Stockcar: Rempeln nach allen Regeln der Kunst

Cash für Crash

Schubsen, drängeln, rammen– bei Stockcar-Rennen geht es nicht nur um den Sieg, sondern vor allem auch darum, die Gegner auszuschalten
Der Typ da vorn nervt. Es gibt wohl keinen Rennfahrer, der dieses Problem nicht kennt. Man will vorbei, überholen, aber irgendwie klappt es einfach nicht. Die Kurven zu schnell, die Bremszonen zu lang, Luftwirbel, welche die eigene Aerodynamik zerstören – einfach mal hinten drauf und die Karre da vorn weghauen, um endlich freie Fahrt zu haben, das wär´s doch.
Nachruf auf Stirling Moss: Hier klicken
Ein Schelm, wer dabei an die „Schieb ihn raus-Affäre“ in der DTM 2015 in Spielberg denkt. Was aber PS-Stars wie Lewis Hamilton oder Sebastian Vettel höchstens mal klammheimlich denken und was im Rundstrecken-Profi-Motorsport einem veritablen Skandal gleich kommt, ist bei Stockcar-Rennen nicht nur Alltag, sondern ausdrücklich erwünscht.

Weil nicht der Speed sondern das ‚Überleben’ zählt, sind die Autos extrem robust und sicher.

Erlaubt ist (fast) alles was dem Ziel dient, einen Kontrahenten auszuschalten. Man darf drängeln, schubsen, rammen, ja sogar den Gegner aufs Dach legen. Weil es sich mit den Rädern in der Luft schlecht fahren lässt, ist das dann eben einfach ein Gegner weniger im sprichwörtlichen Kampf um den Sieg.
Das bedeutet allerdings nicht, dass es keine Regeln gibt. Absolut tabu sind aus Sicherheitsgründen etwa Attacken auf die Fahrertür. Und, Überraschung, Sieger ist, wer als erster das Ziel erreicht – ganz wie in der Formel 1 oder DTM.
Tatsächlich gibt es sogar ein technisches Reglement für die eingesetzten Fahrzeuge. Vor allem natürlich aus Sicherheitsgründen. Erlaubt sind nur geschlossene Serienkarossen. Alle Autos müssen nackt, also bis auf Fahrersitz, Lenkrad, Schaltung ohne jegliche Innenausstattung sein. Jedwedes Glas muss raus, Tanks besonders gesichert und alle Fahrzeuge mit einem stabilen Sicherheitskäfig ausgestattet sein.
Grundsätzlich gibt es drei Stockcar-Varianten. Sozusagen die Light-Version – Kontakt ist hier verboten – sind die Speedwayrennen. Dabei geht es ausschließlich um Speed, Fahrzeugbeherrschung und Fahrkönnen. Klassischer Motorsport eben, nur auf einem ca. 400 m langen Schotterkurs, meistens, aber nicht zwingend vorgeschrieben, in Ovalform angelegt.
Die Stockcar-Rennen sind wie beschrieben dann jedoch echter Vollkontaktsport. Action wird erwartet und soll geboten werden, Jeder darf jeden attackieren, auch ein Überrundeter den Spitzenreiter. Als Fahrer darf man sich eben nie sicher fühlen. Verboten sind neben Angriffen auf die Fahrertür allerdings auch Attacken auf stehende Fahrzeuge.
Bangers heißt die Hardcore-Variante. In der ursprünglichsten aller Stockcar-Versionen geht es darum, den Gegner wirklich auszuschalten. Selbst stehende Fahrzeuge dürfen in diesen Rennen gerammt werden. Der Fahrer könnte ja nur wegen eines kleinen technischen Defekts stehen geblieben und in späteren Rennen wieder dabei sein. Ihm dann per Vollspeed-Crash die Radaufhängung zu zerstören oder die Achsen zu brechen, würde zumindest eine längere Reparaturpause notwendig und einen Start im nächsten Rennen unmöglich machen. Wieder ein Gegner weniger …

Erlaubt ist (fast) alles was dem Ziel dient, einen Kontrahenten auszuschalten

Klassisch Motorsport ist dann wieder die Wertung. Die ersten sechs eines Rennens bekommen Punkte, von acht bis eins. Fünf Zusatzzähler heimst ein, wer einen Kontrahenten im Rennen auf die Seite oder aufs Dach gelegt hat. Fahrzeuge, die so eine Prozedur überstanden haben und noch fahrtauglich sind, dürfen zum nächsten Rennen wieder antreten, müssen sich in der Startaufstellung aber hinten einreihen.
Nur wer auf fremde Hilfe angewiesen war (z.B. Auto freischieben oder auf die Räder stellen), ist für diesen Lauf raus. Es liegt in der Natur der Dinge, dass bei dieser Art Motorsport der Schwund im Laufe eines Renntages auch mal etwas größer sein kann. Meisterschaftspunkte werden deshalb nur in den ersten vier Rennen eines Tages vergeben. Wer am Ende einer Veranstaltung die meisten Punkte gesammelt hat, bekommt den Pokal für den Tagessieger.
Live können interessierte Fans das PS-Spektakel unter anderem bei den Läufen zum renommierten Heide-Cup sehen. Ob der derzeitigen Corona-Ausnahmesituation ist allerdings noch offen, ob der Saisonstart wie geplant am 9./10. Mai auf dem Uhlenköper-Ring in Klein Pretzier bei Uelzen stattfinden kann. (Infos unter www.heide-cup.de ).
Oft mit dabei, wenn es beim StockCar zur Sache geht, ist Benjamin Eilers mit seinem Team Herzilein. Der ungewöhnliche Name entstand 2009 bei der Teamgründung gemeinsam mit Vater Horst. Inspiration war die herzförmige Verblendung eines Auspuffs. „Das ist einfach noch ursprünglicher Motorsport, bei dem nicht das Geld zählt“, sagt der 32-jährige aus Bad Oeyenhausen. „Jeder kann mitmachen. Mit Engagement und handwerklichem Geschick baut man sich für 500 Euro ein rennfertiges Auto auf.
Weil nicht der Speed sondern das ‚Überleben’ zählt, sind unsere Autos extrem robust und sicher. Ein Kleinwagen kann schon mal zwei Tonnen auf die Waage bringen, ist damit dann aber auch fast unzerstörbar“, lacht Eilers, der im Privatleben in einem Wachschutzunternehmen tätig ist. Aktuell setzt er einen VW Käfer mit Golf II-Vergasermotor (1800 ccm Hubraum, 90 PS) ein. Neben dem Heide-Cup steht, wenn Corona es erlaubt, auch sein „Heimrennen“ beim MSC Löhne am 1./2. August (Infos: www.msc-loehne.de ) in seinem Terminkalender.
Für Eilers geht es dabei nicht nur um Spaß am Sport, er hat sich auch einer guten Sache verpflichtet. Bei all seinen Rennen sammelt er Spenden für die Aktion „Fly & Help“ des ehemaligen Tourismus-Managers Reiner Meutsch (Berge & Meer). Die hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit dem Bau von Schulen in der dritten Welt Kindern Zugang zu Bildung zu ermöglichen. „Motorsport ist für mich nicht einfach nur Selbstzweck. Wir haben schon immer lokal Projekte wie etwa Kindergärten unterstützt. In diesem Jahr wollte ich einfach mal bei einem größeren überregionalen Projekt dabei sein“, erklärt Eilers.
Bei der Essen Motorshow 2019 lernte er Bernd Albrecht kennen. Dessen grüne Dodge Viper CC GT3 (V10-Motor, 8,2l Hubraum, 550 PS), gehört alljährlich zu den Publikumslieblingen beim legendären 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Seit jeher unterstützt Albrecht mit seinem Team ehrenamtlich arbeitender Motorsport-Enthusiasten soziale Projekte. 2020 wird die einst giftgrüne Viper als „White Angel“ auf dem Ring an den Start gehen und ebenfalls für „Fly & Help“ trommeln. Disziplinübergreifend machen Albrecht und Eilers dabei gemeinsame Sache, werfen eingefahrene Spenden in einen Topf und wollen damit helfen, das Ziel vom 1000 neuen Schulen (400 sind bereits gebaut) zu erreichen.
Und weil eine gute Show die Spendenbereitschaft sicher erhöht, ist es Eilers erklärtes Ziel, in diesem Jahr möglichst viele Gegner zu schubsen, zu rammen oder gar aufs Dach zu legen. Crash für cash sozusagen. Geld und Motorsport bekommt da doch mal eine ganz andere Bedeutung.

Autor: ABMS

Fotos: Team Herzilein Motorsport/J. Bauer; Heide-Cup Motorsport GbR

Anzeige

Automarkt

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.