Die Autos werden immer teurer – und besser. Kein Wunder, dass das Durchschnittsalter der Fahrzeuge auf deutschen Straßen bei mehr als zehn Jahren liegt. In China geht der Trend in eine ganz andere Richtung: Das Einweg-Auto scheint nur noch eine Frage der Zeit, denn ältere Elektromodelle will dort kaum noch jemand haben.
Einwegtrends sind nichts Neues und haben in den vergangenen Jahren längst die Modeindustrie oder elektronische Konsumgüter erfasst. Da das Auto für viele Chinesen kaum mehr ist als ein Smartphone auf Rädern, bereitet sich das Land der unbegrenzten automobilen Möglichkeiten längst auf das Einweg-Auto vor. Der Trend dürfte mittel- bis langfristig auch Auswirkungen auf den Automarkt in Europa und damit auf Deutschland haben.

Neuwagen statt Gebrauchtkultur

Wer es sich in China leisten kann, kauft sich ein Auto. Bisher meist bar bezahlt, denn Leasing oder Finanzierung spielen gerade bei Privatkunden kaum eine Rolle. Und wenn schon ein Auto, dann bitte ein neues. Gebrauchtwagen genießen in China kein hohes Ansehen. Sie gelten als alt und werden meist nur von denen gekauft, die sich nichts anderes leisten können.
Neuwagen dominieren den Markt in China, gebrauchte Elektroautos spielen bislang kaum eine Rolle.
Bild: S. Grundhoff
Der Preisdruck auf dem Neuwagenmarkt nimmt immer größere Formen an, der Verdrängungswettbewerb zwischen aktuell mehr als 140 Automarken ist intensiver denn je. Ohne günstige Preise und ständig neue Modelle geht nichts. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich massiv von denen in Europa. Während europäische Hersteller oft vier bis fünf Jahre für die Entwicklung eines neuen Modells benötigen, dauert das in China nur 18 bis maximal 24 Monate.

Die besten E-Autos bis 35.000 Euro im Test

Fiat Grande Panda
4.
Fiat
Grande Panda Elektro
2,7
befriedigend
Preis
24.990 EUR
BYD Dolphin Surf
5.
BYD
Dolphin Surf Comfort 43,2 kWh
2,8
befriedigend
Preis
26.990 EUR
Spring DACIA
7.
Dacia
Spring Electric 65
3,1
befriedigend
Preis
19.900 EUR
Zudem liegen die Entwicklungs- und Fertigungskosten dort um 40 bis 60 Prozent unter denen in Ländern wie Deutschland oder Frankreich. Selbst Renault ließ seinen elektrischen Kleinwagen Twingo in China entwickeln – in weniger als zwei Jahren.

Elektroautos verlieren rasant an Wert

Die Preise für Elektroautos in China sind von Januar 2023 bis Dezember 2025 um rund 23 Prozent gesunken – trotz besserer Akkus, schnellerer Ladegeschwindigkeiten und modernerer Technik. "Der aktuelle Preiskampf ist enorm und eine Rückkehr auf ein vorheriges Preisniveau ist nicht zu erwarten", sagt Dr. Xing Zhou von der Beratungsfirma AlixPartners. "Dieser Preiskrieg macht das Elektroauto zu einem Wegwerfprodukt."
Elektromodelle werden in China oft nach drei bis fünf Jahren aus dem Verkehr gezogen.
Bild: S. Grundhoff
Während Verbrenner oft lange genutzt werden und auf den Straßen von Metropolen wie Shanghai, Peking oder Wuhan weiterhin viele ältere Modelle unterwegs sind, sieht das bei Elektroautos anders aus. Da es keinen funktionierenden Gebrauchtwagenmarkt für sogenannte NEVs gibt, werden viele Fahrzeuge bereits nach drei bis fünf Jahren aussortiert – teilweise sogar früher.

Autos werden wie Smartphones behandelt

"Die Elektroautos nähern sich bei ihren Innovationszyklen immer mehr den Elektronik-Konsumgütern an", erklärt Zhou. Jährlich kommen rund 140 neue Modelle auf den Markt. Gleichzeitig sinken die Preise weiter, was dazu führt, dass viele Hersteller Verluste schreiben. Für die Kunden zählt vor allem eines: das neueste Modell zum besten Preis. Beispiele wie der BYD Seagull für umgerechnet rund 7400 Euro zeigen, wie aggressiv der Markt geworden ist.
Der schnelle Modellwechsel erinnert an die Innovationszyklen von Smartphones und Unterhaltungselektronik.
Bild: S. Grundhoff
Immer mehr Hersteller kalkulieren deshalb damit, dass ihre Fahrzeuge nur zwei bis fünf Jahre genutzt werden. Danach werden sie – ähnlich wie Smartphones oder Tablets – zerlegt und recycelt.

Recycling hinkt hinterher

In der Praxis funktioniert dieser Kreislauf jedoch noch nicht reibungslos. Die Recyclingprozesse stehen in China vielerorts noch am Anfang und hinken den etablierten Systemen in Europa oder den USA hinterher. Besonders wertvoll bleibt dabei der Akku.
Recyclingprozesse für Batterien und Fahrzeuge hinken der wachsenden Zahl ausrangierter E-Autos hinterher.
Bild: BMW
Aktuell werden ausrangierte Fahrzeuge häufig auf riesigen Flächen außerhalb der Metropolen abgestellt und warten dort teilweise jahrelang auf ihre Weiterverarbeitung. Gleichzeitig ist noch unklar, welche Rolle die Hersteller in dieser Phase spielen werden.
Europäische Marken wie Audi, BMW, Mercedes-Benz, Porsche oder Volkswagen setzen weiterhin auf längere Lebenszyklen und versuchen, ihre Recyclingstandards auch in China umzusetzen. In Europa gibt es bereits zahlreiche Unternehmen, die alte Batterien wieder in den Wertstoffkreislauf zurückführen. Am grundsätzlichen Trend zum Einweg-Auto in China dürfte das jedoch wenig ändern.