Alternative Kraftstoffe
Im Land des Biosprits

Seit Jahrzehnten fährt in Brasilien eine beträchtliche Zahl von Autos mit Bioethanol, das aus Zuckerrohr gewonnen wird. Dort nimmt der alternative Treibstoff niemandem das Essen weg. Besuch in einer ganz eigenen Autowelt.
- Stefan Grundhoff
"Es ist verrückt, was hier in den letzten drei Monaten passiert ist", sagt Marcos S. Jank, Präsident der brasilianischen Zuckerrohrvereinigung Unica. "Wir produzieren schon gut 35 Jahre Ethanol aus Zuckerrohr. Aber auf einmal wollen alle wissen, was wir hier machen." Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel stattete der Hauptanbauregion nordwestlich von São Paulo einen Besuch ab, und auch Angela Merkel machte sich bei ihrem Brasilienbesuch im Mai nicht nur ein Bild über die Motorenproduktion im VW-Werk. Zuvor hatte die Kanzlerin mit dem brasilianischen Präsidenten Lula da Silva eine Kooperation über erneuerbare Energien auf den Weg gebracht. Als die Beimischung von Ethanol zu Benzin in Deutschland aufkam, waren die Kritiker nicht fern. Sie monierten, der Anbau von Weizen, Zuckerrohr und Zuckerrüben würde Grundnahrungsmittel verteuern.
Außerdem sei es unethisch, Lebensmittel zu verfahren. Speziell Brasilien wurde dafür angegriffen, dass der tropische Regenwald unter den wachsenden Zuckerrohranbauflächen leide. Brasilien hat 850 Millionen Hektar Landfläche, 220 Millionen Hektar werden bewirtschaftet – aber nur 6,5 Millionen Hektar mit Zuckerrohr. 2012 sollen es mindestens acht Millionen Hektar Zuckerrohr sein. Die Anbauflächen befinden sich fast ausschließlich im Staat São Paulo, der Regenwald ist zwischen 2000 und 2500 Kilometer in Richtung Norden entfernt.
Mehr als 90 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge sind FlexFuel-Modelle

Noch billiger ist Erdgas. Die günstigste Möglichkeit, Auto zu fahren, bietet der Fiat Siena TetraFuel. Hier kosten 100 Kilometer nur vier Euro, denn als einziges Modell in Südamerika verträgt die knapp 18.000 Euro teure Stufenhecklimousine einen Cocktail aus Ethanol, Benzin oder Erdgas. Und ein Ende der Entwicklung CO2-armer Fortbewegung ist nicht abzusehen, denn ähnlich wie in Europa wird auch in Brasilien an Biokraftstoffen der zweiten Generation geforscht. "Derzeit nutzen wir mit dem Saft des Zuckerrohrs gerade einmal ein Drittel der Pflanze", sagt Marcos S. Jank. "In den nächsten zehn Jahren werden wir den Rest der Pflanze ebenfalls als Energieträger nutzen können." Das sind gute Nachrichten für die schwächelnde Autoindustrie, die sich denn auch in Brasilien gern ansiedelt. So befindet sich das weltweit größte Werk des Marktführers Fiat nicht in Italien, sondern in Belo Horizonte. Pro Jahr laufen hier 800.000 Fahrzeuge und eine Million Motoren vom Band.

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