Was für ein Auftritt! Laute Musik, spektakuläre Bilder, faszinierende Studien und immer wieder echte Gänsehautmomente. Stellantis hat am Vorabend der Paris Motor Show ein Feuerwerk auf der Bühne gezündet, wie man es in der Automobilindustrie schon lange nicht mehr erlebt hat. Selbstbewusst, emotional und voller Ideen. Vor allem aber mit einer Botschaft: Dieser Konzern hat noch viel vor.
Dabei ging es um weit mehr als eine große Show. Stellantis hatte erst im Mai mit seiner Strategie "FaSTLAne 2030" die Richtung für die kommenden Jahre vorgegeben. Jetzt zeigte der Konzern, wie diese Zukunft aussehen könnte. Und vor allem, welche Rolle seine unterschiedlichen Marken darin spielen sollen.

Sechs Marken, sechs Charaktere

Das war vielleicht die größte Stärke dieses Abends. Sechs Marken, sechs spektakuläre Studien und sechs völlig unterschiedliche Charaktere. Jede Marke bekam ihren eigenen Auftritt, ihre eigene Geschichte und ihre eigene Identität. Alfa Romeo stand mit dem Cuorerosso für italienische Leidenschaft und Fahrfreude, Peugeot mit dem RCZ Vision für sportliche Eleganz und innovative Technik, Citroën mit der Neuinterpretation des 2CV für bezahlbare, unkonventionelle Mobilität. Fiat zeigte mit dem Multiplay neue Ideen für vielseitige Alltagsautos, DS mit dem F3VER französische Extravaganz und Opel mit dem STX Concept seine Interpretation deutscher Ingenieurskunst.

Der Gänsehautmoment des Abends

Der emotionale Höhepunkt war sicherlich der Auftritt von Alfa Romeo. Die Italiener haben die Schönheit traditionell auf ihrer Seite. Und natürlich erwartet man von einer Marke wie Alfa Romeo, dass sie mit Design und Leidenschaft begeistert. Doch selbst die Neuinterpretation des einst so eigenwilligen Fiat Multipla wurde mit einer mitreißenden Show gefeiert. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet dieses Auto einmal für Gänsehaut sorgen könnte?
Alfa Romeo Cuorerosso
Der Alfa Romeo Cuorerosso verkörpert italienische Leidenschaft in ihrer wohl spektakulärsten Form.
Bild: R. Hornig
Genau das machte den Abend so besonders. Jede Marke bekam ihre eigene Bühne, ihre eigene Geschichte und ihren unverwechselbaren Charakter.

Opel setzt ein Ausrufezeichen

Gerade der Auftritt von Opel war ebenfalls bemerkenswert. Eine spektakuläre Inszenierung mit einem Soundtrack, der an Kraftwerk erinnert und durchaus das Zeug zu einem Hit hat. Dazu die Studie STX Concept, die zeigt, wie emotional und eigenständig ein deutscher Kombi in Zukunft aussehen könnte. Modern, klar und unverkennbar Opel. So lässt sich eine Marke auf den Punkt bringen.

Gegen die Gleichförmigkeit

Überhaupt war beeindruckend, wie konsequent Stellantis seine Marken voneinander abgrenzte. Obwohl sie unter einem Konzerndach vereint sind und zunehmend gemeinsame Technik nutzen, sollen sie sich für die Kunden weiterhin völlig unterschiedlich anfühlen. Eine wichtige Botschaft in einer Zeit, in der viele Autos immer austauschbarer wirken.
Opel STX Concept
Das Opel STX Concept zeigt, wie emotional ein deutscher Kombi in Zukunft sein kann.
Bild: R. Hornig
Genau darin könnte eine der größten Chancen von Stellantis im Wettbewerb mit den chinesischen Herstellern liegen. Denn was die sechs hier präsentierten Marken verbindet, ist eine Geschichte und Identität, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Eine solche Tradition können die meisten jungen chinesischen Marken nicht vorweisen. Und diese DNA war in jeder einzelnen Studie zu spüren.
Selbst wenn keines dieser Fahrzeuge so auf die Straße kommen wird, reicht es vielleicht schon, einen Teil dieser Ideen in die Serie zu retten. Dann hat Stellantis gute Chancen, auch in Zukunft ganz unterschiedliche Zielgruppen zu begeistern. Denn Technologie und günstige Preise allein machen noch keine begehrenswerte Automarke.

Mehr als schöne Studien

Und Stellantis lieferte nicht nur schöne Bilder. Mit der neuen Plattform STLA One, der Steer-by-Wire-Lenkung und einer neuen Batteriearchitektur wurden auch wichtige technische Grundlagen für die kommenden Modellgenerationen vorgestellt.
Die STLA One soll bereits 2027 starten, vom Kleinwagen bis zur Mittelklasse reichen und unterschiedliche Antriebsarten ermöglichen. Sie ist für 800-Volt-Technik ausgelegt und soll die Kosten durch eine deutlich höhere Zahl gemeinsamer Komponenten senken. Peugeot zeigte mit dem RCZ Vision bereits, wie sich die neue Technik mit einem völlig anderen Fahrerlebnis verbinden lässt.
Peugeot RCZ Vision
Mit dem RCZ Vision zeigt Peugeot, wie Sportlichkeit und neue Technik zusammenfinden könnten.
Bild: Stellantis
Das Ziel ist klar: weniger Komplexität und geringere Kosten im Hintergrund, mehr Eigenständigkeit und Innovation für die Kunden.

Die Hoffnungsträgerin heißt Ente

Besonders spannend ist die Rückkehr der Ente. Citroën will den Geist des legendären 2CV wiederbeleben. Als einfaches, cleveres Elektroauto, gebaut in Europa und mit einem angestrebten Einstiegspreis von rund 15.000 Euro.
Citroën 2CV Concept
Mit viel Retro-Charme blickt die neue Ente in eine elektrische Zukunft.
Bild: Stellantis
Das ist keine bloße Fantasie. Citroën hat diesen Preis offiziell als Ziel ausgegeben und will bis 2028 ein entsprechendes Serienmodell bringen. Sollte das gelingen, wäre es weit mehr als ein sympathischer Retroflitzer. Es könnte genau das Auto werden, auf das viele Menschen bei der Elektromobilität warten: bezahlbar, praktisch und mit einem Charakter, den man sofort wiedererkennt.

Zwischen Vision und Realität

Natürlich muss Stellantis erst noch beweisen, dass aus den Studien erfolgreiche Serienmodelle werden. Gerade nach den wirtschaftlich schwierigen vergangenen Jahren sind schöne Versprechen allein zu wenig. Auch die neue Ente muss erst einmal für 15.000 Euro auf die Straße kommen. Und eine beeindruckende Show macht noch keine erfolgreiche Unternehmensstrategie.
Aber dieser Abend hat gezeigt, wie man eine solche Strategie mit Leben füllen kann. Die Reden der Konzernführung waren kurz, die Botschaften klar, die Autos standen im Mittelpunkt. Statt die Zukunft nur zu beschreiben, machte Stellantis sie erlebbar.

Stellantis und VW: Rollen getauscht?

Und irgendwie fühlte man sich dabei an frühere Zeiten erinnert. An die großen Auftritte des Volkswagen-Konzerns auf den Automessen in Genf oder Paris. Als die einzelnen Marken des Konzerns noch mit spektakulären Studien, großen Shows und klaren Botschaften um Aufmerksamkeit kämpften.
Nur wenige Stunden zuvor hatte der Volkswagen-Konzern in Paris einen ganz anderen Auftritt hingelegt. Dort standen die gemeinsame Strategie, die wirtschaftlichen Herausforderungen und die Zukunft des Konzerns im Mittelpunkt. (Kommentar zum Volkswagen-Konzern: zwischen Sparzwang und Zukunft)
Bei Stellantis waren es die Marken, ihre Charaktere und ihre Produkte. Fast so, als hätten die beiden Autokonzerne die Rollen getauscht.
Denn eines darf die Automobilindustrie bei allen Diskussionen über Plattformen, Kosten und Technologien nicht vergessen: Menschen kaufen keine Konzernstrategien. Sie kaufen Autos, die sie begeistern.