Ora Ballet Cat: Der neue China-Käfer fährt elektrisch
In China summt der Käfer weiter – erste Fahrt im Ora Ballet Cat

Bei uns ist der Käfer seit 1985 Geschichte, und den Beetle vergessen wir besser schnell wieder. Doch in China krabbelt er immer noch – natürlich elektrisch. Erste Fahrt im Ora Ballet Cat.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Für die einen ist er nur eine dreiste Kopie, für die anderen eine automobile Ehrerbietung. Doch egal, wie Juristen und Puristen oder Fans und Bewunderer den Ora Ballet Cat tatsächlich bewerten, ist er vor allem eins: die charmanteste Fortschreibung einer eben doch nicht unendlichen Geschichte.
Denn nachdem uns VW versprochen hat, dass der Käfer läuft und läuft und läuft, die Produktion dann doch eingestellt und mit zwei Generationen Beetle nur mäßig an den Erfolg des Dauerbrenners anknüpfen konnte, krabbelt der Käfer in China als Ora Ballet Cat für einen Einstiegspreis von knapp unter 20.000 Euro seit zwei Jahren wieder durch die Städte. Natürlich elektrisch und mit einem Aufbau, den sie in Wolfsburg nie hinbekommen haben.

Den Ballet Cat gibt es in China umgerechnet für einen Einstiegspreis von knapp unter 20.000 Euro.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Denn obwohl nur 4,40 Meter kurz und mit einer Silhouette wie beim Original, bietet der China-Käfer vier Türen. Schließlich steht er als Kind der Great Wall Familie auf einer modernen Skateboard-Plattform, wie sie auch der bei uns erhältliche Ora 03 und der neue Mini Cooper E nutzen – mit dem Akku am Boden und dem Motor an der Vorderachse.
Ora Ballet Cat: 171 PS und 250 Nm
Viel praktischer ist er aber trotzdem nicht. Ja, man sitzt vorne bequem und hinten noch gut. Aber es gibt nur einen vergleichsweise kleinen Kofferraum im Heck, statt mit einem Frunk die Nähe zum Original zu wahren. Denn im Bug brauchen die Chinesen Platz für den Motor, den es aktuell nur mit 171 PS und 250 Nm gibt. Ihn speist ein Akku von 50 kWh für 400 oder 60 kWh für 500 Kilometer, der allerdings ohne Schnelllader auskommen muss. Stattdessen müssen 6,6 kW reichen, und das Käfer-Kätzchen muss acht bis zehn Stunden an die Leine, damit es fit für den nächsten Tanz ist.

Angetrieben wird der Ora Ballet Cat von einem Elektromotor mit 171 PS und 250 Nm.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Außen spielt Ora zwar gezielt mit dem Charme von gestern, lackiert den China-Käfer gerne in zwei Farben und spart nicht an Chrom. Aber drinnen ist er ein modernes Auto mit digitaler Ausstattung bis hin zur Selfie-Kamera mit WeChat-Anbindung, mit zeitgemäßen Assistenten und mit ein paar Extras, die sich bei uns kein Hersteller trauen würde.
Voller Klischees: Ora Balllet Cat als Frauenauto positioniert
Denn die Chinesen haben mit Klischees kein Problem und positionieren den Ballet Cat als reines Frauenauto. Sie schwärmen von modernen PS-Prinzessinnen, die es leid sind, von Kristallschuhen zu träumen und dann doch mit langweiligen Autos aufzuwachen. Sie installieren in der von Swarovski-Kristallen gekrönten Mittelkonsole ein Staufach für Lippenstift & Co, bauen einen überdimensionalen Schminkspiegel mit einer Hollywood-Beleuchtung ein, die auf den asiatischen Teint abgestimmt ist, und sie berücksichtigen sogar die weibliche Biologie bei der Klimatisierung.

Die Mittelkonsole ist mit Swarovski-Kristallen verziert.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Wenn der werte Kundschaft schauert, die Stimmung sinkt und das Unwohlsein am größten ist, wärmt ihr die Kuschelkatze mit dem "Warm Man"-Modus tröstend Haut und Herz, wirbt Ora unverblümt. Nur ob Frauen wirklich wissen wollen, dass die Assistenzsysteme für sie besonders konservativ abgestimmt sind, lauter warnen und früher eingreifen und ob sie tatsächlich bei schlechtem Wetter nicht selbst in der Lage sind, den Scheibenwischer und das Licht einzuschalten und die Klimaanlage umzustellen, das mögen selbst die härtesten Machos heute hinterfragen.
Ohne Frage bleibt dagegen der Fahrkomfort im Ballet Cat. Nein, der elektrische Kleinwagen ist nicht grazil wie eine Ballerina und fährt auch nicht so filigran. Aber er ist jedem Käfer überlegen – egal ob mit dem luftgekühlten Heckmotor des Originals oder der wassergekühlten Frontmaschine der beiden Beetle-Generationen: Mit dem Punch des Magnetläufers beschleunigt er besser, als es der Käfer je getan hat, und das Spitzentempo von 155 km/h ist zumindest mit den Oldtimern vergleichbar.

Sieht dem VW Beetle zum verwechseln ähnlich: der Ora Ballet Cat.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Mit der schweren Batterie im Boden fährt er aufrechter und federt vornehmer, und selbst die Arbeit an dem eigens für die holde Weiblichkeit etwas kleiner gefassten Lenkrad war in einem Käfer von VW noch nie so leicht wie beim Ballet Cat.
China-Klon ist kein neuer Käfer
Und trotzdem ist der China-Klon kein neuer Käfer und kann auch keiner sein. Denn spätestens beim Summen des Stromers ist es vorbei mit den seligen Erinnerungen. Ein Käfer ohne Boxer ist wie Nachkriegsdeutschland ohne Nierentisch, Heinz Erhard ohne Kalauer oder Wolfsburg ohne Currywurst.
Auch das ist sicher ein Grund, weshalb Great Wall Motors nicht im Traum daran denkt, den Ballet Cat nach Deutschland zu exportieren und stattdessen jetzt den Start des Ora 07 vorbereitet. Der hat zwar ebenfalls ein europäisches Vorbild, bleibt aber in der Gegenwart verhaftet. Denn je nachdem aus welcher Perspektive man schaut, erinnert der verdächtig an den Porsche Panamera.
Fazit
Klar ist der Ora Ballet Cat eine dreiste Kopie des alten Käfers mit modernen Mitteln. Aber das Auto hat Charme und zeigt, was VW aus dem Beetle hätte machen können. Zumal sie es mit dem ID.Buzz doch auch geschafft haben. Viel mehr als das Plagiat stören deshalb die plumpen Klischees, die Ora mit dem Ballet Cat bedient. Aber offenbar nur uns politisch korrekte Langnasen. In China nämlich ist die Ballerina dem Vernehmen nach ein Bestseller.
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