Mit einem aktuellen Interview in der "Zeit" (hinter der Bezahlschranke) hat Mercedes-Chef Ola Källenius Zweifel gesät am konsequenten Elektrokurs bei Mercedes. Bislang hatte Mercedes, wie die meisten anderen Hersteller auch, den Kurs "Electric only" ausgerufen. Sprich: Der Premium-Hersteller will bis Ende der 2020er-Jahre vollelektrisch werden.
Die kleine Einschränkung: "Überall dort, wo es die Marktbedingungen zulassen", hatte Källenius Mitte 2023 eingeräumt. Nun kommt in dem Interview ein neuer Ton auf: Källenius: "Den Zeitpunkt für den letzten Verbrenner kennen wir schlichtweg nicht." Auch nach 2030 werde man bei Mercedes einen Verbrenner kaufen können: "Unser Produktangebot richtet sich grundsätzlich nach den Kundenwünschen und wird stets auf dem technologisch neuesten Stand sein – das beinhaltet bis deutlich in die Dreißigerjahre hinein auch Verbrenner."
Deutet sich eine Kursänderung an? Tatsache ist, dass die politischen Vorgaben und die veröffentlichten Strategien der Autohersteller in Richtung fossilfreies Fahren steuern. Aber die Autokäufer handeln gerade ganz anders, sie kaufen Verbrenner! Im Rückblick auf 2023 erwarben 81,5 Prozent aller Autokäufer einen Neuwagen mit Verbrennungsmotor, also Benziner, Hybrid, Diesel und Plug-in-Hybride, in dieser Reihenfolge der Beliebtheit. Nur 18,5 Prozent entschieden sich für ein rein elektrisches Auto, das kein Benzin verbrennt. Im Januar waren es nur gut 10 Prozent, allerdings bedingt durch Sondereffekte.

Überdenkt Mercedes den Elektrokurs?

Daher wäre es nicht verwunderlich, wenn die Hersteller – wie nun Mercedes – den E-Kurs überdenken. Schließlich kann es sich der Stuttgarter Weltkonzern als marktorientiertes Unternehmen keineswegs leisten, den Blick von seinem Zielpublikum abzuwenden. Zumindest nicht in Deutschland, wo einerseits zufriedene Elektrofahrer auf ebenso überzeugte Verbrenner-Verfechter treffen.
Mercedes E-Klasse
2023 kam die aktuelle Mercedes E-Klasse W 214 heraus, es soll die letzte E-Klasse auf reiner Verbrenner-Plattform sein.
Bild: Daimler AG
Doch es ist ein schwieriger Spagat, den Mercedes da übt. Denn neben den politischen Vorgaben (Verbrenner-Aus bis 2035, 90 Prozent weniger CO2-Ausstoß im Jahr 2040) tickt der Automarkt mit dem größten Wachstum schon sehr elektrisch: In China fährt schon mehr als die Hälfte aller weltweit hergestellten Elektroautos, 61 Prozent aller neuen E-Mobile wurden 2022 dort neu zugelassen, hat das Stuttgarter Forschungsinstitut ZSW errechnet. China ist ein sehr wichtiger Markt für Mercedes.
Insofern ist das aktuelle Sowohl-Elektro-als-auch-Verbrenner bei Mercedes nur allzu verständlich. Die Frage ist nun: Was werden die anderen Hersteller tun?

Kommentar

Die Politik will E-Autos, die Autokäufer Verbrenner. Kein Wunder, dass Mercedes laut über den richtigen Kurs nachdenkt. Doch mit der Zeit dürfte der Entscheidungsdruck zunehmen, spätestens 2030 muss die Frage geklärt sein, wie das Auto der Zukunft angetrieben wird. Wo sind die Pläne für Fabriken, die grüne E-Fuels herstellen?