Achtung, Hochspannung
Skoda Enyaq iV 80 Coupé vs. Aiways U6 Coupé
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Chinesische E-Autos werden immer besser. Und so ist der Vergleichstest zwischen Skoda Enyaq iV 80 Coupé und Aiways U6 Coupé gleichzeitig auch eine Bestandsaufnahme für den internationalen Wettbewerb.
Bild: AUTO BILD
Man ahnte es schon seit einiger Zeit, dass chinesische Autos nicht mehr weit von internationalen Standards entfernt sind. Unterdessen ist es sogar so, dass sie im Bereich der Elektromobilität, was Batterietechnik und Software betrifft, dem einen oder anderen etablierten Hersteller eine lange Nase zeigen. Umso spannender war für uns der Vergleich zwischen dem Skoda Enyaq iV 80 Coupé und dem Aiways U6. Auch wenn gemunkelt wird, dass der chinesische Hersteller pleite ist, wofür es aber bis zur Stunde kein offizielles Statement gibt.
Optisch mag man mit dem Chinesen hadern, weil die Proportionen irgendwie verschoben scheinen, die Coupé-Form etwas aufgesetzt wirkt und die Flaps bei einem knapp 160 km/h schnellen E-Auto etwas sehr ambitioniert wirken. Insofern mag der Skoda Enyaq mit seiner konsequent zu Ende gedachten Optik im ersten Moment mehr überzeugen. Auf das, was bei AUTO BILD im Test zählt, hat das aber keine Auswirkungen.
Luxuspreis für den Skoda
Anders ist es beim Preis. Hier greift die einst so volksnahe Marke aus Tschechien dem potenziellen Kunden gleich mal richtig in die Tasche. Satte 54.400 Euro werden für unseren Testwagen bereits im Grundpreis aufgerufen. Fährt das Enyaq iV 80 Coupé dann noch in der von uns gefahrenen Ausstattungslinie Advanced vor, werden 63.430 Euro (ohne Umweltbonus) fällig. Darin enthalten ist das Navigationssystem, ein Head-up-Display mit fliegenden Richtungspfeilen – neudeutsch Augmented-Reality –, ein doppelter Ladeboden und eine Wärmepumpe, um den Akku zu entlasten.

Das Aiways U6 Coupé nimmt sich neben dem Skoda Enyaq iV 80 Coupé schon fast eigenwillig aus.
Bild: Christian Bittmann/ Auto BILD
Allerdings hat auch der Aiways U6 (Grundpreis 44 911 Euro) in der "Prime"-Serie eine Wärmepumpe an Bord. Hinzu kommt ein Panoramaglasdach und Sitzbezüge aus einer Leder-Kunstleder-Kombination. Ein Head-up-Display gibt es ebenso wenig wie ein Navi. Dafür liegt der Endpreis hier bei schlanken 47.588 Euro (ohne Umweltbonus). Selbst für eine der vier zur Verfügung stehenden Farben (Canary Yellow, Mint Green, Piano Black oder Glacier White) wird kein Aufpreis fällig.
Antrieb auf Augenhöhe
Auch bei der Leistung fahren beide Kontrahenten auf Augenhöhe. Der Enyaq geht mit 204 PS und einem maximalen Drehmoment von 310 Newtonmeter ins Rennen, der Aiways bringt es gar auf 218 PS und 315 Newtonmeter, was sich dann auch beim Standardsprint bemerkbar macht. In von uns gemessenen 6,9 Sekunden erreicht der Chinese Landstraßentempo, während der Tscheche erst nach 8,3 Sekunden 100 km/h schnell ist. In der Endgeschwindigkeit liegen beide dann mit 160 km/h wieder auf Augenhöhe.
Nun darf man sich aber von den üppigen Leistungsdaten nicht täuschen lassen. Interessant ist nämlich die Dauerleistung, die die Akkumulatoren über eine halbe Stunde zur Verfügung stellen. Und die liegt beim Enyaq iV 80 Coupé bei überschaubaren 95 PS, beim Aiways U6 Coupé sind es gar nur 88 PS. Nichtsdestotrotz kann der Tscheche als auch der Chinese mit den wiederkehrenden Leistungsspitzen recht sportlich um die Kehre geführt werden.

Klare, durchdachte Designlinie des Skoda Enyaq iV 80 Coupés, aufgeräumter und übersichtlicher Arbeitsplatz für den Fahrer, kleiner Gangwahlgnubbel in der Mittelkonsole, manuelle Tastenleiste für die wichtigsten Funktionen.
Bild: Christian Bittmann/ Auto BILD
Skoda mit dem gediegeneren Fahrwerk
Allerdings ist das eine Disziplin, bei der der Enyaq dann doch die Nase vorn hat. Sein Fahrwerk arbeitet gewohnt verbindlich, seine Lenkung ist direkter und insgesamt wirkt er hier eine Spur professioneller. Setzt man aber dagegen, dass der U6 ein Erstaufschlag ist, darf man über das an einigen Stellen etwas straffe Fahrwerk und die nicht sonderliche direkte Lenkung hinwegsehen.
Denn bei der Fahrmodiwahl wirkt der Chinese deutlich konsequenter. Vor allem, wenn die Gangart Sport gewählt wird, zieht der U6 wesentlich kräftiger an, vermittelt mehr das Gefühl von Dynamik, als es der iV 80 macht. Bei dem ist nach dem Wechsel von Normal auf Sport kaum ein Unterschied spürbar. Allerdings, und das ist ein echt nerviges Phänomen, entscheidet der Aiways dann auch willkürlich, wann er die Programme wechselt. Wir vermuten hier ein Softwareproblem.
Das ist genauso unangenehm, wie die extrem rigiden Assistenzsysteme. Nicht nur, dass es allenthalben piept, wo man häufig nicht weiß warum, es wird auch ständig am Lenkrad gezerrt, weil mutmaßlich die Ideallinie verlassen wird. In dieser Disziplin geht der Punkt klar an den Enyaq. Natürlich lassen sich bei beiden Fahrzeugen die kleinen Helferlein in den Teilzeitschlaf schicken, aber nach dem Start des Wagens sind sie nach EU-Anforderung eben wieder aktiv.

Eigenwilliges Design mit Wiedererkennungswert beim Aiwaya U6 Coupé, hochwertige Materialauswahl für den Innenraum, Gangwahlhebel in der Optik eines Flugzeug Schubhebels, viel zu kleines Handschuhfach.
Bild: Christian Bittmann/ Auto BILD
Schick und aufgeräumt sind beide
Schick und aufgeräumt zeigen sich die Arbeitsplätze für die Fahrer in beiden Fahrzeugen. Allerdings wirken die Materialien im Chinesen einen Tick hochwertiger als im Enyaq. Hinzu kommt, dass das iV 80 Coupé über Stock und Stein eigenwillig klappert. Das mag zum einen am Schneebesen in der Beifahrertür liegen, aber auch aus der Armatur und dem Kofferraum sind Rascheln und Knarzen zu hören. Bei der Geräuschentwicklung über die gleiche Strecke zeigt sich der U6 deutlich verhaltener.
Ein reduziertes Informationsdisplay, das mehr ein Informationsstreifen ist, reicht dem U6-Piloten, um die Basisinformationen zu bekommen. Das Fahrerdisplay im Enyaq ist größer und daneben informiert noch das Head-up-Display ausführlich. Die Bedienung für die Assistenzsysteme oder das Multimediasystem erfolgt, wie inzwischen Usus über den jeweiligen Zentralmonitor, oder die Lenkradtasten. Hier hat sich Aiways übrigens an ausgemusterten Mercedes-Teilen bedient. Insofern gleichen auch Blink- und Scheibenwischerhebel denen, die man noch vor Jahr und Tag aus der A-Klasse kannte.
Enyaq Bodenständig bei der Bedienung
Wie dem auch sei, hier wie dort funktionieren die Tasten und Schalter gut, obgleich Skoda etwas bodenständiger die wichtigsten Bedienungen auf analoge Schalter in der Mittelkonsole gepackt hat. Im Aiways muss alles über den Hauptmonitor geregelt werden. Der erinnert im Übrigen sehr an den Bildschirm, den auch Tesla in seinen Fahrzeugen verbaut. Auch hier wirkt der Enyaq etwas eigenständiger. Die Auflösung und die Reaktionszeiten kann sich bei beiden Touchscreens sehen lassen.

Das Aiways U6 Coupé mit Langstreckentaugliche Vordersitze mit wenig Seitenhalt, üppige Platzverhältnisse in Reihe zwei.
Bild: Christian Bittmann/ Auto BILD
Während der Tscheche - und das ist nicht unwichtig - ein eigenes Navi anbietet, das auch Ladestationen finden und bei Bedarf den Akku vorkonditioniert, wenn ein Energiezapfsäule gewählt wurde, bietet der U6 lediglich die Verbindung mit dem Smartphone über ein USB-Kabel an. Darüber kann dann wenigstens Apple Karten genutzt werden. Was an dieser Stelle zwei Fragen aufwirft. Wie lange hält der jeweilige Akku bis er an die Steckdose muss und wie viel Zeit verliere ich beim Laden.
Beide mit guter Reichweite und mäßigem Verbrauch
Mit der 63 kWh (brutto) leistenden Batterie des Aiways U6 kommt man nach unseren Testfahrten im Durchschnitt 370 Kilometer weit. Fährt man auf der Autobahn durchgängig mit Tempo 130, sind es noch 305 Kilometer. Der Enyaq iV 80, bestückt mit einem 77 kWh (netto) leistenden Akku fährt über den gleichen Testzyklus gemessen 480 Kilometer und bringt es bei 130 km/h auf 361 Kilometer.
Der Chinese, der im Durchschnitt 16,4 kWh über 100 Kilometer verbraucht, lädt mit maximal 90 kW und benötigt für eine Ladung von 20 auf 80 Prozent 35 Minuten. Der Skoda gib sich im Test etwas sparsamer. Er benötigt im Durchschnitt 16,0 kWh und kann mit maximal 125 kW in 29 Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen werden. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Testfahrten bei nahezu idealen 18 Grad Celsius Außentemperatur gemacht wurden.
Der Chinese, der im Durchschnitt 16,4 kWh über 100 Kilometer verbraucht, lädt mit maximal 90 kW und benötigt für eine Ladung von 20 auf 80 Prozent 35 Minuten. Der Skoda gib sich im Test etwas sparsamer. Er benötigt im Durchschnitt 16,0 kWh und kann mit maximal 125 kW in 29 Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen werden. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Testfahrten bei nahezu idealen 18 Grad Celsius Außentemperatur gemacht wurden.

Gut ausgeformte Sitze im Skoda Enyaq iV 80 Coupé mit großer Oberschenkelauflage, viel Platz im Fond.
Bild: Christian Bittmann/ Auto BILD
Der Preis sticht
Doch was am Ende bleibt, ist jedenfalls was Fahrverhalten, Reichweite und Ladezeiten betrifft, beide Fahrzeuge sehr dicht beieinander liegen. Bei der Qualität ist der Chinese sogar ein Stück voraus und auch bei den Platzverhältnissen im Fond gewinnt er. Erstaunlicherweise versagt er vollends bei der Software. Die Assistenten können nicht überzeugen, das fehlenden Navi verwundert und der komplett unmögliche Radioempfang über DAB nervt sogar.
Am Ende ist es der Preis, der den Aiways U6 für Sparfüchse attraktiv macht. Auch qualitativ, fahrtechnisch und bei der Reichweite kann der Chinese durchaus mithalten. Der Enyaq ist in allen Punkten ausgereift und solide. Der Preis allerdings scheint mit über 60.000 Euro jenseits von Gut und Böse.
Fazit
Nimmt man alles zusammen, dann hat es das Aiways U6 Coupé tatsächlich geschafft dem Skoda Enyaq i80 Coupé die Stirn zu bieten. Am Ende gewinnt der Tscheche aber verdient mit 33 Punkten Vorsprung. Bleibt der nahezu absurde Preis von über 60.000 Euro für den Enyaq. Wer hier mit spitzem Bleistift rechnen will oder muss, der wird sich wohl für das Aiways U6 Coupé entscheiden.
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