Wälder und Seen gibt es in Schweden jede Menge. Dazu viele rote Häuschen und noch mehr Kombis. Kein Wunder. Der erste Volvo von 1927 war zwar noch offen, aber schon 1953 stellten die Schweden ihren ersten Kombi auf die Räder – den PV 445. Seitdem hat Volvo das Thema so intensiv wie kaum ein anderer Hersteller bearbeitet. Egal ob vom 120 ("Amazon"), 140, 240, 740 oder 850 – stets waren geräumige Kombis im Programm. Das jüngste Stück der Flotte, der V70, kommt jetzt zu uns. Ein freundlich-eleganter Frachter mit rundlichem Bug und auffälligem Heck. Kein Vergleich mehr mit manchem kantigen Kahn aus der Ahnengalerie. Die Kabine ist im neuesten Schweden-Schick eingerichtet. Keine Spur von Ikea-Bude, hier sieht es aus wie in einem Designer-Appartement. Besonderer Hingucker ist die freigestellte Mittelkonsole. Allerdings enthält diese übersichtliche Kommandobrücke zu viele und zu kleine Tasten für Klimaanlage und Radio, da besteht nicht nur bei schwerem Seegang allzu leicht Verwechslungsgefahr.

Bei den Details zeigt sich die Kombi-Erfahrung der Schweden

Ganz vorn liegt der Volvo mit seinen 238 PS: Der BMW fährt mit 218, der Audi mit 210 PS vor.
Mit seinem Raumangebot braucht sich der V70 weder vor dem Audi noch vor dem BMW zu verstecken. Misst man ganz genau, hat er vorn sogar den meisten Platz, im Fond allerdings etwas weniger als die beiden anderen. In den Frachtraum passen 575 Liter – und damit etwa ein Rucksack mehr als in den Audi (565 Liter) und ein Koffer mehr als in den BMW (500 Liter). Auffällig ist, wie sorgfältig Volvo sich vielen Details gewidmet hat. Die große Erfahrung der Schweden mit Kombis, hier wird sie sichtbar. Es gibt ab Werk verschiebbare Ösen, Schienen im Boden, ein abschließbares Fach darunter, die Beifahrerrücklehne ist nach vorn klappbar und die Rücksitzlehne dreigeteilt (im Verhältnis 40/20/40) umlegbar. Maximal lassen sich 1600 Liter Fracht verstauen – hier schlucken Audi (1660 Liter) und BMW (1650 Liter) allerdings mehr. Ganz vorn liegt der Volvo dann wieder mit seinen 238 PS: Der BMW fährt mit 218 und der Audi mit 210 PS vor. Der 3,2-Liter-Reihensechser im V70 faucht heiser und tritt kräftig an. Er dreht allerdings bei weitem nicht so locker wie der Audi und schon gar nicht wie der BMW. Bei höheren Touren klingt er kernig und rau – fast wie ein V6 alter Schule. Ein Grund, weshalb die beiden Deutschen bei den Fahrleistungen die Nase vorn haben, ist die Volvo-Automatik. Sie hinterlässt einen nervösen, unentschlossenen Eindruck und schaltet zu häufig hin und her.

Der V70 ist ein Tourensegler für Menschen, die es nicht so eilig haben 

Feinnervige Lenkung, Heckantrieb, souveränes Fahrwerk: Der BMW ist ein schnelles Schubschiff.
Wie es besser geht, zeigt vor allem der BMW. Dessen zupackende und reaktionsschnelle Automatik ergibt zusammen mit dem wohlig summenden Dreiliter einen wunderbaren Antrieb. Der 218-PS-Reihensechszylinder braucht wie stets hohe Drehzahlen, um seine Kraft zu entwickeln. Aber wie seidig und geschmeidig er dreht, ist ein Erlebnis. Dazu noch die präzise, feinnervige Lenkung, der Heckantrieb und das straff abgestimmte, souveräne Fahrwerk – fertig ist ein schnelles Schubschiff. Selbst der schneidige Audi kommt da nicht ran. Bei Nässe hat die Traktionskontrolle des Fronttrieblers schon mal Mühe, wenn 280 Newtonmeter an den Vorderrädern zerren. Ungünstig wirkt sich auch die Gewichtsverteilung aus, denn beim A6 liegt deutlich mehr Gewicht auf der Vorderachse. Er untersteuert kräftiger, erreicht die griffige Agilität des 5ers nicht. Der V70 wiegt noch etwas mehr als der A6, die Gewichtsverteilung ist ähnlich ungünstig. Seine Lenkung wirkt ein wenig gefühllos und künstlich. Im direkten Vergleich mit BMW und Audi fährt sich der Volvo zwar handlich und friedlich, aber eine Spur schwerfälliger und weniger leichtfüßig – er ist ein Tourensegler für Menschen, die es nicht so eilig haben. Dafür hat er ja auch mehr Platz als der BMW. Der ist insgesamt der Knappste hier, sein Raumangebot aber immer noch großzügig. Hinzu kommen erstklassige Sitze, im Fond mit langer Auflage.
Wenn das Gepäckabteil auch nicht mit seiner Größe prunkt, die Variabilität geht in Ordnung. Die Lehne der Rückbank lässt sich geteilt umlegen und die Scheibe an der Heckklappe separat öffnen – bequem, um etwa eine Sporttasche einzuwerfen. Ein Ablagenpaket mit zweiteiligem Ladeboden, Netz und Haltebändern kostet dann aber 280 Euro Aufpreis, im Volvo ist so etwas Serie. Und auch der Skisack des BMW muss für 240 Euro dazubestellt werden. Beim Audi sind ebenfalls Schienen und Schiebe-Ösen serienmäßig an Bord, dazu ein doppelter Ladeboden und Haken für Taschen. Und als einziger hat der A6 auch eine Dachreling serienmäßig (BMW 260 Euro, Volvo 250 Euro). Aufpreis kosten das Fixierset mit Teleskopstange und Befestigungsgurt (155 Euro) und der Skisack (200 Euro). Mit 4,93 Meter Länge ist der A6 Avant ein regelrechtes Schlachtschiff. Sowohl der Kofferraum (maximal 1660 Liter) als auch die Passagier-Kabine sind die geräumigsten in diesem Vergleich. Vorn und im Fond gibt es Platz in Hülle und Fülle, dazu große, gut ausgeformte und straff gepolsterte Sitze.

Der Hallo-Wach-Schock kommt beim Blick auf die Preislisten

2,8-Liter-V6 im A6 macht Spaß. Der Direkteinspritzer leistet 210 PS, grollt eindrucksvoll.
Freude macht auch der 2,8-Liter-V6. Der Direkteinspritzer leistet 210 PS, grollt eindrucksvoll, dunkler und dumpfer als der BMW-Motor, zieht ungestüm an und dreht ab etwa 3000 Touren richtig auf. Ein Vergnügen, auch wenn er bei hohen Drehzahlen nicht mehr ganz so locker wie der Reihensechser im BMW läuft. Allerdings scheint auch in diesem Fall die Kombination mit der Automatik nicht ganz so glücklich zu sein. Die stufenlose Multitronic wirkt im direkten Abgleich mit der blitzschnellen ZF-Automatik des BMW regelrecht schläfrig, braucht stets eine Gedenksekunde. Den Hallo-Wach-Schock gibt es dann bei allen – wenn die Preislisten auf dem Tisch liegen. Audi, BMW und Volvo rufen für ihre gut ausgestatteten Automatik-Kombis mächtige Preise auf. Günstigster ist hier im Vergleich der V70 3.2 Kinetic mit 42 470 Euro – dabei haben wir mit einberechnet, dass die 17-Zoll-Alus mit 225/50er-Reifen des Testwagens mit 820 Euro extra aufgeführt sind. Knapp über dem Volvo liegt der A6 Avant 2.8 FSI mit Multitronic für 42700 Euro. Und der BMW ist mit 46460 Euro nochmal deutlich teurer, wird dafür aber auch mit besserer Ausstattung ab Werk geliefert. Unter anderem mit Niveauregulierung, Tempomat, Regensensor, Reifenpannenwarner, Bordcomputer, teilelektrischer Sitzverstellung und mehr. Für den Spitzenplatz reicht es trotzdem nicht ganz: Denn den kassiert der Audi.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Dirk Branke

Dirk Branke
Bild: Toni Bader
Kombis können sie bauen, die Schweden. Der V70 ist so gut wie nie zuvor. Und der Abstand zu den Deutschen war noch nie so knapp. Wer den Volvo nach den reinen Nutz-Qualitäten beurteilt, hat sogar einen Siegertypen vor sich. Als rundum sympathischer Fluchtwagen vor jeglichem Image- und Prestige-Stress ist der neue Schwede auf alle Fälle geeignet. Auch wenn sich die Deutschen eindrucksvoll in Szene setzen. Der Audi glänzt mit viel Platz und tollem Motor, der BMW mit einem famosen Antriebs-paket und agilem Fahrwerk. Ganz klar – auch wir in Deutschland können gute Kombis bauen ...