Wer in der Kompakt-Klasse die Schulbank drücken muss, hat es nicht leicht. Stets heimst Streber VW Golf die besten Noten ein. Für die anderen heißt es nachsitzen. Tadel gab’s in der Vergangenheit vor allem für die Gast-Pennäler aus Europas Süden. Charme, so wurde ihnen mit erhobenem Zeigefinger eingebläut, reicht nicht für gute Zeugnisse. Deshalb haben die Franzosen eifrig deutsche Vokabeln gepaukt. Selbstbewusst tritt der neue Citroën C4 gegen den Primus aus der ersten Reihe an. Und auch sein Landsmann, der Renault Mégane, schielt neuerdings mit deutschen Tugenden wie Qualität und Hightech Richtung Wolfsburg. Mal sehen, ob die zwei genug gebüffelt haben.

Überblick: Alle News und Tests zum Citroën C4

Citroën C4 VTi 120
Bild: Uli Sonntag
Im C4 merkt man sofort: Seine Entwickler hatten den Golf im Visier. Was die Oberflächen angeht, hieß der Lehrmeister VW. Softer Kunststoff, feines Finish: Chapeau, Citroën, das kann sich sehen lassen! Und anfassen erst recht. Hartes Plastik stand bei den Innenarchitekten auf dem Index, Laisser-faire ließen die Qualitätswächter nicht durchgehen. Ganz schön kurz ist er geworden, der Abstand zum Golf. Schade, dass die Sitze im C4 nicht so bequem sind, wie sie aussehen. Ihre weichen Wangen täuschen Halt nur vor. Rutscht der Körper seitwärts, knautscht der Schaumstoff sich zusammen wie überreifer Camembert. Ganz anders die Fauteuils von Renault. Die im Testwagen montierten Sportschalen kosten zwar extra, weil sie zum 1490 Euro teuren GT-Line-Paket gehören. Doch die Investition lohnt sich: Wirksam, aber ohne einzuengen, nehmen die Mégane-Sessel Pilot und Sozius in die Zange. Das kann nicht mal der deutsche Musterschüler besser.

Überblick: Alle News und Tests zum Renault Mégane

Renault Mégane TCe 130
Bild: Uli Sonntag
In Sachen Funktionalität wehrt der Golf den Angriff der Franzosen allerdings erfolgreich ab. Rätselfreie Bedienung bleibt seine Domäne, auch wenn viele das Cockpit zum Gähnen finden. Die Gallier haben mehr Flair zu bieten. Im Renault nervt allerdings die fummelige Navi-Bedienung mit einem zwischen den Sitzen versteckten Dreh-drück-Modul. Auch der für einen Citroën verblüffend verständliche C4 muss sich ein paar Schwächen ankreiden lassen – das seitlich am Sitzrahmen versteckte Rändelrad für den Kissenwärmer zum Beispiel oder das überladene Multifunktionslenkrad. Technologisch kocht der frische Franzose auch nur mit Wasser, selbst wenn sich seine Schöpfer in der Werbung als kreative Vorreiter rühmen. Assistenzsysteme, die den toten Winkel zum Leben erwecken oder schläfrige Piloten vor unfreiwilligem Verlassen der Fahrspur warnen, bleiben der Topversion "Exclusive" vorbehalten. Im Citroën fehlen Innovationen wie ein sparsamer, hubraumreduzierter Turbomotor, den VW und Renault in der beliebten 120-PS-Klasse zu bieten haben, oder ein Fahrwerk mit verstellbaren Dämpfern, wie es im Golf für 955 Euro Zuzahlung erhältlich ist.
Mangels Turbo-Rückenwinds hechelt der C4 den beiden fühl- und messbar hinterher. Besonders bei Zwischenspurts in den großen Gängen fehlt seinem kernig brummenden Vierzylinder der Mumm. Immerhin verbrauchte er auf unserer Test runde am wenigsten. Mit 6,8 Litern unterbot der Citroën sogar den eigens zum Sparen um 200 Kubik kleineren VW-Benziner. "Turbo läuft, Turbo säuft", heißt die Devise beim Mégane, der wie der C4 auf Benzindirekteinspritzung verzichtet. Sein 130-PS-Motor zischt zwar am flottesten ab, lässt sich die Fahrleistungen mit 7,8 Liter Verbrauch aber am teuersten vergüten. Auch das unbarmherzig harte Fahrwerk wirft den Renault zurück. Da seine Lenkung mit ihrem künstlichen Playstation-Charakter nur wenig Lust aufs Kurvenkratzen weckt, fragt man sich immer wieder, was die im GT-Line-Paket enthaltene Knochenrüttler-Abstimmung eigentlich soll. Dass der Komfort mit zunehmender Beladung besser wird, ist allenfalls ein schwacher Trost.

Überblick: Alle News und Tests zum VW Golf

VW Golf VI 1.4 TSI
Bild: Uli Sonntag
C4 und Golf bleiben die bessere Wahl. Beim Citroën verpuffen Fahrbahnschäden in den langen Federwegen. Der Golf ist straffer abgestimmt, bügelt die Straße aber dank der im Testwagen verbauten variablen Dämpfer (Aufpreis) sensibel glatt. Außerdem fällt hier die beste Geräuschdämmung auf. Der leise TSI-Motor lässt das Rauschen der Räder zwar stärker hervortreten als die akustisch präsenteren Motoren der Konkurrenz. Dennoch verhält sich der VW auf Kopfsteinpflaster im Vergleich zum Citroën wie eine stille Klosterkirche zu einer dröhnenden Pariser Markthalle. Auch fahrdynamisch kommt der C4 gegen den Golf nicht an, zu stark taucht er in schnellen Wechselkurven in die Federn ein, zu entkoppelt und gefühllos wirkt die leichtgängige Lenkung bei zackigen Manövern. Die kaum vorhandenen Rückstellkräfte führen zudem bei höherem Tempo zu einem kritischen Aufschaukeln der Karosserie, das selbst die ESP-Eingriffe nicht wirksam unterbinden können, und sorgen für nervösen Geradeauslauf. Immerhin verzögert der Franzose exzellent. Bei einer Vollbremsung aus 100 km/h steht er sogar minimal früher als der üppiger bereifte Deutsche.
Beim Bezahlen dann das alte Lied: Der VW ist wieder am teuersten, dafür als Gebrauchter wertstabiler als die Mitbewerber. Kühle Rechner kommen nicht am Citroën vorbei. Mag sein Deutsch noch nicht akzentfrei sein: Charme ist nicht das einzige Argument für den Franzosen – er wird hier Preis-Leistungs-Sieger.

Fazit

Der neue C4 wirkt im Vergleich zum Vorgänger fast enttäuschend gewöhnlich. Das muss kein Fehler sein, gerade hierzulande mögen viele Kunden keine Extravaganzen. Der Ehrgeiz, VW an den Karren zu fahren, ist spürbar. Schade nur, dass er etwa bei der Fahrsicherheit auf halbem Wege stecken blieb. Ausgerechnet in Frankreichs Domäne, beim Komfort, führt der Golf klar.