VW Phaeton: Luxusklasse, Studie, Phaeton 2
Das ist der neue VW Phaeton – den es nie gab

Dieses Auto sollte die zweite Generation des luxuriösen VW Phaeton werden. Aber dann kam alles anders. Nach neun Jahren sehen wir es zum ersten Mal!
Bild: Martin Meiners
Inhaltsverzeichnis
- Der Phaeton-Nachfolger ging nie in Serie
- Phaeton 2 – der Duft von Wohlstand und Wohlergehen
- Ritterschlag für zwei VW-Designer
- Riesige gewölbte Digitallandschaft im Phaeton 2
- Bedenkenträger kritisierten den Digitaltacho
- Elektrisch einfahrbare Cupholder mit Temperier-Funktion
- Bei VW ist die Liebe zum Detail zurück
Eigentlich hätten wir uns an dieses Auto längst gewöhnt. Es könnte regelmäßig in der 20-Uhr-"Tagesschau" vorfahren, vielleicht wäre "Mutti Merkel" darin am späten Abend des 19. November 2017 mit runtergezogenen Mundwinkeln in die Nacht entschwunden, als Lindner die "Jamaika"-Sondierung platzen ließ, weil er "lieber nicht regieren als schlecht regieren" wollte. Aber wir haben dieses Auto niemals zu Gesicht bekommen, wir haben ja nicht mal gewusst, dass es überhaupt da ist. Bis jetzt.
Flughafen Braunschweig, in der Halle stehen drei Firmenflieger von Volkswagen, davor parkt ER: VW Phaeton, Baujahr 2013, acht Zylinder, vier Einzelsitze, davon zwei mit großem Bildschirm im Fond.
Rückblick. Vor 20 Jahren wagte VW den Einstieg in die Luxusliga, von 2002 bis 2016 wurden 84235 Phaeton in der eigens geschaffenen "Gläsernen Manufaktur" in Dresden produziert, die "kurze" Limo war 5,06 Meter lang, die mit langem Radstand 5,18 Meter.

Eiliger Promi-Transport! Hätten sie den Phaeton 2 gebaut, hätten Audi, BMW und Benz Konkurrenz gehabt.
Bild: Martin Meiners
Um dieses Kraftfahrzeug zu verstehen, werfen wir einen Blick auf die elektrische Sitzverstellung: Sogar den Rahmen für die Knöpfchen unten seitlich an den Ledersitzen haben sie aus Metall gefertigt, nicht etwa aus Kunststoff. Ein Auto wie aus dem Vollen gefräst, ein Auto wie eine Kampfansage an Mercedes.
Jetzt stehen wir vor dem Nachfolger des Phaeton, dem Auto, das VW nie hat in Serie gehen lassen, obwohl die Pläne eigentlich ganz andere waren.
Dieses Auto ist das Siegermodell: dunkler Lack, etwas Grau, etwas Blau, fette Reifen im Format 265/35 R 21, Innenausstattung cremefarbenes Leder, viel echtes Holz – es riecht nach Wohlstand und Wohlergehen. Sie haben den Wagen gerade noch für uns vollgetankt, also sechs Liter Super eingefüllt, mehr geht nicht.
Um zu starten, musst du die Tankklappe öffnen, da steckt der Schlüssel drin, daneben zwei Knöpfchen, Showcar on und off. Die technische Basis liefert ein Audi A8 mit Vierliter-V8-Benziner, den optischen Blickfang erklären uns die Designer dieses Wagens.

Sooo viel Beinfreiheit, sooo viel Luxus! Auf den Einzelsitzen hinten kann man fernsehen.
Bild: Martin Meiners
Tomasz Bachorski (51) und Marco Pavone (44) sind grundsympathische Typen. Der eine, Tomasz, ist seit 2009 Interieur-Designchef, der andere, Marco, verantwortet seit 2017 das Exterieur. 2013 setzten sie sich mit ihren Vorschlägen für den neuen Phaeton durch.
Der Tag der Entscheidung muss dann so abgelaufen sein: "Walhalla", der große Saal im VW-Designzentrum Wolfsburg, Aufsichtsratschef Piëch, VW-Chef Winterkorn, weitere Vorstände, Bereichsleiter, insgesamt etwa 25 Menschen.
Sie gehen ruhigen Schrittes um die Studien, gucken, vergleichen, gehen ran und nehmen Abstand, lassen alles auf sich wirken. Irgendwann steht dann fest: Mit diesen Entwürfen innen und außen wird weitergearbeitet! Der Ritterschlag für Bachorski und Pavone.

Firmendüse trifft Luxusliner: die Studie des zweiten Phaeton am VW-Airport.
Bild: Martin Meiners
Für den nächsten Ritterschlag reist ihr aktueller Chef die 30 Kilometer aus Wolfsburg zu unserer kleinen Autoshow auf dem Flughafen. Jozef Kabaň (49), Head of Design bei VW, steht vorm Auto, nickt voller Respekt, guckt auf die Silhouette, sagt: "Das Auto wirkt immer noch sehr attraktiv, schöne Proportionen, sympathischer Auftritt. Nur die Front ist nicht mehr frisch." Was ihn bei diesem fast zehn Jahre alten Entwurf vom Hocker haut? "Die fühlbare Wertigkeit, die sichtbare Qualität."
Als Tomasz und Marco vor zehn Jahren an der zweiten Generation des Phaeton arbeiteten, da träumten sie schon davon, ihre Entwürfe auf der Straße zu sehen: "Du willst VW-Geschichte schreiben", sagt der Interieur-Auskenner, "du hast immer diesen absoluten Willen, etwas Besonderes zu schaffen, das du jeden Tag siehst."
Das Besondere am Phaeton 2 muss man im Kontext seiner Zeit sehen. Wir schauen auf eine riesige gewölbte Digitallandschaft, die um den Fahrer herumgezogen ist.

Den um den Fahrer herumgewölbten Digitalscreen kennen wir aus der dritten Generation des Touareg. Auch den Automatik-Wählhebel haben die Designer in das SUV gerettet.
Bild: Martin Meiners
Tomasz erklärt: "2010 konnte man schon absehen, dass die Bildschirme der Smartphones und Tablets immer größer werden. Also sollte das auch beim Auto so sein. Und natürlich willst du intuitiv auf ein Symbol drücken, dann soll in Echtzeit etwas passieren, das ist doch beim Tablet auch so."
Aber wir reden hier ja von VW. Also auch von Bedenkenträgern, die anders als Designer und Ingenieure nicht im Heute und Morgen leben, sondern im Gestern und Vorgestern. Und so kursiert eine kleine Anekdote. Weil man beim Digitalcockpit, wenn das Auto aus ist, keine Instrumente sieht, sondern nur einen Screen, soll es Leute gegeben haben, die Folgendes anmerkten: "Da sieht man im Autohaus ja gar nicht, ob der Tacho bis 260 oder 300 geht!"
Dann zeigt Tomasz auf die perforierten Ledersitze des Phaeton. "Die Löcher sind unterschiedlich stark ausgeführt, das ist aufwendig." Genau wie die Sache mit dem "Phaeton"-Schriftzug auf den Lehnen der Einzelsitze. Gefräste Buchstaben, einzeln angenäht.
Da sind die Cupholder in der Echtholz-Mittelkonsole, die sich bei der ersten Generation mit einem "Klack" per Hand und mit Gegendruck nach unten fahren ließen. Bei der zweiten Auflage machen sie das elektrisch; sollten Wasser kühlen oder Kaffee wärmen. Auch die Sitze sollten wärmen und kühlen, deshalb das perforierte Leder.

Bachorski, Kabaň, Pavone (v. l.): Diese drei wollen VW wieder lecker machen.
Bild: Martin Meiners
Aber dann kam die Wirklichkeit. Es war 2015, als bei VW die Erde bebte. Boss "Wiko" musste zugeben, dass man bei den Abgaswerten der Dieselmotoren großflächig betrogen hatte, Rücktritt, Ermittlungen, Strafzahlungen, die pure Angst bei VW. Angst bei allen.
Und das Aus für den eigentlich beschlossenen Phaeton. Eine Premium-Limo mit Verbrenner, von dessen Vorgänger im Schicksalsjahr 2015 gerade noch 2924 Exemplare gebaut wurden? Nein!
Die ganze Arbeit am neuen Phaeton war trotzdem nicht umsonst. Tomasz: "Das gewölbte Digitalcockpit konnten wir 2018 in die dritte Touareg-Generation retten." Es sieht auch heute noch ziemlich nach Tesla und wenig nach gestern aus.
Auch die Geschichte mit einer eigenen Phaeton-App, mit deren Hilfe sich das Auto zum Beispiel vorkühlen oder vorwärmen lässt, lebt in anderen, neuen Modellen weiter.
"Es gehört zur Natur unseres Jobs, dass wir auch mal mit einem Nein leben müssen", doziert Kabaň. Aber dieses Nein, es hatte auch etwas von einem Ja. Es geht um die Zukunft des VW-Designs, um Wertigkeit und Qualität. Um die Themen also, die beim Phaeton ganz oben standen.
Seit zwei Jahren ist Kabaň zurück bei VW, und mit ihm die Liebe zum Detail. Sie wollen wieder mehr Wertigkeit, sie haben erkannt, dass Oberflächenqualität wichtig ist, dass sich auch Plastik gut anfühlen kann, dass ein Screen aus Glas besser aussieht als einer hinter Kunststoff, dass man Controllern die Stirn bieten sollte.
Der vergessene Phaeton. Zum Glück haben sie ihn doch nicht so ganz vergessen.
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