SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück im AUTO BILD-Interview
Steinbrück gegen Tempolimit

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Am 22. September 2013 will Peer Steinbrück neuer Bundeskanzler werden. Im Interview mit AUTO BILD spricht er über die Themen Tempolimit, Pkw-Maut, E-Autos und Verkehrsminister Ramsauer.
AUTO BILD: Herr Steinbrück, am 22. September wird gewählt. Welche Rolle spielt Verkehrspolitik im Wahlkampf? Peer Steinbrück: Wenn bei Köln eine marode Autobahnbrücke auf der A 1 gesperrt wird und pro Tag 15.000 Lkw nordwestlich der Stadt umgeleitet werden müssen, dann stellen wir plötzlich fest: Unsere Straßenverkehrsinfrastruktur verfällt. Und es zeigt sich: Wir leben von der Substanz. Also werden wir mehr Geld in den Ausbau und den Erhalt der Verkehrsinfrastruktur stecken müssen. Zwei Milliarden Euro mehr aus dem Steuertopf. Das werden wir unter anderem finanzieren, indem wir ehrlicherweise sagen, wir müssen für einige die Steuern erhöhen. Und wir kriegen noch mehr finanzielle Spielräume, wenn wir die Lkw-Maut auch auf alle Bundesstraßen erweitern; gegebenenfalls auf noch kleinere Straßen. Das würde noch mal zwei Milliarden bringen.Und schon sind wir bei der Pkw-Maut … Die Pkw-Maut wird von der SPD nicht eingeführt. Die Autofahrer werden bereits zunehmend belastet über die Benzinpreise und die darin enthaltene Mineralölsteuer sowie über die Kfz-Steuer. Was Horst Seehofer da mit seiner Forderung nach einer Pkw-Maut für ausländische Autofahrer veranstaltet, ist billigster Klamauk. Er kann so eine Maut für Ausländer ja nur einführen, wenn er auch eine Maut für Inländer einführt. Das Schlimme ist, dass er das auch weiß. Und wenn man eine Maut mit der Kfz-Steuer verrechnet? Das widerspricht sich selbst. Ich dachte bisher immer, dass die Befürworter einer Pkw-Maut mehr Geld für Straßen haben wollen. Wenn die Kfz-Steuer wegfallen soll, bleiben am Ende nur die sehr geringen Einnahmen von den wenigen ausländischen Pkw-Fahrern übrig. Das reicht aber noch nicht mal für die Erhebungskosten einer Pkw-Maut. Am Ende zahlt der Bund drauf und hat keinen Cent mehr für unsere kaputten Straßen.
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Interview-Runde im Willy-Brandt-Haus: Peer Steinbrück mit den AUTO BILD-Redakteuren Hauke Schrieber und Christian Steiger (r.).
Bild: Thomas Starck/ AUTO BILD
Als ehemaliger Ministerpräsident von NRW muss Ihnen das Schicksal der Opelaner in Bochum doch besonders weh getan haben. Ja, aber das ist das Ergebnis der Verhandlungen von 2009 mit dem damaligen Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg. Der fand damals keine tragfähige Lösung. Das ist jetzt nicht mehr zu retten. Was sagen Sie dazu, dass deutsche Autobauer billige Zeitarbeiter einstellen, um ihre Modelle zu bauen. Es geht nicht darum, Leiharbeit vollkommen abzuschaffen. Es geht um die Bekämpfung von Missbrauch. Es muss nach einer gewissen Zeit zwischen Leiharbeitern und Stammbelegschaft gleiche Löhne bei gleicher Qualifikation geben. Die Unternehmen sollen atmen können, sie brauchen Flexibilität. Ich gebe jedoch zu: In den letzten Jahren hat der Missbrauch zugenommen.
Die Bundeskanzlerin gibt das Ziel aus, 2020 eine Million Elektroautos auf unseren Straßen zu haben. Was ist das? Planwirtschaft? Realistisch? Ich bin da mehr als skeptisch, ob wir das Ziel erreichen werden. Warum? Weil zu wenig gemacht worden ist. An Rahmensetzungen, an Anreizen. Da gibt es wieder einen dieser berühmten E-Auto-Gipfel, die alle folgenlos geblieben sind. Frau Merkel veranstaltet ja gefühlt jeden Monat irgendeinen Gipfel, und man fragt sich immer: Was ist dabei eigentlich herausgekommenDas gilt auch für die E-Mobilität. Also ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass wir eine Million Elektroautos bis 2020 schaffen werden. Ich sehe auch nicht ein, dass der Staat das subventionieren soll. Man braucht eher Anreize wie kostenlose Parkplätze oder den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Wenn öffentliche Fuhrparks eine Vorreiterrolle übernehmen und E-Autos anschaffen, bringt das mehr.Damit kann Bundeskanzler Peer Steinbrück ja gleich mal anfangen. Damit hätte ich keine Probleme. Ich müsste nur die Gewissheit haben, damit weiter als 500 Kilometer zu kommen. E-Autos sind noch immer zu teuer für Privatkunden. Aber den Kauf eines solchen Autos zu bezuschussen kommt mir nicht in den Sinn. Wer sich auf den Kauf einlässt, der sollte dafür anders belohnt werden, zum Beispiel, wenn es darum geht, in Innenstädte zu fahren. Sind Sie also für eine City-Maut? Das ist die Entscheidung der Kommunen, aber ich halte nur wenig davon. Die Folge sind leere Innenstädte und ein schwächelnder Einzelhandel in den Zentren. Außerdem wird’s damit für die Menschen, die sich eh keine Wohnung in der Innenstadt leisten können und am Stadtrand wohnen, noch teurer, in die Stadt zu kommen.
Wie beurteilen Sie die EU-Richtlinie, dass Autobauer bis 2020 ihren Flottenausstoß auf 95 Gramm CO2 pro Kilometer begrenzen müssen. In Europa wird eine Politik gemacht, bei der ich manchmal den Eindruck habe, dass die EU-Kommission und andere europäische Länder versuchen, den deutschen Herstellern von Premiumautos auf die Füße zu treten. Die legen Werte fest, die nach meinen Gesprächen mit den deutschen Topmanagern einfach nicht realistisch sind. Davon sind andere Länder weit weniger betroffen. Wir müssen bei diesem Thema unsere deutschen Interessen deutlich machen.

Der gebürtige Hamburger Peer Steinbrück war von 1993 bis 2000 Landesverkehrsminister in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.
Bild: Thomas Starck/ AUTO BILD
Eine zu erwartende Reaktion auf den Seehofer-Vorschlag zur Pkw-Maut und die Forderung nach der Abschaffung von "Elefantenrennen" in der Sommerferienzeit – sehr viel Substanzielles kam von Pronold in dem Wahlkampf bisher aber noch nicht. Das sehe ich anders. Wir beide sind uns einig darüber, was die notwendigen Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur betrifft. Das allein ist sehr viel weitgehender als alles, was ich je von Herrn Ramsauer oder der Bundesregierung dazu gehört habe. Sie waren selbst mehrfach Landesverkehrsminister. Immer Ärger mit kaputten Straßen, Staus, der Bahn. Ist das nicht ein Scheißjob? (lacht) Nein. Auch wenn mich mein Kampf in Schleswig-Holstein um den Ausbau der A 20 seinerzeit manchen Nerv gekostet hat.
Sie sind 66 Jahre alt. Spüren Sie das Alter beim Fahren? Nein. Wir fragen, weil schwere Unfälle mit Senioren am Steuer zunehmen. Wie denken Sie über regelmäßige Fahrtauglichkeitstest ab einem bestimmten Alter? Ich werbe dafür, dass sich Senioren selbst die Frage stellen: Wie sieht es mit meinen Reaktionsfähigkeiten aus, mit den Augen? Und dann freiwillig zum Arzt gehen. Ich habe meinem Vater irgendwann mal gesagt: So, jetzt gib mal deinen Führerschein ab. Meine Mutter ist Gott sei Dank von allein zu dem Ergebnis gekommen. Kommen Sie eigentlich noch selbst zum Autofahren? Ich fahre gern, aber selten. Wir haben einen BMW 3er Touring in der Garage, den im Wesentlichen meine Frau fährt. Aber ich fahre gern – am liebsten so mit 140 auf der Autobahn. Ich bin übrigens ein großer Bewunderer von Oldtimern und überlege manchmal, ob ich mir irgendwann nicht doch noch mal einen kaufe. Einen alten Buckel-Volvo. Oder einen schönen alten Citroën aus den französischen Gangsterfilmen mit Lino Ventura und dem jungen Alain Delon. Natürlich in Schwarz.Immer noch "keinen Bock, auf einen Golf umzurüsten und auf einer Holzbank zu sitzen", wie Sie mal in einer Diskussionsrunde auf die Frage antworteten, warum Sie so einen großen Dienstwagen haben? Das habe ich damals vor Schülern gesagt, und die haben das alle verstanden. Mein Auto ist ein fahrendes Büro, da arbeite ich. Und ich will da zwischen zwei Terminen auch mal zur Ruhe kommen. Dienstwagen sind keine Prestigeobjekte, mit denen sich Politiker schmücken. Hat sich niemand von VW bei Ihnen über diesen Satz beschwert? Ich hatte selbst mal einen Golf, und meine ersten drei Autos waren alle Käfer. Als Dienstwagen fahre ich einen Phaeton. VW hat also keinen Grund, sich zu beschweren.
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