Dacia Logan gegen VW Golf IV

Dacia Logan gegen VW Golf IV Dacia Logan gegen VW Golf IV

Dacia Logan gegen VW Golf IV

— 11.04.2005

Die 8800-Euro-Frage

Zwei Autos, ein Preis: 8800 Euro. Bleibt die Frage: Neuer Rumäne oder gebrauchter Golf – welcher ist der bessere Kauf? AUTO BILD hat die ungleichen Kompakten gegeneinander antreten lassen.

Lieber VW-Chef, erinnern Sie sich noch? Als Renault im letzten Jahr mit seinem rumänischen Billigmodell Dacia Logan für nur 5000 Euro drohte und von Ihrem brasilianischen VW Fox noch nicht die Rede war, da sagten Sie recht herablassend, dass es in diesem Preiskeller doch viele gute gebrauchte VW gebe. Ich fand das zunächst ganz schön arrogant. Hier 5000 Euro für einen Neuwagen mit voller Garantie, einer jungfräulichen Technik und blitzblankem Interieur. Dort 5000 Euro für eine gebrauchte Gurke, deren Vorleben man nicht kennt, und für die es auch nur eine mickrige Gewährleistung gibt. Die Wirklichkeit holte mich aber schneller ein, als ich dachte. Denn für 5000 Euro schafft es Renault keineswegs, hier ein neues Auto auf den Markt zu bringen. Mittlerweile werden 7200 Euro für den Start am 17. Juni 2005 genannt. Das Publikumsinteresse ist dennoch groß.

Davon profitieren freie Importeure: Sie bieten den Logan – je nach Ausstattung – bereits jetzt von 7650 bis zu 10.650 Euro an. Zwei Benziner stehen zur Wahl: 1,4-Liter mit 75 PS und 1,6-Liter mit 87 PS, Diesel sollen später folgen. Und so bekamen wir schnell einen Nachfolger des Karpatenschrecks (DDR-Spitzname des seit 1969 gebauten Dacia 1310, dessen Basis einst der Renault 12 war) für 8800 Euro auf den Hof. Den preisgleichen Golf fanden wir ohne Mühe: einen Vierer in gepflegter Comfortline-Version des Modelljahrs 2000 mit gut 50.000 Kilometern auf der Uhr.

Alter Germane contra neuer Rumäne

Gebrauchter Germane gegen neuen Rumänen, beide mit 1,4-Liter und 75 PS – die Pischetsrieder-Probe kann beginnen. Erster Golf-Eindruck: willkommen daheim. Die Ausstattung: gediegen. Verarbeitung: nahezu ohne Tadel. Komfort: schwer zu toppen. Ausstattung? Extras wie etwa Klimaanlage und variable Rückbank hat ja der Vorbesitzer bezahlt. Der Golf IV fährt sich wie neu, ist klapperfrei und fühlbar verwindungssteif. Die Servolenkung schafft mitsamt der guten Fahrwerkabstimmung den Elchtest heute noch ohne Probleme; dabei kam die Baureihe schon 1997 auf den Markt. Der Vierer eine Ausnahme? Nein, bei guten Exemplaren und regelmäßiger Wartung eher die Regel. Jetzt aber mal ganz ohne die Golf-Brille betrachtet: Gepflegte fünfjährige Gebrauchte westlicher Premiummarken können mit dem neuen Rumänen problemlos mithalten.

Die Langzeit-Qualität ist fast überall auf hohem Niveau. Der Logan ist zwar nagelneu und riecht auch so, keine Waschbürste hat ihre Spuren im Lack hinterlassen. Doch schon beim Einsteigen dreht er meine Gedanken etwas zurück, er wirkt wie ein Koreaner vor zehn Jahren: viel einfaches Plastik, alles schlicht, zweckmäßig und augenscheinlich auch robust, aber angenehm nun wirklich nicht. Sitze? Vorn ganz okay, die Auflage ist etwas zu kurz, dafür sind die Lehnen schön schalenförmig. Hinten drückt die drei möglichen Insassen Kirchengestühl-Komfort, immerhin haben sie dafür spürbar mehr Beinfreiheit.

Werksangaben und Testwerte

Schlüssel gedreht und losgespurtet: 75 PS ziehen Euro-4-gereinigt los, hängen bis Tempo 100 den alten Golf sogar um eine ganze Sekunde ab. Dafür kriege ich aber einiges an die Ohren: Bereits bei Tempo 100 lärmt der Logan um sechs Dezibel lauter als der Golf (messtechnisch gelten schon vier Dezibel als Lärm-Verdoppelung), bei Tempo 130 beginnt der Motor zudem zu dröhnen. So nervig waren noch nicht einmal die Golf II (1983 bis 1992).

Dem Logan fehlen etliche Entwicklungsjahre

Bei Tempo 162 geht dem Logan dann aber die Puste aus, der Golf schafft 171 km/h. Bessere Aerodynamik eben. Was sich auch beim Verbrauch auszahlt: Trotz höheren Leergewichts verbrennt der alte Golf weniger Supersprit als der neue Logan. Der blaue Gebrauchte zeigt dem roten Karpatenschreck in allen Bereichen, dass ihm noch etliche Entwicklungsjahre fehlen. Vor allem die Bremsen sind nicht zu halten. Erinnern wir uns: Die 87-PS-Version (Test in Heft 53/04) stand erst nach 52,6 Metern; eine gute Bremse sollte aber unter 40 Meter bringen. Der rote 75-PS-Renner brauchte im Mittel 50,7 Meter, um den Logan aus Tempo 100 zu stoppen. Automobiles Altertum? Ja, denn eine ABS-Bremse gibt es erst in der teuersten Variante. Doch die dürfte auch kaum bessere Werte bringen als unsere Messungen hart an der Blockiergrenze.

Schwächeln da vielleicht die Rumänen-Reifen der Marke "Montana"? Unsere Gummi-Lösung: Schnell einen Satz Markenreifen – in diesem Fall Continental Eco Contact – untergeschnallt. Und siehe, der Bremsweg (warm) verbesserte sich im Mittel um 3,9 Meter, kalt waren es 2,3. Allerdings ist das immer noch viel zu viel. Und unser Golf IV? Die ABS-Bremse braucht kalt souveräne 39 Meter, warm 39,9. Beladen war er bis zu 2,5 Meter schlechter. Dennoch geht das Brems-Ergebnis überdeutlich zu Gunsten des "alten" VW aus.

Noch krasser wird der Unterschied im Prüfkapitel Fahrverhalten. Zwar benimmt sich der Logan in Kurven noch ordentlich, doch selbst mit den Contireifen erreicht die teigige Servolenkung nicht die Präzision der Golf-Steuerung. Bleibt die Frage des Wiederverkaufs. Die geht klar zu Gunsten der Pischetsrieder-Theorie aus: Ein guter Golf steht nie lange. Ein gebrauchter Logan ist die, beziehungsweise der große Unbekannte.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Diether Rodatz

Der Dacia Logan fällt auf, weckt unsere Neugier. Mit 7200 Euro ist er ein echter Preisknüller. Dennoch: Ab Mai kommen gleich mehrere Unter-9000-Euro-Autos, und auch ein neuer VW ist dabei – der Fox. Dann wird es der Rumäne schwer haben, mit seinem katastrophal langen Bremsweg, einem lauten und durstigen Motor und dem eher robusten Interieur. Das Niveau eines Golf IV erreicht der Logan bei weitem nicht.

Autor: Diether Rodatz

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