Es ist noch nicht einmal sieben Uhr. Ich bin gerade draußen am Flughafen gelandet, und der Verkehr rein nach Shanghai ist schon wieder zum Erliegen gekommen. Denn es kämpfen sich wie jeden Morgen einfach zu viele Autos in die 25-Millionen-Metropole am Huangpu River. Doch statt zu schimpfen und meinem Puls beim Steigen zuzuschauen, kann ich mich diesmal recken und strecken und noch ein bisschen entspannen.
Denn statt wie bislang meist in einer großen Limousine sitze ich einem jener Luxus-Vans, die Mercedes S-Klasse und Co vor allem in Asien immer mehr von ihrem schmackhaften Kuchen wegknabbern. Und zwar nicht in einem Toyota Alphard oder seinem vornehmen Bruder Lexus LM, die in dieser Klasse weltweit das Sagen haben, und auch in keinem der vielen Chinesen, die auch dieses Segment mit dem ihnen üblichen Nachdruck erobern wollen. Nicht umsonst spricht mittlerweile auch im Westen jeder vom LiAuto Mega oder dem Xpeng X9. Sondern ich sitze im EM90, mit dem sich Volvo als erster, nun ja, europäischer Hersteller auf diese Welle geschwungen hat.

Volvo EM90: Luxuslimousine mit mehr Raum

Anders als Mercedes V-Klasse oder VW Bulli ist das kein Kastenwagen im vornehmen Zwirn. Und er ist auch kein Pampersbomber wie der VW Touran, der einfach ein bisschen aus dem Leim gegangen ist. Sondern das Trumm von 5,21 Metern ist tatsächlich eine Luxuslimousine, die halt nur ein bisschen mehr umbauten Raum bietet.
Volvo EM90
Auf einer Geely-Plattform aufgebaut schafft der EM90 bis zu 180 km/h und soll mehr als 700 Kilometer weit kommen.
Bild: T. Geiger / AUTO BILD
Nicht umsonst starten die Preise in China bei 818.000 RMB oder umgerechnet rund 100.000 Euro und liegen damit auf dem Niveau eines Mercedes EQS. Und vor allem ist es ein Auto, das einerseits typisch Volvo ist und zugleich ein Volvo wie kein anderer vor ihm. Schließlich ist der EM90 der erste Van der Schweden, und um den endlich zu fahren – und mehr noch: sich darin fahren zu lassen –, kann man schon mal nach China fliegen, wenn Volvo den Europäern dieses Erlebnis daheim noch immer vorenthält.
Typisch ist der EM90, weil er als Space Shuttle mit Rücksicht auf die maximale Raumausnutzung so kantig daherkommt wie seit dem seligen 960 Kombi keiner mehr und selbst der Schlüssel eher an einen Legostein erinnert als an einen der modernen Handschmeichler. Und neu ist er, weil Volvo den Kunden zwar mit riesigen Kombis schon immer Raum gegeben hat und auch bei den SUV dem Platzangebot oberste Priorität einräumt, eine Großraumlimousine in seinen ersten 98 Jahren aber nicht auf dem Zettel hatte.
Dafür ist ihnen der erste Wurf allerdings gut gelungen. Was nicht zuletzt an den Familienbanden liegt, die bei Geely in China zusammenlaufen und Volvo mit Zeekr zusammenschnüren. Die liefern mit dem 009 die nötige Hightech-Basis, die in Göteborg einen schwedischen Touch bekommen hat.
Volvo EM90
Der EM90 ist eine leichte und luftige Angelegenheit – denn es gibt fast so viel Glas wie in einem Wintergarten.
Bild: Volvo
Die Kabine atmet deshalb jene einzigartige Atmosphäre, die sie irgendwie nur in Skandinavien hinbekommen: kühl, nüchtern und zurückhaltend und trotzdem warmherzig, wohlig und komfortabel wie im Flagship-Store von BoConcept. "Hygge" nennen die Nordländer dieses einzigartige Lebensgefühl und garnieren das Ganze hier mit jeder Menge Hightech: Zu schmucken, natürlichen Oberflächen, großen Fenstern in den Flanken und im Dach kommen deshalb digitale Bedienkonsolen in den Türkonsolen, von denen VW sich mit seinen leidigen Slidern mal eine Scheibe abschneidenn könnte.

Aus der Decke klappt ein Monitor

Aus der Decke klappt ein Monitor, der groß genug ist für cineastische Erlebnisse und einen trotzdem nicht erschlägt wie im BMW 7er. Den Sound liefert Bowers & Wilkins, und natürlich beherrscht das Infotainmentsystem alle Spielarten der digitalen Vernetzung, die uns die Chinesen voraus haben.
All das erlebt man auf zwei elektrischen Fauteuils mit Klimatisierung und Massage, die mit Klapptisch in der Armlehne für Workaholics zum Chefsessel werden oder sich auf Knopfdruck in eine Loungeliege mit bequemer Beinauflage verwandeln – lässiger hat man in einem Volvo noch nie gelümmelt.
Volvo EM90
Die Basis bildet zwar ein Zeekr, aber Volvo hat seine Design-Gene eingebracht.
Bild: T. Geiger / AUTO BILD
Zugegeben – diesen Erste-Klasse-Komfort genießt man auch bei 3,21 Meter Radstand natürlich nur in der zweiten Reihe. Aber auch in der dritten sitzt man deutlich besser als im neuen EX90 – und muss sich beim Ein- und Ausstiegen nicht so verbiegen. Dahinter ist mit 535 Litern selbst bei voller Bestuhlung und maximal 2376 Litern bei eingeklappten Rücksitzen und ganz nach vorne gesurrten Sesseln genügend Platz für großes Gepäck.
Nur der Frunk wirkt mit seinen 29 Litern für so ein großes Auto irgendwie mickrig. Aber er ist eben trotzdem noch 29 Liter größer als etwa beim VW ID.Buzz, mit dem der Volvo EM90 neben Autos wie dem Hyundai Ioniq 9 oder dem Kia EV9 zum Beispiel konkurrieren würde, wenn Volvo ihn vielleicht doch mal zu uns brächte.

Umsteigen auf den Fahrersitz

Während sich die Begleiter jetzt in der zweiten Reihe räkeln, steige ich vorne hinter das Lenkrad. Wo ich Volvo im Fond eben noch von einer ganz neuen Seite kennengelernt habe, sieht hier jetzt wieder alles vertraut aus und fühlt sich auch so an. Schließlich teilt sich der EM90 das Cockpit mit den anderen elektrischen 90ern, die man auch bei uns kennt.
Nur der Bildschirm auf der Mittelkonsole ist viel größer, ist jetzt quer montiert statt hochkant. Und auch wenn offenbar noch immer Google im Hintergrund läuft, sind die Karten chinesisch und entsprechend präzise: Nicht nur die Entfernung bis zur Kreuzung wird meterweise heruntergezählt, auch die Ampelphasen kennt das System auf die Sekunde genau.
Volvo EM90
Für den guten Ton hat sich Volvo auch beim EM90 mit Bowers & Wilkins zusammengetan.
Bild: Volvo
Selbst das Fahren fühlt sich vertraut an. Dem 272 PS starken E-Motor im Heck ist es egal, ob sie jetzt eine schnittige Limousine bewegen muss, ein schmuckes SUV oder diese kolossale Knäckebox mit dem cw-Wert der Villa Kunterbunt. 343 Nm sind ein sattes Pfund, wenn sie wie Thors Hammer ohne Vorwarnung einschlagen, und die 8,3 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 fühlen sich so weit über der Erde und mithilfe einer adaptiven Luftfeder wie auf Wolken gebettet noch viel schneller an, als sie tatsächlich sind.
Die Energie dafür liefert ein 800-Volt-Akku mit imposanten 116 kWh, der im laxen chinesischen Zyklus für deutlich über 700 Kilometer reichen soll und im zähen Verkehr von Shanghai wahrscheinlich sogar noch weiter. Schließlich ist hier nicht mal im Traum daran zu denken, einmal die 120 Sachen auszufahren, die China als Limit setzt. Von der Höchstgeschwindigkeit (180 km/h) ganz zu schweigen. Nur beim Laden macht er Tempo und schafft bis zu 360 kW.
Volvo EM90
"So kantig wie ein Ikea-Regal und so gemütlich wie ein Designer-Café am Strand bei Windstärke 10 – so was können nur die Schweden."
Thomas Geiger
Bild: T. Geiger / AUTO BILD
Aber beim Fahren ist diesem Volvo ohnehin jede Eile fremd. Egal ob vorne hinterm Lenkrad oder hinten auf der Liege – der EM90 ist wie ein Beruhigungsmittel auf Rädern, und nichts führt einen in Versuchung, den Puls mit einem unbedachten Gasstoß oder einer engen Kurve wieder in die Höhe zu treiben. Selbst das Rangieren mit diesem Riesen lässt einen kalt. Wofür gibt's schließlich ringsum Kameras, einen großen Bildschirm und einen versierten Parkassistenten?
Außerdem war das Ankommen selten so wenig wichtig wie heute. Denn je länger man unterwegs ist, desto länger kann man das wohnliche Wohlgefühl genießen. Deshalb freut mich heute Morgen selbst der Blick auf die Karte, auf der das Straßennetz von Shanghai so rot ist wie die Arterien auf einem medizinischen Schaubild. Für die 15 Kilometer bis in die City berechnet das Navi eine Fahrzeit von 75 Minuten. Bis dahin bin ich ausgeruht, und der Jetlag hat keine Chance.
Er ist einer wie keiner und trotzdem typisch Volvo – kaum ein Auto ist so wohnlich wie der EM90, und in keinem kommt man so entspannt ans Ziel. Zwar fließt der Verkehr bei uns gottlob noch etwas besser als in den chinesischen Metropolen, doch Staus haben wir schließlich auch genug – und so ein bisschen Entschleunigung könnte uns ohnehin nicht schaden. Für alle, die Platz brauchen, Prestige wollen und Komfort schätzen, wäre der EM90 deshalb als einer der wenigen Vans ohne Wurzeln im Lieferverkehr eine attraktive Alternative. Es muss doch nicht immer SUV sein.