Porsche 911 (997) GT2 RS mit nur 227 Kilometern: Fahrbericht
So fährt sich ein 16 Jahre alter Neuwagen

Mit 227 Kilometern auf dem Tacho ist dieser Porsche 911 GT2 RS noch nicht mal eingefahren. AUTO BILD ist den 16 Jahre alten Neuwagen gefahren!
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Eine Schutzfolie auf dem Fahrersitz, ein Schoner auf der Fußmatte und Neuwagen-Geruch im Innenraum: So muss es sich 2010 angefühlt haben, wenn man mindestens 285.220 Euro überwiesen hat und seinen brandneuen Porsche 911 GT2 RS im Porsche Zentrum in Empfang genommen hat!
2010 war ich 19 Jahre alt, war seit einem Jahr im Besitz meines Führerscheins und überglücklich, den VW Golf 3 (in der Pink Floyd Edition) meiner Mutter fahren zu dürfen. Dass Porsche mit dem GT2 RS soeben den bis dato stärksten 911 präsentierte, verfolgte ich natürlich – meinen zahlreichen Zeitschriften-Abonnements sei Dank.
620 PS und 750 Nm
Der doppelt aufgeladene 3,6-Liter-Sechszylinder-Boxer leistet 620 PS und 750 Nm – noch heute beeindruckende Werte, doch 2010 wirkten die Zahlen auf mich geradezu unfassbar, schließlich war ich schon mit den 75 PS des Golfs mehr als zufrieden.

Nahezu unberührter Originalzustand: Selbst die ersten Michelin Pilot Sport Cup mit DOT 38/10 sind noch montiert.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Fast noch beeindruckender als die reine Power ist jedoch das Leistungsgewicht des GT2 RS. Denn im Vergleich zum ohnehin schon leichten 997 GT2 haben die Ingenieure in Weissach noch mal rund 70 Kilo eingespart, sodass der Über-Elfer gerade einmal 1370 Kilo auf die Waage bringt. Das wiederum entspricht einem Leistungsgewicht von 2,21 Kilo pro PS.
Der stärkste 911 mit Handschaltung
Wie extrem der GT2 RS der Baureihe 997 wirklich ist, zeigt der Vergleich mit den Legenden 911 GT1 und Carrera GT, die er leistungstechnisch übertrumpft. Tatsächlich sollte es sieben Jahre dauern, ehe Porsche mit dem 991 GT2 RS einen stärkeren Elfer mit Straßenzulassung brachte, wobei der 997 GT2 RS der stärkste 911 Handschalter ist – bis heute.

Das perfekte Sammlerstück: Nach zehn Jahren stehen nur 227 Kilometer auf dem Tacho des GT2 RS.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Und während ich vor 16 Jahren in meinem jugendlichen Leichtsinn sicherlich keine zehn Kilometer unbeschadet mit dem GT2 RS zurückgelegt hätte, so bin ich heute auf jeden Fall erfahrener im Umgang mit potenten Sportwagen.
Jungfräuliche 227 Kilometer auf dem Tacho
Heute darf ich Exemplar Nummer 198 von nur 500 gebauten GT2 RS fahren. Und als ob das nicht schon besonders genug wäre, so hat dieses Exemplar in der Farbe "Indischrot" gerade einmal 227 Kilometer auf dem Tacho, ist also praktisch ein Neuwagen. Ein Umstand, der bei Sammlerautos direkt mal ein paar Hunderttausend Euro Unterschied machen kann. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Mechatronik, zu deren Sammlung dieser ganz besondere 997 zählt.
Folie auf dem Sitz
Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig ziehe ich die Folie vom Fahrersitz. Verbaut sind die Klappschalensitze in schwarzem Leder mit roten Alcantara-Sitzflächen. Optional hatten die Kunden 2010 die Wahl, ihren GT2 RS entweder mit einem komplett schwarzen oder einem auffälligen roten Innenraum zu ordern. Wer sich für letzteren entschied, bekam nicht nur rote Sitzbahnen, sondern auch einen roten Alcantara-Dachhimmel sowie rote Alcantara-Einsätze an Lenkrad, Schaltknauf, Handbremshebel und den Türtafeln.
Da es den 997 ab Werk nur in den vier Farben "Indischrot", "Schwarz", "Carraraweiß" und "GT-Silbermetallic" gab, war das farbige Innenraumpaket eine willkommene Abwechslung und passt in diesem konkreten Fall perfekt zur Lackierung.

Das rote Interieur ist Geschmackssache, passt in diesem Fall aber gut zur Außenfarbe "Indischrot".
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Ich nehme Platz und habe fast schon ein schlechtes Gewissen, das Alcantara-Lenkrad anzufassen, schließlich befindet es sich im perfekten, nahezu unberührten Zustand – wie alles an diesem 911. Gestartet wird der GT2 RS nicht per Startknopf, sondern mit dem guten, alten Schlüssel. Manchmal sind es die kleinen Dinge ...
Im Leerlauf klingt der Sechszylinder-Boxer, der dank größerer Ladeluftkühler und einer Ladedruckerhöhung auf 1,6 Bar noch mal 90 PS mehr leistet als der 997.1 GT2, fast schon zurückhaltend.
Kupplung erfordert Kraft
Das Kupplungspedal erfordert etwas Kraft, gleiches gilt für den ersten Gang, der mit Nachdruck eingelegt werden will. Langsam rollt der Über-Elfer vom Hof. Verglichen mit dem 991 und erst recht dem 992 wirkt die sechste Generation des 911 angenehm handlich.
Im Cockpit wirkt alles vertraut: Fünf analoge Rundinstrumente, der Drehzahlmesser ist prominent in der Mitte angeordnet, der Tacho reicht bis 350 km/h. Kaum übertrieben, schließlich begrenzte Porsche die Höchstgeschwindigkeit bei echten 330 km/h, der Tacho dürfte also kurz vor Anschlag anzeigen.
Im AUTO BILD-Test 2010 katapultierte Redakteur Jörg Maltzan den GT2 RS in 3,5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, was definitiv für seine Fahrkünste spricht, schließlich gab Porsche selbst genau diese Zeit an. Noch beeindruckender sind aber die 9,4 Sekunden in der Disziplin 0-200 km/h – ein Wert, an dem sich viele moderne Supersportwagen die Zähne ausbeißen.
Originale Reifen aus 2010
Und ein Wert, den ich heute ganz bewusst nicht angreifen werde. Nicht nur, weil mir dieser GT2 RS nicht gehört, sondern vor allem, weil der Porsche mit mittlerweile 264 Kilometern immer noch nicht ansatzweise eingefahren ist und ganz nebenbei immer noch auf den ersten Michelin Pilot Sport Cup mit DOT 38/10 rollt.
Auch ohne die volle Leistung abzurufen, genieße ich die Fahrt und erfreue mich an der ultra direkten Lenkung, dem auch bei niedrigen Geschwindigkeiten involvierenden Fahrgefühl und dem Wissen, dass dieser 16 Jahre alte Porsche so ziemlich jedes Auto in Grund und Boden fahren würde, das mit entgegenkommt.

Ab Werk gab es den 997 GT2 RS in vier Außenfarben. PTS-Autos sind extrem selten und dementsprechend noch teurer.
Bild: Jan Götze / AUTO BILD
Als ich den GT2 RS unversehrt vor der Halle abstelle, stehen 36,9 auf dem Tageskilometerzähler. Mit gemischten Gefühlen gebe ich den Schlüssel zurück: Einerseits bin ich froh diesen seltenen 911 einmal gefahren zu sein, andererseits bin ich jetzt richtig heiß, den GT2 RS einmal sportlich zu bewegen.
Blöd nur: Die Preise haben sich seit 2010 mehr als verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht. Wenn überhaupt mal einer der 500 GT2 RS auf den Markt kommt, werden mittlerweile mindestens 600.000 Euro aufgerufen – Tendenz steigend. Ein praktisch neuer 997 GT2 RS dürfte wohl eher bei 800.000 oder 900.000 Euro liegen. Also schnell wieder die Schutzfolie über den Sitz ziehen.
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