Renault Twizy im Test

Renault Twizy: Test

— 11.05.2012

Was kann der Twizy wirklich?

Renault macht Ernst mit der Elektromobilität und bringt den Twizy. Ein Elektro-, ähm, ja, Fahrzeug. Oder Auto? Quad mit Dach? Moulinette mit Rädern? Wir klären das im harten Test.

Keiner hat gesagt, dass es gemütlich wird. Oder trocken, warm und zugfrei. Aber so wird sie aussehen, die bezahlbare E-Realität. Und wer die elektromobile Revolution herbeigezetert hat, soll sich nun nicht wundern, wenn sie alle Erwartungen an ein Auto über den Haufen wirft. Twizy also, Mobil einer Firma, die etwa mit R4, R16, Espace oder Twingo erfolgreich gegen das Auto-Establishment rebellierte. Aber nie mit mehr Risiko als jetzt. Twizy ist nur der auffälligste Part einer E-Mobilitätskampagne, der sich Renault mit großem Optimismus und trotzigem Mut verschrieben hat. Nun ist Mut mitunter nichts anderes als die Fehleinschätzung von Risiko. Die Franzosen hängen so tief drin, dass nichts schief gehen darf: Vier Milliarden Euro haben sie in das Programm investiert. Oder verpulvert? Es ist leicht, Twizy zu verreißen für all die Nachteile, die das Konzept mit sich bringt.

Überblick: Alle News und Tests zum Renault Twizy

Kein Spaß: Eine Mitfahrt auf dem hinteren Sitz des Twizy ist absolut nicht zu empfehlen.

Und darauf zu verweisen, dass ein kompromissarmes Vollwertauto wie der ebenfalls von Renault stammende Dacia Sandero in seiner Basis 900 Euro günstiger kommt als der billigste Twizy mit dem stärkeren 13-kW-Motor für 7690 Euro. Aber das würde diesem Gefährt, das gar kein Auto sein will, nicht gerecht. Schon die Zulassungsunterlagen vermerken, es sei ein "vierrädriges Fahrzeug bis 550 kg". Verstehen wir Twizy also als neue Form der Mobilität, die andere Bedürfnisse als ein Erstauto erfüllt. Stecker rausziehen, drei Meter Kabel ziehen sich selbsttätig hinter die kleine Bugklappe zurück. Dass es für den zweisitzigen Zweireiher zwei Türen gibt, erscheint als Luxus. Ist es auch, denn die nach vorn hochklappenden Portale kosten 590 Euro extra. Sie bedecken Twizys Profil nur unvollständig, selbst ein KTM X-Bow wirkt da züchtiger bekleidet. Den Rücksitz vergessen wir gleich. Die enorm unbequeme Sitzschale, der kletterige Zustieg und die klaustrophobische Enge mag man eigentlich keinem zumuten. Zumindest muss sich der Fahrer nicht vorwerfen lassen, es viel bequemer zu haben. Der nur längs verstellbare, atmungspassiv, aber wasserfest bezogene Monositz ist hart gepolstert und anatomisch herausfordernd geformt.

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Offen: Der Wind weht mangels vollwertiger Türen fast ungehindert auch im Innenraum.

Doch die zentrale Aussicht von dort ist bemerkenswert. Schmale Dachsäulen und die große Frontscheibe ermöglichen beste Sicht voraus, durch die transparenten Türteile lassen sich sogar die Vorderräder betrachten. Rangieren freilich erschwert der Verzicht auf eine Heckscheibe. Schlüssel auf Start, Wähltaste D drücken, Fuß von der Bremse, Fahrpedal treten, und Twizy surrt sacht los – alles so leicht zu bedienen wie ein iPod Shuffle. Bei lauem Tempo haucht der Wind milde hinein. Ach ja, das hatten wir fast vergessen, Seitenscheiben gibt es nicht. Nett im Sommer, sogar bei Regen kein Drama, weil Deflektoren an den A-Säulen einiges an Wind und Nässe ablenken. Doch schon an frischen Frühlingsmorgen zieht es frostig – die Heizung verhindert nur, dass die Frontscheibe beschlägt. Roller- und Motorradfahrer haben es auch nicht gemütlicher, und zumindest kann man vierpunktvergurtet nicht von Twizy runter- oder mit ihm umfallen. Alle Fahrsicherheitstests meistert das schmalspurige Gefährt trotz des bemangelnswerten Verzichts auf ESP sorgenlos, wärmt dabei das Fahrerherz mit fixem Handling.

Die servolose Lenkung spricht direkt und präzise an, Kurven umzirpt Twizy mit minimaler Seitenneigung und geringer Untersteuertendenz. Aber wenn jetzt wieder einer schreibt, der Renault führe sich wie ein Kart, zeigt das nur, dass derjenige nie mit einem Kart fuhr. Bestenfalls der Fahrkomfort lässt sich mit einem Kart vergleichen. Eine Federung ist anwesend, bleibt aber vorwiegend untätig. Was angesichts der Wind-Regen-Kälte-Problematik aber das vernachlässigbarste Komfortdefizit darstellt. Mit dem Temperament eines gänzlich unfrisierten 80er-Rollers wuselt Twizy locker im Stadtverkehr mit, stromert bei Bedarf noch ein wenig über Land, rekuperiert dabei im Schiebebetrieb nur schwach, bremst aber energisch, allerdings ohne ABS. Autobahnfahrten verbieten sich wegen der auf 80 km/h limitierten Höchstgeschwindigkeit und der Humorlosigkeit vieler Lastwagenfahrer, die es nicht sehr schätzen, wenn Twizy mit Tempo 80 vor ihnen herumöddelt. Einen 40-Tonner im Nacken zu haben, zählt trotz der von Renault beschworenen "hochsteifen Sicherheitszelle" nicht zu den erstrebenswerten Erlebnissen.

Überblick: Alle News und Tests zu Renault

Stadtmobil: Bei 71 Kilometern Reichweite sind längere Touren mit dem Twizy nicht drin.

Dass Twizy nur für den Nahbereich gedacht ist, zeigt zudem die knappe Reichweite von 71 km im Test. Auf 100 Kilometer gerechnet liegen die Energiekosten übrigens bei rund 2,20 Euro – mit Ökostrom, denn nur so ergibt ein E-Mobil überhaupt Sinn. Und der Sinn des Twizy? Als Auto unbrauchbar, doch als Revolution unersetzlich. Mit ihm entstand ein bemerkenswertes, bezahlbares, stadt- und alltagstaugliches, fröhliches Elektromobil. Eines, das man wirklich kaufen kann, während sich die meisten anderen Hersteller noch mit Studien und elitären Leasingkonzepten bescheiden. Und vielleicht vor der Wahrheit drücken, dass – wenn man sie denn nun wirklich für sinnvoll und erstrebenswert hält – günstige Elektromobilität nur so aus sehen kann wie der enge, zugige und etwas unambitioniert verarbeitete Twizy. So wird er womöglich Weg bereiter einer neuen, reduzierten, massentauglichen Art der individuellen Mobilität. Zumindest hatte bisher noch keiner eine bessere Idee dafür.
Fahrzeugdaten Renault Twizy Color
Motor Elektromotor/Hinterachse
Batterie Lithium-Ionen
kW (PS) 13 (18)
max. Drehmoment 57 Nm
Vmax 80 km/h
Getriebe 1-Gang-Automatik
Antrieb Hinterradantrieb
Bremsen vorn/hinten Scheiben/Scheiben
Testbereifung vorn 125/80 R 13 M
Testbereifung hinten 145/80 R 13 M
Abgas CO2 0 g/km
Verbrauch* 6,3 kWh/100 km
Batteriekapazität 6,1 kWh
Anhängelast gebremst/ungebremst ohne
Gepäckraumvolumen 31 l
Grundpreis 7990 Euro
* Werksangabe
Messwerte Renault Twizy Color
Beschleunigung
0–30 km/h 3,6 s
0–50 km/h 8,0 s
0–80 km/h 26,4 s
Zwischenspurt
30–50 km/h 4,4 s
50–80 km/h 18,4 s
Leergewicht/Zuladung 506/137 kg
Gewichtsverteilung vorn/hinten 43/57 %
Wendekreis links/rechts 6,6/6,8 m
Bremsweg
aus 70 km/h kalt 26,1 m
aus 70 km/h warm 27,3 m
Innengeräusch
bei 30 km/h 72 dB (A)
bei 50 km/h 74 dB (A)
bei 80 km/h 76 dB (A)
Testverbrauch 10,4 kWh/100 km
Reichweite 71 km
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Renaults E-Voluzzer im Härtetest

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Renault Twizy

Veröffentlicht:

14.05.2012

Preis:

1,00 €


Sebastian Renz

Sebastian Renz

Fazit

Die von vielen so lange herbeigebrüllte Elektromobilität ist in der Realität angekommen. Denn so wird sie aussehen, soll sie bezahlbar sein. Ein Volvo C30 Electric für rund 1500 Euro Monatsleasing und selbst ein E-Smart für 25.000 Euro wird Elektrofahren niemals massenmarktmöglich machen. Deswegen lässt sich Renaults Twizy auch nicht mit den Maßstäben eines normalen Autos messen, will das Gefährt auch nicht. Da fiele das Urteil verheerend aus – ohne ABS, ESP, mit einem Seitenaufprallschutz stabil wie ein Schokoriegel, ohne jeden Federungskomfort, zugig, eisig im Winter, hitzig im Sommer. Aber kaum jemand wird Twizy als Erstfahrzeug bewegen. Als Zweitwagenersatz dagegen ergibt das Konzept Sinn. In der Stadt wuselt Twizy mit dem Strom, bietet Platz für einen mit etwas Gepäck oder kurz mal für zwei Idealgewichtige. Vielleicht müssen wir umdenken, Verzicht üben und statt eines Kompaktautos für 15.000 Euro einen Basis-Sandero für 7000 und dazu einen Twizy für 8000 Euro kaufen.

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