Die längste Tragezeit im Tierreich hat die Elefantenkuh mit rund 22 Monaten. Da kann Volvo locker mithalten. Mit seinem Riesenbaby EX90 gingen die Schweden lange schwanger, die Geburt des neuen Elektro-Flaggschiffs war längst überfällig und nicht ganz problemlos. Eigentlich sollte das gut fünf Meter lange SUV bereits Ende 2023 auf die Welt kommen, doch der Produktionsstart im US-Werk South Carolina verzögerte sich wegen Corona und Softwareproblemen erheblich.
Jetzt stehen die ersten EX90 für Testfahrten bereit, ausgeliefert wird ab Ende des Jahres. Allerdings sind sie noch nicht ganz auf dem Stand, den Volvo gerne hätte. Die Lidar-Technologie ist nur bedingt einsatzbereit, auch das Assistenzsystem, das Kreuzungsunfälle vermeiden soll, wird zum Start nicht ganz serienfit. Zudem hat das bidirektionale Laden noch Ladehemmung, ebenso gibt es Probleme mit Apple CarPlay. Volvo bleibt entspannt und verspricht: Bis Anfang 2025 gibt es für alle Kunden ein Update Over-the-Air.

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Gerade die auf dem Dach montierten Lidar-Sensoren, die aussehen, als hätte sich der EX90 beim Spielen eine Beule eingefangen, sollen den EX90 auf ein neues Sicherheitsniveau heben. Sie können Objekte in bis zu 250 Metern Entfernung erkennen und entsprechend warnen. Eine wichtige Voraussetzung für autonomes Fahren.

Volvo EX90: Sensoren schauen nach dem Hund

Auch im Innenraum kontrollieren kritische Kameras und Sensoren jeden Wimpernschlag des Fahrers, weisen ihn auf Unaufmerksamkeiten hin oder überprüfen, ob etwa ein Hund zurückgelassen wurde. Alles zusammen, mit einem guten Pfund kluger Assistenten, nennen die Schweden ihren "unsichtbaren Schutzschild", der den neuen EX90 zum sichersten Volvo aller Zeiten machen soll.
Der neue Elektro-SUV EX90 soll nicht nur der sicherste Volvo aller Zeiten sein, sondern auch der leiseste.
Bild: David Shepherd Photographer / Volvo
Bevor wir starten, ein paar Fakten zum Mitschreiben: Der EX90 ist der erste Volvo, der auf der neuen SPA2 Plattform steht. Es gibt ihn als Fünf-, Sechs- und Siebensitzer, mit Front- (279 PS) oder Allradantrieb (408 und 517 PS) sowie in den drei Ausstattungslinien Core, Plus und Ultra. Statt über den Autoschlüssel öffnet und startet das Nobel-E-Auto mit dem Handy. Zwei Akkus stehen zur Auswahl: mit 104 oder 111 kWh.
Wer das aktuelle Volvo-Design mag, wird den EX90 nicht gerade hässlich finden. Mit nordischer Klarheit im Blech sieht er aus, als hätte Volvo den EX30 skaliert. Sein Fünfmeter-Format kaschiert der elegante Großraumwagen geschickt und wirkt dadurch im Verkehr viel kompakter. Auch dem kompletten Innenraum hat Volvo klinische Reinheit verordnet. Jeder Quadratzentimeter ist stilsicher inszeniert, perfekt verarbeitet und aufs Nötigste reduziert.
Rund 50 Kilo der verbauten Kunststoffe bestehen aus recycelten Materialien, sagt Volvo. Knöpfe wurden ebenso komplett verbannt, wie tierisches Leder, Tasten gibt es nur noch am Lenkrad. Alles andere, selbst Spiegel- oder Lenkradverstellung, muss man über das senkrecht stehende 14,5-Zoll-Touchscreen bedienen, was manchmal nervig ist, weil wichtige Funktionen in irgendwelchen Untermenüs versteckt sind. Da muss man sich einfuchsen. Dafür reagiert das Google-basierte System schnell und weitgehend intuitiv.

Rollende Elbphilharmonie

Einen einsamen Drehknopf finden wir dann doch noch auf der Mittelkonsole. Er regelt die Lautstärke eines der besten Car-Audio-Systeme, seit Erfindung des guten Tons. Sound-Gourmets gönnen sich für 3050 Euro die High-End-Anlage von Bowers & Wilkins mit 1600 Watt aus 25 Lautsprechern, die in der Dolby-Atmos-Einstellung aus dem EX90-Innenraum eine rollende Elbphilharmonie zaubert.
Mit dem großen Akku tief unten im Bauch liegt der EX90 satt auf der Straße.
Bild: Christian Bittmann / Volvo
Das ist auch möglich, weil der EX90 ansonsten die Ruhe weg hat. Selten war ein Elektroauto leiser. Rahmenlose Außenspiegel, doppelte Akustikverglasung, bündig verklebte Scheiben sowie kiloweise Dämmung lassen höchstens mal säuselnde Windgeräusche nach innen durchdringen.
Konkurrenten wie BMWs IX oder Audis Q8 e-tron mögen vielleicht einen Tick sportlicher unterwegs sein. Geschenkt. Lenkung und Fahrwerk des EX90 sind klasse, passend zum beruhigenden Wesen eines Autos, das sich vom ersten Meter an wie ein guter Kumpel anfühlt.
Souverän abgestimmt, komfortabel und trotzdem präzise genug für verlässliche Manöver auch bei höherem Tempo. Mit dem großen Akku tief unten im Bauch liegt der EX90 ohnehin satt auf der Straße. Serienmäßig fährt Volvos Flaggschiff auf Stahlfedern, optional gibt's, wie in unserem über 120.000 Euro teuren Testwagen, eine adaptive Zwei-Kammer-Luftfederung (2700 Euro) mit Niveauregulierung, die Performance und Komfort nochmals auf ein höheres Niveau heben. Selbst mit 22-Zöllern (Serie 21 Zoll) erlaubt sich der EX90 dann kaum mal ein Poltern.
Im Sport-Programm wechselt die Luftfederung auf eine Kammer und schärft zusätzlich einige Sinne. Die Unterschiede sind allerdings eher marginal.
Rund 2,8 Tonnen bringt der EX90 auf die Waage.
Bild: David Shepherd Photographer / Volvo
Zur Wahrheit gehört leider auch: Der Bursche ist sackschwer. Rund 2,8 Tonnen Schwedenstahl in der von uns gefahrenen Twin Motor Performance sind eine Ohrfeige für die Nachhaltigkeit. Trotzdem schießen die 517 PS und 910 Newtonmeter Drehmoment das Topmodell scheinbar spielerisch aus dem Stand in 4,9 Sekunden auf Tempo 100. Braucht kein Mensch, bringt aber natürlich richtig Laune. Die maximale Reichweite mit der 111-kWh-Batterie liegt laut Volvo bei über 600 Kilometern. Was nicht übertrieben scheint.
Warum Volvo dem mindestens 83.700 Euro teuren EX90 nur ein 400-Volt-Bordnetz gönnt, ist wohl der verspäteten Geburt geschuldet. Mittlerweile wird die 800-Volt-Technik zum schnelleren Laden in dieser Preisklasse eigentlich erwartet, selbst viel günstigere Chinesen-SUV von Xpeng oder GWM Wey haben sie längst. So wird mit maximal 250 kW nachgezapft, was nicht so schlecht ist. Wie lange dieser Lade-Peak konstant gehalten werden kann, wird der erste Test zeigen.
Mindestens 83.700 Euro kostet der EX90.
Bild: David Shepherd Photographer / Volvo
Der Erfolg des EX90 hängt ohnehin von anderen Faktoren ab. Die Lust auf E-Autos hält sich weiterhin in Grenzen. Das weiß natürlich auch Volvo und hat zur Sicherheit ein "sichtbares Schutzschild" installiert. Der eigentlich schon aussortierte XC90, der Volvos Kassen stets zuverlässig füllte, wird nun doch bis mindestens 2030 weitergebaut und erhält aktuell eine Modellauffrischung. Sicher ist sicher.