Heute ist Walter-Wetter! Es ist kalt, es schneit, eine weiße Schicht bedeckt die Fahrbahn. "Der Lange" trägt Jeans, dicke Winterjacke, Mütze. Und gefütterte Rennfahrerschuhe. "Die sind schön schmal", sagt er, "das ist gut für die Pedalarbeit." Im März 2023 wird Walter Röhrl 76 und tickt noch immer wie ein Rallye-Pilot.

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Wir sind zu Besuch in Röhrls Heimat Sankt Englmar tief im Bayerischen Wald. Gleich wird er das Auto sehen, mit dem seine Karriere begann. Opel Commodore B GS/E, gelbes Coupé, aufgebaut von den Irmscher-Mechanikern. Am 19. Januar 1973, einem Freitag, startete Röhrl den Motor zu seinem ersten Rennen als Profi, sechs Tage und 7500 Kilometer dauerte die Rallye Monte Carlo. 50 Jahre später steigt er wieder ein.

Commodore als Rallye-Auto? Nee!

Der Walter, wie sie ihn alle nennen, weil er so nahbar ist, bescheiden, sympathisch, der Walter also steht vorm Opel, sein Blick bleibt an der abfallenden Dachlinie hängen, dann sagt er: "Ich mag diese Form, zeitlos schön." Aber als Rallye-Auto hat der Commodore nie getaugt, zu schwerfällig, zu unbeweglich. "Auf dem Weg zum Col de Turini hab ich 500 Meter vorm Gipfel einen dieser kleinen, wuseligen Alpine-Renaults eingeholt, ausgerechnet mit diesem Lkw hier."
Commodore GS/E
Als hätten sie den Schalensitz um ihn herumgebaut: Walter Röhrl im Opel Commodore. "Der Lange" ist fit und gut in Form.
Bild: AUTO BILD/Hardy Mutschler
Die Legende lacht, plötzlich ist alles wieder da: die erste Profi-Rallye, verschneite Pisten, warme Suppe aus der Thermosflasche, 30 Stunden am Stück fahren, kurz schlafen und wieder fahren, sechs Tage und Nächte allergrößte Strapazen für Mensch und Maschine. Der Walter hat es so gewollt.

Unterwegs im Namen des Herrn

Dabei war der junge Walter ein zivilisierter Fahrer. Mit Anfang zwanzig war er im Namen des Herrn unterwegs, chauffierte den Rechtsvertreter der bayerischen Bischöfe, zunächst im Ford 17M, dann mit einem 200er-Mercedes, Modell Strich-Acht. "380 Mark hab ich damals im Monat verdient."
Das mit dem Rallye-Sport war für Röhrl Ende der 1960er, Anfang der 1970er nur ein Hobby, leben konnte er davon nicht. Er bekam von Ford 500 Mark im Jahr, durfte Capri RS fahren, "aber mit dem gewinnst du nix", sagt der Walter. Als dann die Mutter rebellierte, gab er den Autoschlüssel für kurze Zeit ab, um wenig später die Ford-Männer zu beknien: "Wenn ich nicht mehr fahren kann, dann will ich auch nicht mehr leben."

Irmscher erkannte das Jahrhunderttalent

Es folgte im Frühjahr 1972 die Polen-Rallye, Röhrl war da schon ein halbes Jahr nicht mehr in einem Rennwagen gesessen. Aber es lief gut, er hatte nur den Titelaspiranten Raffaele Pinto auf Fiat vor sich. Walter erinnert sich: "Wir hatten nur einen Satz Breitreifen dabei, Pinto hatte verschiedene Sätze für Schotter und Asphalt. Auf Schotter habe ich acht Minuten verloren, auf Teer neun Minuten gut gemacht, ihn in einer Prüfung sogar überholt."
Commodore GS/E
Schnee beim AUTO BILD-Shooting 50 Jahre später: Walter Röhrl driftet, als wäre er nicht 75, sondern immer noch 25.
Bild: AUTO BILD/Hardy Mutschler
Am Ende wurde Röhrl aus dem Stand heraus Zweiter, und dann kam im August 1972 die Olympia-Rallye und sein endgültiger Durchbruch. Röhrl fuhr auf einer Sonderprüfung Bestzeit, ausgerechnet im Capri, mit einem Auto, mit dem das eigentlich nicht geht. Der junge Walter sagte sich damals: "Wenn das so einfach ist, will ich wissen, ob ich der beste Fahrer der Welt bin." Günther Irmscher hatte ihn da längst auf dem Schirm, erkannte das Jahrhunderttalent.

800 Mark im Monat für Rennfahrer Röhrl

Irmscher, auch so ein Rennfahrer und als "Opel-Schnellermacher" einer der Tuningpäpste des vorigen Jahrhunderts, engagierte Röhrl, Vertragsunterschrift im Dezember 1972 auf der Jochen-Rindt-Show, heute Essen Motor Show. Nicht mehr 500 Mark im Jahr wie bei Ford, sondern 800 im Monat, "der Lange" konnte endlich sein Hobby zum Beruf machen. Vor 50 Jahren wurde Röhrl Rallye-Profi. Später wurde er Legende.

Jetzt klingen 230 PS endlich nach Motor

Es schneit dicke Flocken im Bayerischen Wald, Günther Irmscher junior (51) hat den Motor des Boliden mit Vierfach-Extra-Licht gestartet. "Na, endlich hört er sich an wie ein echter Rennwagen", sagt Röhrl. War früher anders, da musste das Opel-Coupé nah an der Serie sein. Bisschen Motortuning, 175 PS (15 PS mehr als in der Serie), etwas mehr Drehmoment. Teppich, Sitze und Rückbank raus, zwei Vollschalen und Überrollkäfig rein – macht unterm Strich 130 Kilogramm weniger Gewicht.
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Der zivile Sound blieb. Walter lächelt verschmitzt und sagt: "Den Rauno Aaltonen hab ich immer beneidet, seinen Datsun 240Z hast du aus zehn Kilometern gehört. Aber unser Commodore klang nach nix." Jetzt befeuern drei Doppelvergaser den Reihensechser, jetzt dürfen 230 PS auch so klingen, wie sie wollen.

Das Popometer ist noch immer da

Röhrl schwingt Beine und Hüfte über den stählernen Bügel und flutscht in die enge Vollschale wie der junge Walter. Er fährt Fahrrad und Ski, bewegt sich, ernährt sich gesund, schleppt kein Gramm zu viel mit sich rum. Und er hat immer noch dieses beachtliche "Popometer" wie nur wenige Menschen auf dieser Welt. Als hätte es die 50 Jahre dazwischen nicht gegeben, drückt er das Gaspedal voll durch, scheucht diesen Stahlkoloss durch enge Kurven. Walter driftet die Zeit zurück.
Commodore GS/E
Nur wo Röhrl draufsteht, ist auch Röhrl drin. Walter "unterschreibt" auf der verschneiten Frontscheibe seines alten Rallye-Autos.
Bild: AUTO BILD/Hardy Mutschler

Mit dem Commodore gegen den Brunnen

Nach gut einer Stunde gönnt er sich und dem Opel eine Pause. Dann muss er die Geschichte erzählen, wie er mitten in den französischen Alpen die Front des Commodore malträtiert hat. "Es gab Schneeverwehungen wie verrückt, mit Vollgas rein und hoffen, dass es gut geht."
Ging gut, dafür gab es bergab Probleme. Walter erzählt: "Die Bremsflüssigkeit hat gekocht, um irgendwie zu verzögern, musstest du das Auto seitlich in die Schneemauern steuern. Leider war hinter dem ganzen Schnee ein Brunnen, den ich mit der Front rechts mitgenommen habe."
Commodore GS/E
Rallye Monte Carlo, der Commodore hat leichte Probleme. Walter Röhrl ist beim Abbremsen an einer Schneemauer gegen einen Brunnen gerast.
Bild: Irmscher-Archiv
Das Resultat: Walter musste die halbe Rallye mit einem ramponierten Auto bewältigen, erst später haben die Irmscher-Mechaniker die Front halbwegs gerade gezogen, so gut es eben ging mit Seil und Zugfahrzeug. Walter schüttelt mit dem Kopf, sagt: "Der pure Wahnsinn, was ich diesem Auto angetan habe. Vom vierten in den ersten Gang, nur damit irgendwas gebremst hat."
Seine erste Rallye als Profi beendete Röhrl mit einem Klassensieg und Gesamtplatz 45. Aber er war jetzt mittendrin und nicht nur Zuschauer wie ein Jahr zuvor in seinem selbst auferlegten, kurzzeitigen Rallye-Aus, als er mit einem Freund im Capri RS nonstop nach Monaco gefahren ist, nur weil sie um 20 Uhr, um 24 Uhr und um 5 Uhr morgens die Rallye-Meute am Col de Turini bewundern wollten. Jetzt gehörte er selbst zu diesem irren Rennzirkus.

Irmscher Junior saß auf Walters Schoß

Es hat aufgehört zu schneien, Walter pilotiert den Commodore ganz piano zurück, neben ihm auf dem Beifahrersitz Günther Irmscher junior. Der leitet seit 1999 die Firma seines Vaters, hat den Commodore wieder zum Leben erweckt und den Ascona, mit dem Walter 1973 Vize-Europameister wurde. Die beiden, Röhrl und der junge Irmscher, kennen sich seit 50 Jahren – auch wenn sich Irmscher an die Anfänge nicht mehr so genau erinnert.
Commodore GS/E
50 Jahre danach: Walter Röhrl und Günther Irmscher Junior am Commodore GS/E. Der Firmenchef der Tuningschmiede Irmscher hat das Rallye-Auto wieder aufgebaut.
Bild: AUTO BILD/Hardy Mutschler
Auch die Irmscher-Mechaniker und der Walter sind alte Bekannte. Röhrl gehörte mit seiner Unterschrift unter seinem ersten Profi-Vertrag quasi zur Familie, saß abends bei Irmschers in Winnenden (Baden-Württemberg) in der Küche, auf seinem Schoß der einjährige Günther, Mama Irmscher schmierte Brote, nebenan an der Hebebühne schraubten die Mechaniker am Auto. Ja, so muss das gewesen sein, sie müssen viel improvisiert haben zu dieser Zeit, in der das Budget klein, aber die Motivation groß war.
"Mitten in den Alpen", erzählt Walter, "als das Auto voller Eis und Schnee war, da hab ich unten was klappern gehört. Ein Mechaniker hat sich dann in den Schnee unters Auto gelegt und fing an zu reparieren, das Eis tropfte ihm ins Gesicht, aber er hat geschraubt." Sie haben alle zusammengehalten für Walters großen Traum: einmal die Rallye Monte Carlo gewinnen!
Okay, klappte nicht mit den Irmscher-Jungs, sie hatten nur ein gemeinsames Jahr mit dem Walter, dann übernahm Opel. Und der Mann, der Mama zuliebe eigentlich aufhören wollte mit dem Rallye-Sport, verdiente nicht mehr 800 Mark im Monat, sondern 80.000 im Jahr.
Rückblickend sagt er: "Vor so viel Geld hab ich Angst bekommen, da wird einem ja schwindlig." Aber der Walter war es wert, wurde Europameister, zweimal Weltmeister, holte viermal die Monte-Trophäe. Na klar, da war ja auch immer Walter-Wetter.