Jaguar XF: Dauertest

— 11.07.2012

Auf dem Sprung

Lange galt der Besitz eines Jaguars als risikoreiches Vergnügen – zu häufig kränkelte die Katze. Inzwischen soll sich viel gebessert haben. Wie zuverlässig ein Jaguar wirklich ist, haben wir mit dem XF über 100.000 Kilometer getestet.



Jaguar? Im Dauertest? Bei AUTO BILD? Ja, warum denn nicht? Schließlich gibt es viele gute Gründe, dem Engländer auf den Zahn zu fühlen. Seine Funktion als Nonkonformistenauto zum Beispiel. Sie können sich eine Limousine der oberen Mittelklasse leisten (laut Zulassungszahlen sind Sie damit in Deutschland einer von vielen)? Möchten aber auf gar keinen Fall einen Wagen, der an jeder Ecke steht – also nicht Audi A6/5er-BMW/Mercedes E-Klasse? Dann spricht vieles für einen XF, den mit der springenden Katze auf dem Heckdeckel. Was umgehend zum Dauertestgrund Nummer zwei führt: Historisch gesehen ist der Besitz eines Jaguar ja nicht nur ein exklusives, sondern zugleich ein risikoreiches Vergnügen. Die Dinger kränkelten häufig und hinterließen gern Pfützen auf dem Boden. So auch der letzte Dauertest-Jaguar, ein S-Type von 2002. Der Hersteller, sowie diverse Statistiken versprechen indessen Besserung, bis hin zur heilen Jaguar-Welt. Dürfen wir das wirklich glauben? Die Antwort, sie schreit nach einem Dauertest.
Technische Daten: Jaguar XF 3.0 V6 Diesel S Premium Luxury
Motor V6, Biturbo
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/4
Ventilsteuerung Zahnriemen
Hubraum 2993 ccm
Leistung 202 kW (275 PS) bei 4000 U/min
Drehmoment 600 Nm bei 2000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Abgasnorm – Abgas CO2 (EU-Mix) Euro 5 – 179 g/km
Getriebe/Antrieb Sechsstufenautomatik/Heck
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 69 l/Diesel
Kofferrauminhalt 500 - 923 l
Leergewicht/Zuladung 1936/424 kg
Anhängelast gebremst/ungebremst 1850/750 kg
18 Monate und 100.000 Kilometer im harten Redaktionseinsatz, das geht an die Substanz, das halten nur die Besten klaglos aus. Unser Kandidat, dunkelgrau, edel, in der Fast-all-inclusive-Version namens Premium Luxury kostete zum Starttermin 69.550 Euro – sehr stolz, aber immer noch weniger, als die deutsche Oberklasse-Konkurrenz für ein vergleichbar ausgestattetes Produkt verlangt. Und unter seinem Powerdome (so heißt der Blechberg auf der Haube) steckt der Top-Turbodiesel mit 275 PS. Motto: Wennschon, dennschon. Erster Eindruck: schön schlicht und schnörkellos die Form, coupéschlank. Wir haben ihn noch ohne das Facelift vom Sommer 2011, aber das ändert nicht viel. Innen kühle Eleganz, erfrischend im Vergleich zum üblichen Schwulst. Da sind wir, die Redaktion, uns einig.
AUTO BILD-Testwerte
Messung bei ... Testbeginn Testende
Beschleunigung<br>
0 - 50 km/h
2,5 s 2,7 s
0 - 100 km/h 7,1 s 7,5 s
0 - 130 km/h 10,9 s 11,4 s
Elastizität<br>
60 - 100 km/h
3,8 s 3,9 s
80 - 120 km/h 4,6 s 4,8 s
Bremsweg<br>
aus 100 km/h kalt
35,3 m 38,7 m
aus 100 km/h warm 34,5 m 40,1 m
Innengeräusch<br>
bei 50 km/h
58 dB (A) 57 dB (A)
bei 100 km/h 66 dB (A) 65 dB (A)
bei 130 km/h 71 dB (A) 70 dB (A)
Testverbrauch – CO2 7,6 l Diesel – 201 g/km 7,4 l Diesel – 196 g/km
Leistungsmessung* 195,5 kW (266 PS)
Verbrauchsmessung* 6,8 l
*Messungen erfolgten auf dem Prüfstand des DEKRA Technology Center Klettwitz

Wennschon, dennschon: Unter der Motorhaube unseres Testwagens steckt der Top-Turbodiesel mit 275 PS.

Der Automatikwählknopf, der beim Start aus der Mittelkonsole wächst, ist ein Gag, witzig und stört nicht. Wenige geräumige Ablagen, aber entspannte Position auf dem bequemen Fahrersitz, dessen Komfort, wie sich zeigt, auch auf Langstrecken anhält und bis zum Dauertestende nicht nachlässt. Hinten reist es sich nicht so angenehm, auch weil der Platz knapp ausfällt. Schon bald tauchen freilich jene Kommentare im Fahrtenbuch auf, wie sie den XF über den Dauertest begleiten: "Steif, stößig, unharmonisch", "ruppige Federung", "gefühllose Lenkung" waren die Dauerbrenner im Kritikerchor. Und es stimmt ja: Die Geschmeidigkeit, früher markentypisch, fehlt der XF-Federung komplett. Bei Stadttempo stelzt das Auto hölzern über die Unebenheiten, selbst auf der Autobahn verteilt es ständig kleine Stöße. Keine Frage: BMW 5er und Mercedes E-Klasse bieten hier deutlich mehr Komfort.

Im Überblick: Alle News und Tests zum Jaguar XF

Die Eigenheiten der Lenkung sind hingegen auch Geschmacksache: Sie arbeitet sehr leichtgängig mit viel Servounterstützung und spricht in der Mittellage spontan an – eine Kombination, die Gewöhnung erfordert. Wer sich darauf einlässt, kann Straßenbiegungen aber mit geringem Lenkaufwand und – bei Bedarf – sehr schnell bewältigen. Überhaupt gehören Agilität und Handlichkeit zu den Vorzügen, die das Fahren im Jaguar prägen und einem ans Herz wachsen. Keineswegs zierlicher als die Konkurrenz, fühlt er sich unterwegs schon fast eine Nummer kleiner an. Nur beim Parken nicht, denn die Übersicht nach hinten ist (dem Fließheck geschuldet) miserabel. Lob hagelt es unterdessen auf Langstrecken: "Ein ganz wunderbarer Reisewagen", "toller Motor", "klasse Automatik", so der Tenor der redaktionellen Benutzer, was zugleich beweist, dass die Federungsschwächen den positiven Gesamteindruck nicht nachhaltig trüben.
Reparaturen
Kilometerstand Reparatur Kosten
24.096 km Bremsscheiben und -beläge vorn im Rahmen der Wartung ersetzt – (Garantie)
49.400 km Bremsscheiben und -beläge vorn und hinten im Rahmen der Wartung ersetzt – (Garantie)
91.585 km Bremsscheiben und -beläge vorn ersetzt, Bremsbeläge hinten ersetzt – (Garantie)

Erfrischend kühl: Innen gefällt der Jaguar mit modernem Luxus und ansprechender Verarbeitung.

Stattdessen dominieren andere Faktoren: der stabile Geradeauslauf, die gepflegte, angenehm ruhige Geräuschkulisse mit geringen Windgeräuschen, aber vor allem die Vorzüge des Antriebs. Diesel im Jaguar, ein Sakrileg? Verfechter dieser Doktrin dürfte der Biturbo-V6 das letzte Lüftchen aus den Segeln nehmen. Denn diese Botschaft hinterließ der Dauertest-XF ganz ohne Zweifel: Souveräne Kraftreserven gepaart mit erstklassiger Laufkultur und einer optimal abgestimmten Sechsstufenautomatik – da schnurrt die Katze, und der Mensch freut sich. Zumal sogar der Durchschnittsverbrauch mit neun Litern auf 100 Kilometer (über die Gesamtdistanz) in Anbetracht der meist sehr zügigen Fahrweise die Mundwinkel nach oben treibt. Weniger angenehm der bescheidene Aktionsradius: 69 Liter Tankvolumen sind für einen Langstreckenbomber, der auf eiligen Autobahnetappen auch schon mal zehn Liter auf 100 Kilometer verköstigt, zu wenig.
Zuverlässigkeitswertung
Fahrzeug nicht fahrbereit 0 x 10 Punkte
Unplanmäßiger Werkstattaufenthalt 1 x 5 Punkte
Defekte Funktionsteile 1 x 3 Punkte
Geringfügige Defekte 0 x 1 Punkt
Note 2+
Für jeden Defekt sammelt der Dauertestkandidat Punkte. Je weniger Fehlerpunkte am Ende auf dem Konto stehen, desto besser ist die Platzierung.
Was fehlt uns? Das Vertrauen in die Bremsen, um ehrlich zu sein. Nein, nicht in ihre Wirkung, die den Fahrleistungen gewachsen war, auch wenn die Bremswege bei der Schlussmessung deutlich zunahmen: Daran waren die geringen Außentemperaturen schuld. Beunruhigend vielmehr der drastische Verschleiß der Scheiben, die schon nach kurzer Laufzeit markante Riefen aufwiesen. Verschmutzungsbedingt, aber unbedenklich, behauptet Jaguar. Eher auf Schwingungen am Bremssattel hinweisend, vermuten wir. Dazu passt: Rubbelnde Bremsen wurden mehrfach beanstandet. Ärger Nummer zwei: der Touchscreen, der per Berührung gesteuerte Bildschirm also, mitsamt Navigation. Schlecht ablesbar mit verwirrender, zum Teil unleserlicher Grafik, immer verschmiert, oft zu langsam und stark ablenkend, entpuppt sich die Jaguar-Lösung im Alltag sehr schnell als das schlechteste aller Bediensysteme. Trost: Beim Facelift gab es Verbesserungen. Kein Trost: Es bleibt leider beim Touchscreen.

Alle Dauertests: Die komplette Rangliste

Und sonst? Nichts, schon gar nichts, was die Legende vom ewig kaputten Jaguar bestätigen könnte. Keine Liegenbleiber, keine Klappereien, kein Elektromalheur à la Joseph Lucas, Erfinder der Intervallschaltung (geht – geht nicht). Kein nennenswerter Ölverbrauch und kaum Verschleiß an der Ausstattung. Entsprechend wehmütig der letzte Eintrag ins Fahrtenbuch bei Kilometer 99.000: "Bitte zerlegt mich nicht!" Es tut uns leid, aber diesen Gefallen konnten wir unserem Kätzchen nicht gewähren.
Zuverlässigkeits-Rangliste*
Platz Fahrzeug Punkte Note
1. BMW 130i 0 1+
Mazda 6 Sport 1.8 MZR 0 1+
3. Mazda 3 1.6 MZR High-Line 1 1
Mazda 5 2.0 MZR-CD Top 1 1
Toyota Prius II HSD Executive 1 1
6. Toyota Prius III Life 2 1
Seat Ibiza 1.4 16V Sport 2 1
VW Golf 1.4 TSI Comfortline 2 1
9. BMW 320i Touring 3 1
Kia Cee’d 1.6 CRDi EX 3 1
Toyota Verso 1.8 Life 3 1
VW Tiguan 2.0 TSI Sport & Style 3 1
13. Fiat Bravo 1.9 MJT Emotion 4 1-
Honda Accord Tourer 2.2i-DTEC Executive 4 1-
15. BMW X1 xDrive 18d 5 1-
Skoda Octavia II Combi 1.6 FSI 5 1-
17. Mercedes E 320 CDI T Elegance 6 2+
Opel Astra 1.7 CDTI 6 2+
19. Mercedes GL 420 CDI 8 2+
Ford Focus I 1.6i Turnier 8 2+
Jaguar XF 3.0 V6 Diesel S Premium Luxury 8 2+
22. Ford S-Max 2.0 TDCi Trend 9 2
Ford Mondeo 1.8 Turnier 9 2
Opel Vectra 2.2 9 2
Skoda Roomster 1.9 TDI Comfort 9 2
26. BMW 745i 10 2
27. Mercedes C 180 K 11 2
28. Dacia Logan MCV 1.5 dCi Lauréate 12 2-
Honda Civic 1.8i Sport 12 2-
Honda Jazz 1.4 12 2-
Toyota Auris 1.6 Executive 12 2-
Mercedes B 180 CDI 12 2-
Renault Clio 12 2-
34. Audi A4 2.0 TDI Avant Ambition 13 2-
Fiat Panda 1.1 8V Active 13 2-
Kia Soul 1.6 Spirit 13 2-
Renault Laguna Grandtour 2.0 dCi 13 2-
38. Citroën C5 Tourer HDi 140 Exclusive 14 2-
BMW 318i 14 2-
Hyundai Getz 1.1 14 2-
Opel Insignia Sports Tourer 2.0 CDTI Ecoflex 14 2-
42. Nissan Almera 1.8 Elegance 15 2-
*Auszug mit den ersten 42 Plätzen. Zur vollständigen Dauertest-Rangliste
Alle Bilder zum Dauertest mit dem Jaguar XF finden Sie oben in der Bildergalerie. Den vollständigen Artikel mit allen Daten und Tabellen gibt's im Online-Artikelarchiv.

Auf dem Sprung oder volles Risiko?

Der vollständige Artikel ist ab sofort in unserem Online-Artikelarchiv erhältlich. Hier können Sie das Original-Heft-Layout als PDF-Dokument downloaden.
Jaguar XF X F 3.0 L V6 Diesel S Premium Luxury (Typ CC9)

Veröffentlicht:

03.07.2012

Preis:

1,00 €

Wolfgang König

Wolfgang König

Fazit

Die Vergangenheit lastet schwer auf Jaguar. Folglich musste auch der XF anfangs Häme aushalten – Motto: Warum nicht gleich zwei, dann fährt wenigstens einer. Aber nach 100.000 Kilometern hat er sie alle überrascht: keine besonderen Vorkommnisse, (fast) alles bestens, Glückwunsch.



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