Reportage Dieselpartikelfilter

Dieselpartikelfilter bei Jaguar

— 06.11.2009

Frustauslöser Partikelfilter

Eigentlich sind Dieselpartikelfilter (DPF) eine saubere Sache. Doch immer wieder gibt es Probleme. Verstopfte Filter sorgten bei Jaguar-Modellen für kapitale Motorschäden. Vor Gericht wird nun die Schuldfrage geklärt.

Der DEKRA-Gutachter blickte in ein Trümmerfeld. Er notierte: Kolben vom Pleuel gerissen. Lagerschalen lösen sich auf. Kolbenfresser. Metallspäne im gesamten Motor. Ergo: kapitaler Motorschaden. Kilometerstand: 8939. Der Jaguar XJ 2.7 Diesel stand derweil im Carport neben dem Haus von Andreas Kreher in Leopoldshöhe bei Bielefeld. Ohne Motor. Da steht er heute, 18 Monate später, noch immer. Der Fall landete beim Landgericht Bielefeld. Kreher gegen Jaguar Deutschland, gegen das Autohaus Stopka, gegen den Jaguar-Veredler Arden. Es sind einige Fragen, die hier geklärt werden müssen: Ist der Dieselpartikelfilter (DPF) im Jaguar schuld am Motorschaden? Oder die Fahrweise von Krehers Gattin Martina, die den Wagen hauptsächlich auf kurzen Strecken bewegte? Wie oft muss man bei einem modernen Luxusauto den Ölstand messen? Und welche Rolle spielt dabei das Chiptuning? Fest steht: Nicht zum ersten Mal verursacht der werkseitig eingebaute Dieselpartikelfilter Ärger.

Diesel gelangt ins Öl – ein mörderischer Mix

Tod auf der Autobahn: Auf einer der seltenen Langstreckenfahrten kollabierte der Jaguar-Motor.

DPF steht oft für: der pure Frust. Schon vor zwei Jahren berichtete AUTO BILD über den Ärger mit notwendigen Regenerationsfahrten, um verstopfte Filter freizubrennen. Vor allem Kurzstreckenfahrer, die den DPF nicht auf die nötige Temperatur brachten, litten unter dem Problem. Inzwischen hat der Bundesgerichtshof festgestellt, dass solche Regenerationsfahrten keinen Sachmangel darstellen (Az.: VIII ZR 160/08). Doch der Fall Kreher ist komplizierter. Beim XJ setzt, falls keine Freibrennfahrten unternommen werden, eine automatische Regeneration ein. Dabei wird zusätzlich Diesel in den Brennraum gespritzt, um die Temperatur zu erhöhen, damit der Ruß im Filter verbrennen kann. Somit soll der Wagen auch kurzstreckentauglich sein. Die Krux dabei: Dieser zusätzliche Kraftstoff kann sich in einem eher kühlen Motor mit dem Ölfilm vermischen und in die Ölwanne gelangen.

Statt 6,5 Litern waren 7,4 Liter Öl-Diesel-Gemisch im Jaguar

Folge bei Krehers XJ: Statt der angegebenen Soll-Menge von 6,5 Litern fanden die Gutachter 7,4 Liter Öl-Diesel-Gemisch im Jaguar. Ein mörderischer Mix. Die verringerte Schmierfähigkeit infolge der Ölverdünnung führte schließlich zum Motorschaden. Und das ist kein Einzelfall. Nach AUTO BILD-Informationen sind allein im Bielefelder Autohaus in den vergangenen Monaten mehr als ein halbes Dutzend Jaguar mit auf diesem Weg zerstörten 2,7-Liter-Dieselmotoren bekannt.

Doch auch andere Hersteller wissen um das Problem (siehe unten). Jaguar verweist im Fall Kreher auf die verhängnisvolle Kombination aus Kurzstreckeneinsatz und Chiptuning sowie allgemein auf die vorgegebenen Serviceintervalle des Herstellers. Der Jaguar-Anwalt hält Martina Kreher mangelnde Sorgfalt vor. Ihr hätte bei regelmäßiger Kontrolle des Peilstabes die Ölvermehrung auffallen müssen. Was in diesem Fall genau zu tun wäre, steht aber nicht in der Betriebsanleitung. Das Oberlandesgericht Hamm urteilte allerdings im März 2009, dass ein mangelhaftes Handbuch nur eine Bagatelle darstelle, die nicht zum Rücktritt berechtige (Az. I-2 U 194/08). Zudem liegt Jaguar mit seiner Krefelder Tuningfirma Arden im Streit. Der Importeur behauptet, der Veredler hätte bei Krehers XJ per Chiptuning Einspritzmenge und -zeitpunkt so massiv verändert, dass eine deratige Ölverdünnung erst möglich geworden sei.

Es gab keine Möglichkeit den Schaden zu verhindern

Ob die Gemischanreicherung durch die Leistungssteigerung aber tatsächlich für das verunreinigte Öl verantwortlich ist? Krehers Anwalt Alexander Ebner verweist im Gegenzug auf ein Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt (Az.: 24 U 198/04), wonach bei einem kapitalen Motorschaden in einem so jungen Auto "schlicht die Lebenserfahrung" für einen technischen Fehler spreche. Martina Kreher habe keine Möglichkeit gehabt, den Schaden zu verhindern. Die zwei Warnlampen im Cockpit, die auf einen vollen Filter hinweisen sollen, hätten nie geleuchtet. Für Martina Kreher war Jaguar fahren stets "eine Leidenschaft". Diese Leidenschaft sei ihr jetzt verloren gegangen. Sie fährt derzeit einen Audi A4. Aber nicht als Diesel.

Das sagt Jaguar

Wir haben keine Probleme hinsichtlich unserer Dieselmotoren. Sie gehören zu den fortschrittlichsten Dieselmotoren weltweit. Wie bei allen Herstellern muss sich der Rußpartikelfilter, den wir von der Firma Johnson & Matthey beziehen, jedoch in einem Dieselfahrzeug zwischendurch regenerieren, also reinigen, um neue Partikel aufnehmen zu können. Diese Regeneration läuft automatisch ab, wenn das Fahrzeug im Mischbetrieb, das heißt auf Langund Kurzstrecken, bewegt wird. Der Fahrer merkt in diesem Fall nichts von einer Regeneration. Wird das Fahrzeug jedoch überwiegend auf Kurzstrecken eingesetzt, kann es dazu kommen, dass sich der Partikelfilter nicht selbst reinigt. In dem Fall wird der Fahrer mit einem Hinweis im Display zu einer Regenerationsfahrt aufgefordert. Eine Ölverdünnung als Ursache von Motorschäden kann dann auftreten, wenn die Regenerationshinweise und/oder die Serviceintervallvorgaben des Herstellers im Zusammenhang mit überwiegenden Kurzstreckenfahrten nicht beachtet werden. Wir möchten in diesem Zusammenhang betonen, dass die Kundenzufriedenheit unser oberstes Ziel ist. Nicht umsonst gehören Jaguar-Fahrer zu den zufriedensten Autobesitzern in Deutschland. Davon sind auch unsere Kulanzentscheidungen bestimmt.

Auch diese Hersteller sind betroffen

Audi-Fahrerin Silvia Schuma hatte 2007 Ärger mit dem DPF.

Mazda rief in diesem Jahr drei Modelle mit Dieselpartikelfilter in die Werkstätten zurück. In einem Faltblatt für die Kunden wird auf das Problem – anders als bei Jaguar – nun explizit hingewiesen. Und auch BMW ist die Gefahr der Ölverdünnung bei Modellen mit DPF bekannt, wie ein Kundenbetreuer in AUTO BILD bestätigte. Über die Unannehmlichkeiten mit Regenerationsfahrten bei Diesel-Modellen von Audi berichtete AUTO BILD bereits 2007. Und auch bei den Ford-Modellen S-Max und Galaxy wissen Kunden um das Problem.

Autor: Hauke Schrieber

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