Stärkstes Straßenauto der Welt

Stärkstes Straßenauto der Welt

— 09.06.2009

Mit 2200 PS zu Aldi

In England ist vieles möglich. Sogar Straßenzulassungen für Dragster. So kommt es, dass das stärkste Auto der Welt, der Red Victor I, ganz offiziell als Einkaufswagen im Alltag fährt - mit 2200 PS unter der Haube!

Wolverhampton nahe Birmingham ist eine jener Städte, die man nur von der Autobahn aus kennen möchte. Die Schwerindustrie-Metropole liegt mitten in einer Gegend, der einst der dreckige Auswurf der Kohleöfen ihren Namen gab: Black Country – schwarzes Land. Heute leidet Wolverhampton unter der Arbeitslosigkeit, Attraktionen sind rar. Seit sich 1992 die Glamrock-Band Slade auflöste, gab es hier nicht einmal mehr so was wie einen Lokalhelden. Inzwischen haben sie wieder einen. Einen Helden, der der Stadtjugend fast so bekannt ist wie die Queen. Sein Name ist Andy Frost, kurz Frosty. Was Frosty so berühmt macht? Sein Auto. Das heißt Red Victor I und ist nichts weniger als das schnellste straßenlegale Auto der Welt, das mit Benzin läuft. Schneller als ein Bugatti EB 16.4 Veyron mit 1001 PS? Bezüglich des Höchsttempos nicht. Der gut eine Million Euro teure Hightech-Blitz macht 407 km/h.

Gegen den Red Victor hätte selbst ein Bugatti Veyron keine Chance

Das Monster aus der Nachbarschaft: Der 2200 PS starke Red Victor besitzt eine ganz normale Straßenzulassung.

Aber in puncto Beschleunigung liegt Red Victor I vorn. "Um Welten", wie Frosty sagt. Um diese Welten zu verdeutlichen, skizziert der 47-Jährige ein Sprintduell über die Viertelmeile, seine Standard-Disziplin: "Wenn Red Victor I nach 402 Metern durchs Ziel geht, hat der Bugatti gerade die Hälfte hinter sich." Ein Hochstapler, dieser Frosty, denken wir – bis verschiedene Datenbanken Werte melden, die sein unfassbares Zahlenspiel eindeutig bestätigen. Wie auch dieses: "Ein Ferrari Enzo mit 660 PS braucht für den Spurt von 200 bis 300 km/h rund 15 Sekunden, der Bugatti Veyron 9,4. Ich schaffe es in exakt drei Sekunden." Das provoziert Fragen. Was für ein Motor steckt da drin? Wie – und vor allem wieso – ist die Höllenmaschine legal im Verkehr zu bewegen? Und überhaupt: Wer ist dieser Frosty, dessen Eigenbau die Geschwindigkeitsrekorde der schnellsten Supersportwagen der Welt pulverisiert?

Vom braven 104-PS-Vierzylinder zum monströsen V8

Andy "Frosty" Frost am Steuer des Red Victor. Fordern Sie diesen Mann lieber nicht zum Ampelrennen heraus...

Von Anfang an. 1982: Der Automechaniker Andy Frost (20) und seine Freundin Debbie (erst 16) suchen ein Billig-Mobil. Für nur 60 Pfund, damals rund 250 Mark, schießt Frosty einen 1972er Vauxhall Victor, das britische Pendant zum Opel Rekord C. 1983, Sohn Damien ist gerade zur Welt gekommen, lackiert er den blauen Viertürer mit 104-PS-Vierzylinder silberfarben. Drei Jahre später bezieht Craig als zweiter Nachwuchs die Rückbank, Vater Frosty spritzt den Victor rot und spendiert ihm einen 120 PS starken 2,3-Liter. Um das Familienauto innerhalb eines Jahres erst mit dem 3,3-Liter-Reihensechser des Commodore-Gegenstücks Vauxhall Ventora (124 PS), dann mit dem 3,5-Liter-Rover-V8 (154 PS) zu bestücken. Damit tritt er erstmals bei Sprintrennen über die Viertelmeile an. Bestzeit: 15,8 Sekunden – verbesserungsfähig. Dank eines 300 PS starken Fünfliter-Chevrolet-V8 ist ab 1990 eine 11,2er-Zeit machbar. Inzwischen sind die hinteren Türen zugeschweißt – der Steifigkeit zuliebe. Unterdessen verzichtet Familie Frost auf alles andere, was Geld kostet – während der Dragster-Wettbewerbe nächtigt sie im Victor, der nach wie vor ihr einziges Auto, gleichzeitig aber schon ein reiner Rennwagen ist. 1991 macht Frosty Ernst: Mittels großflächiger Aufkleber wird der Vauxhall zu Red Victor I. Kurz nach der Geburt von Sohn Gary – wir schreiben das Jahr 1993 – legt Frosty erneut nach. Jetzt sorgt ein aufgebohrter Chevy-Bigblock für 500 PS und eine 9,2er-Zeit.

Derweil sieht Ehefrau Debbie den Verbrauch von fast 30 Litern im ungünstigen Verhältnis zur Haushaltskasse. Außerdem schickt sich das Newtonmeter-Gebirge des 7,7-Liter-V8 an, die ganze Karosserie des Victor um die Längsachse zu verdrehen. Auf eine zahmere Technik zurückrüsten? Nicht mit Frosty. Der geniale Schrauber schickt Red Victor I als Familienauto in den Ruhestand – und konstruiert einen stabilen Gitterrohrrahmen, den er mit den originalen Außenblechen beplankt. Das Werk ist 2002 vollbracht. Und erhält sogar ein MOT-Zertifikat, quasi den britischen TÜV-Segen. Denn bei allen bis August 1973 geborenen Fahrzeugen sind die Behörden extrem flexibel; ein altes Straßenauto braucht nicht viel mehr als ein paar Lampen, einen Schalldämpfer und einen Scheibenwischer... 2003 zieht eine Lachgaseinspritzung (plus 500 PS) unter der Haube ein, 2004 wächst der Hubraum auf das aktuelle Maß von 9375 Kubik, die Leistung auf 1400 PS. Die Lachgasanlage hat 2006 ausgelacht: Mister Frost hält mittlerweile reines Tankstellenbenzin für seriöser. Die Power steigt dennoch weiter an. Erst auf 2000, dann – anno 2007 – auf die heute gültigen 2200 PS. Und zwar mittels zweier Lkw-Turbolader.

Auf die Alltagstauglichkeit ist Frost besonders Stolz

Sommer 1988: Vauxhall Victor mit Frostys Sohn Craig in Wales. Damaliger Motor: ein Rover-V8.

Mit routiniertem Schwung nimmt Frosty im Rohrgeflecht Platz, ich schraube mich in den Beifahrersitz. Ein Druck auf den Startknopf, Red Victor I springt an und hustet zufrieden vor sich hin. Frosty legt die Fahrstufe der Zweistufenautomatik ein, wir rollen. Der Berufsverkehr von Wolverhampton lässt keine hohen Tempi zu. Aber diese Vorstellung ist eh viel eindrucksvoller: Lässig und geschmeidig lässt sich der automobile Gewalttäter durch die Straßen dirigieren. Bis auf den Lärm und den mit offener Technik gestopften Innenraum erinnert nichts an das unfassbare Potenzial dieses Autos. "Auf diese Alltagstauglichkeit bin ich besonders stolz", brüllt Frosty. Und gibt leicht Gas. Die Mickey-Thompson-Walzen, einen halben Meter breit, verbeißen sich im Asphalt, das digitale Schaltwerk Marke Electromotive regelt hörbar nach. Noch bevor mein Reaktionsvermögen die Phase der Beschleunigung registriert, sind wir bereits 80 km/h schneller. Während eine Träne der Rührung hinter meiner Ohrmuschel verschwindet. Einfach unfassbar.

Zukunftspläne: noch größere Turbos und 3000 PS

Skeptische Blicke auf dem Aldi-Parkplatz: Der Victor ist der stärkste Einkaufswagen der Welt.

"Wo wir schon mal unterwegs sind...", schreit Frosty plötzlich. Biegt auf den Aldi-Parkplatz ab und holt schnell ein paar Sixpacks Bier. Dann dröhnen wir zurück in seine Werkstatt, in der er Automatikgetriebe für Alltagsautos repariert. Und ebensolche für echte Dragster baut. Was Frosty für die Zukunft plant? "Größere Turbos, 3000 PS. Dann ist Schluss – für mehr Leistung müsste der Radstand verlängert werden, und das würde die klassischen Proportionen meines Victor ruinieren", erzählt der nette Brite sachlich. Überhaupt ist Frosty längst ruhiger geworden: Dem 75-PS-Escort-Kombi, den er sich heute mit Debbie teilt, steht eine ähnliche Karriere angeblich nicht bevor.
Technische Daten
Red Victor I Bugatti Veyron 16.4
Hubraum 9375 cm³ 7993 cm³
Leistung 2200 PS bei 7500/min 1001 PS bei 6000/min
max. Drehmoment 2600 Nm bei 4000/min 1250 Nm bei 200/min
Leergewicht 1542 kg 2027 kg
Beschleunigung 0-100 km/h 1,2 s 2,5 s
0-160 km/h 2,5 s 5,4 s
0-240 km/h 4,7 s 8,6 s
0-320 km/h 7,8 s 18,2 s
1/4 Meile aus dem Stand 7,4 s bei 317 km/h 10,2 s bei 229,9 km/h
Höchstgeschwindigkeit ca. 380 km/h 407 km/h
Verbrauch minimal/Stadt/Vollgas ca. 23 l /ca. 28 l /ca. 280 l 14,7 l/40,4 l/ca. 120 l
Autor:

Wolfgang Blaube

Fazit

Die Engländer sind leicht verrückt, das ist bekannt. Doch dieses Gerät auf die Öffentlichkeit
loszulassen, ist grenzwertig. Wir können von Glück reden, dass Andy Frost (www.redvictor1racing.co.uk) keine Ambitionen hegt, sein Auto auf deutschen Autobahnen zu testen – legal wäre es aufgrund der Zulassung. Mögliches Tempo mit längerer Übersetzung: laut Frosty über 500 km/h. Was ich dem Genius gern glaube.

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