Kompakte Kombis haben Tradition bei Opel. Schon 1963 verpassten die Rüsselsheimer dem Kadett A das Vielzweck-Heck und nannten den heute kultigen Kombi Caravan. Der Golf startete erst 1993 in dritter Generation als kompakter Lademeister, bewies dann aber Konstanz. Bis heute heißt ein Golf Variant Golf Variant, während aus dem Kadett Caravan – typisches Verfolger-Verhalten – erst der Astra Caravan und nun der Astra Sports Tourer wurde. Ein entschlossener Neuanfang also – und das nicht nur beim Namen. Denn der Sports Tourer wuchs auf mächtige 4,70 Meter Länge. Die sind in spannende Formen gekleidet einschließlich der jetzt für Opel typischen Hockeyschläger-Kurve in den Flanken.

Überblick: Alle News und Tests zum Opel Astra

Der 4,53 Meter lange Golf parkt dagegen vergleichsweise bieder neben seinem Konkurrenten, speziell das Heck kommt eher nüchtern rüber. Der Bug immerhin zeigt Konturen mit dem breiten Lächeln aller aktuellen VW. Oder ist es das Grinsen des Dauer-Siegers, der seine Herausforderer entspannt kommen lässt? Beim Platzangebot kann der Astra jedenfalls nicht viel Kapital aus seiner schieren Größe schlagen. Vorn ist er zwar etwas luftiger geschnitten, in der zweiten Reihe jedoch gehen Unterschenkel und Knie großer Mitfahrer eher auf Tuchfühlung zur Vordersitzlehne als im Golf. Auch beim Kofferraum deklassiert der Opel den VW nicht. 1550 statt 1495 Liter bei geklappten Rücksitzlehnen bedeuten zwar eine Reisetasche mehr. Doch im Fünfsitzer-Normalfall steht es 505 zu 500 Liter für den VW, der zudem mit 552 Kilogramm Zuladung (Opel: 506 kg) mehr Reserven für die Reise in den Familienurlaub hat. Das Klappen und Laden macht dafür im Astra weniger Mühe. Kofferraumboden und Ladekante liegen auf einer Höhe, das Rollo lässt sich mit einem Stubs wegschnippen, und die Rücksitzlehnen fallen ab der Ausstattungslinie Sport auf Tastendruck automatisch nach vorn.

Überblick: Alle News und Tests zum VW Golf

VW Golf Variant 2.0 TDI
Bild: Sven Krieger
Solche Heck-Tricks beherrscht der Golf nicht. Er punktet zwar ab Comfortline mit einer klappbaren Beifahrersitzlehne (macht knapp 2,70 Meter "Ich kauf mal schnell eine Leiter"- Laderaumlänge). Doch die schweren Rücksitzlehnen wollen von Hand geklappt, und das Laderaumrollo muss mit einem Handgriff geöffnet werden – auch dann natürlich, wenn jede Hand eine Einkaufstasche trägt. Einmal in Fahrt, ist der Golf dann wieder der aufmerksamere Partner. Die bessere Rundumsicht, klarer gezeichnete Instrumente und mehr Logik in Menüführung und Bedienbarkeit des Multimedia-Navigationssystems sprechen für ihn. Kurzum: Man sitzt gern hinterm Golf-Steuer, fühlt sich willkommen und gut aufgehoben. Die Lenkung arbeitet vertrauenerweckend präzise, der Schalthebel flutscht leichtgängig durch die Gassen, und die Sitze passen wie ein gutes Sakko – typisch Golf.
Dazu kommen eine harmonisch abgestimmte Federung und gut gedämmte Fahrgeräusche, in deren Konzert der 140-PS-Diesel (der stärkste Selbstzünder im Programm) dank guter Laufkultur und melodischem Klang niemals eine aufdringliche Rolle spielt. Temperament hat er obendrein: weniger als zehn Sekunden auf 100 und 210 km/h Spitze. Da dürfte kein Hobby-Spediteur etwas vermissen. Der Astra 2.0 CDTI mit 160 PS müsste alles eigentlich besser können, doch das um stattliche 150 Kilogramm höhere Leergewicht bremst ihn mächtig ein. Deshalb kann er sich trotz seiner 20 Mehr-PS nur geringfügig vom Golf Variant absetzen.

Bei der Laufkultur des Motors hat der Astra eindeutig das Nachsehen

Opel Astra Sports Tourer 2.0 CDTI
Bild: Sven Krieger
Außerdem enttäuscht seine Laufkultur: deftiges Nageln bei mittleren Drehzahlen und Unlust bei weniger als 1500 Umdrehungen. So schaltet man – mit mehr Kraftaufwand als im VW – erheblich öfter zurück, ist dadurch mit höheren Drehzahlen unterwegs und bekommt dafür an der Tankstelle die Quittung. 0,6 Liter Mehrverbrauch. Im Test bedeutetet das 6,2 zu 5,6 Liter/ 100 km. Eindeutig besser gelungen als der nur bei mittleren Drehzahlen wache Motor ist das FlexRide-Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern (980 Euro): Im Sport-Modus macht es den Astra bei wenig Seitenneigung zum zackig-stabilen, in Maßen untersteuernden Kurvenkünstler mit fast bissig ansprechender Lenkung. Und im soften Tour-Modus bügelt der Opel Wellen und Kopfsteinpflaster lockerer weg als ein normaler Golf Variant, der ein Adaptiv-Fahrwerk nicht anbietet. Zum Astra-Fahrwerk passen dann auch der straff gepolsterte Ergonomiesitz der Sport-Ausstattung, der den Piloten mit guter Seitenführung und vielfachen Einstellmöglichkeiten überzeugt (Beifahrersitz: 295 Euro extra). Sports Tourer – der Name ist also gar nicht einmal so falsch.
26.600 Euro kostet der Golf Variant 2.0 TDI Comfortline – billiger geht es bei VW nicht. Der getestete Astra Sports Tourer Sport mit FlexRide-Fahrwerk (980 Euro) liegt bei 28.225 Euro. Opel teurer als VW – verkehrte Welt? Nein, denn den Astra gibt es auch in der Ausstattung Edition mit Klimaanlage statt -automatik und einem einfacheren CD-Radio, ohne Rücksitzbank-Simsalabim, Ergonomiesitz, Lederlenkrad und anderes. Damit sinkt der Preis für Kostenbewusste auf 25.305 Euro – ohne das FlexRide-Fahrwerk. So passt die Rollenverteilung wieder ins traditionelle Bild: Der Opel ist billiger als der VW. Und viele werden sagen: Er sieht auch besser aus.

Fazit

von

Michael Harnischfeger
Der Astra Sports Tourer kann den Golf Variant nicht vom Thron der kompakten Kombinierer stoßen. Der VW besticht wieder einmal durch konstant gute Leistungen in fast allen Messkategorien, ohne nennenswerte Schwächen. Der Opel kommt dem Klassenprimus aber so nahe wie kaum ein anderer Konkurrent. Den Sieg vereiteln das mäßige Platzangebot in der zweiten Reihe, der ungehobelte Motor – und hier der hohe Testwagen-Preis.