaufmann. Die Wetten stehen mittlerweile bei 5:2 für den Kraftbolzen. Kaufmann macht sich bereit, rüstet sich mit Helm und Handschuhen und erweckt mit dem Dreh am Zündschloss einen tosenden Teufel aus Metall. Der hohe Aufbau schüttelt sich und der V8 bellt durch die kurze Auspuffanlage seine Lust hinaus. "Der Sound ist gewaltig", bestätigt Kaufmann. Noch ist kein Gang eingelegt und die Versuchung, mit dem Gaspedal zu spielen, hoch. Einfach das G-Modell sich schütteln lassen, mehr nicht. Die Nackenhaare stellen sich bei allen Zuschauern auf und bleiben in der nächsten Stunde in dieser Stellung. Auch bei unserem Rennprofi, der nun den Automatik-Wählhebel in die Drive-Position drückt und dem Allradler endlich die Sporen gibt.

Beim Sound des V8 stellen sich den Zuschauern die Nackenhaare auf

Der sorgt für Gänsehaut: 500 PS starker V8 mit Mördersound.
Der sorgt für Gänsehaut: 500 PS starker V8 mit Mördersound.
Mit mächtigem Gebrüll aus den vier Sidepipes stampft die G-Klasse auf die Nordschleife wie eine Dampflok auf großer Tour. Die überdimensionierten 285er-Reifen sollten zwar ausreichend Traktion bieten, bei Vollgas müssen sie aber den 700 Newtonmetern Drehmoment Respekt zollen. Der Fahrweise entsprechend, riecht es schnell nach verbranntem Gummi. Doch in der ersten Kurve folgt der Freude adrinalinförderndes Erschrecken. "Ein sehr spannendes Erlebnis: Am Anfang weiß man nie, wo das Auto hinfährt. Du lenkst ein, die Karosserie fängt an zu kippen und urplötzlich bricht das Heck aus, wird aber im gleichen Moment vom ESP wieder eingefangen. So schleudert man im Auto hin und her", beschreibt der Rennprofi die Situation. Das Problem: Das ESP lässt sich nur mit gesperrtem Mittelachsdifferenzial abschalten. Denn sonst regelt die Traktionskontrolle ab 60 km/h wieder selbstständig. Nur, mit gesperrten Achsen fährt man besser auf dem Acker, nicht auf einer Rennstrecke. So muss Kaufmann zwar schnell, aber auch vorsichtig einlenken und den Scheitelpunkt für die volle Beschleunigung ganz genau suchen. Der übermächtige Leistungsüberschuss des AMG kann deshalb nur am Kurvenende und auf Geraden zum vollen Einsatz kommen. Dann aber dreht der V8 beim Kickdown bis kurz vor den Begrenzer und erschreckt durch das infernalische Gebrüll Fuchs und Hase in der gesamten Eifel. Beim Anbremsen der Wuchtbrumme tropft Angst von der Bremsscheibe, die Anlage verliert nach zwei Runden spürbar an Kraft und feiner Dosierung.

Der Über-G verschlingt auf der Strecke 24,3 Liter Super Plus

Dampflok auf großer Tour: der G 55 AMG in der "Grünen Hölle".
Dampflok auf großer Tour: der G 55 AMG in der "Grünen Hölle".
Sportwagenfahrer stellen selten die Frage nach dem Spritkonsum. Hier muss sie aber erlaubt sein, zu unmoralisch erscheint der Unterschied. Während der GTI sich auf unserer Messrunde mit 8,6 Liter Super begnügt, verschlingt der Über-G fast das Dreifache: 24,3 Liter Super Plus. Ganz schön happig. Sicher, der Polo ist leichter, aber absolut kein untermotorisiertes Spielzeug. Und er verhält sich zur G-Klasse wie ein Leichtathlet zu einem Gewichtheber. Doch schließlich geht es hier um eine Wette, und die hat der kleine GTI mit 9:46,20 gegenüber 11:27,50 G-Minuten gewonnen. Glückwunsch! Mal sehen, für welche Überraschungen das Teilnehmerfeld des Nürburgring-Laufs am 5. August (www.rad-am-ring.de) gut ist. Das Wettbüro ist geöffnet.