Ingolstadt wird umgebaut. Das Ziel: wieder Vorsprung durch Technik! Dazu strukturiert Audi-Chef Gernot Döllner um, machte Massimo Frascella zum Chefdesigner. Außerdem hat Döllner erst kürzlich die Leitung des Vorstandsressorts für Technische Entwicklung übernommen. Über die Zukunft des Verbrenners, künftiges Design und den neuen Audi Q6 e-tron spricht Döllner im Interview mit AUTO BILD.
AUTO BILD: Immer mehr Hersteller wollen länger am Verbrenner festhalten, schieben ihren Ausstieg nach hinten. Ab 2024 soll bei Audi parallel zu den neuen E-Modellen auch eine spezifische Verbrenner-Plattform für die letzte Generation neuer Verbrenner auf den Markt kommen. Wird Audi darüber hinaus länger als geplant am Verbrenner festhalten?
Döllner: Der Audi-Standpunkt ist klar: Wir treiben die E-Mobilität mit voller Kraft und hohen Investitionen voran. Gleichzeitig ist ein flexibles Antriebsangebot wichtig, weil die Regionen weltweit unterschiedlich schnell umsteigen. Deshalb setzen wir für unsere jetzt startende Modelloffensive auf zwei neue Plattformen: die Premium Platform Electric für E-Modelle und die Premium Platform Combustion für unsere Verbrenner und Plug-in-Hybride der nächsten Generation.
Sitzt jetzt bei Audi hinterm Steuer: Döllner im neuen Q6 e-tron, der Anfang der Modelloffensive.
Bild: Audi
AB: Zuletzt litt die Nachfrage bei E-Autos besonders am Wegfall der Prämie und zu hohen Preisen. Audi ist als Premiummarke positioniert, doch auch hier werden Kunden zunehmend durch hohe Rabatte der Konkurrenz preissensibler. Wie geht Audi mit dem möglichen Preisdruck der Kunden um?
Döllner: Als Premiumhersteller beteiligen wir uns nicht an kurzfristigen Preismaßnahmen. Premium heißt Wertstabilität: Mit einer stabilen Angebotspolitik sorgen wir auch dafür, dass unsere Kundinnen und Kunden beim Verkauf ihres gebrauchten Audi weiterhin gute Preise erzielen. Als die Bundesregierung den Umweltbonus vor einiger Zeit abrupt gestrichen hat, haben wir uns kurzfristig entschieden, einzuspringen. Für bereits bestellte Audi-Modelle übernehmen wir in diesem Jahr also den Anteil der Prämie, den die Politik bisher versprochen hatte.
AB: Im letzten Jahr kündigte Audi ein Elektroauto unterhalb des Q4 e-tron an. Bleibt es dabei?
Döllner: Dabei bleibt es. Wir werden mittelfristig ein zusätzliches elektrisches Fahrzeug im A-Segment bringen. Es ist ein tolles Einstiegsmodell.
AB: Audi steht für viele noch immer für "Vorsprung durch Technik". Andere Hersteller setzten auf unterschiedliche Alleinstellungsmerkmale für ihre E-Autos (Mercedes G-Klasse mit Tank-Turn, Hyundai Ioniq 5 N mit Verbrennergeräuschen). Was wird Audi tun, um künftig aufzufallen?
Döllner: In erster Linie wollen wir durch unsere Audi-Stärken auffallen – auch in der elektrischen Welt. Das beste Beispiel ist unser neuer Audi Q6 e-tron. Er setzt Maßstäbe in Sachen Effizienz, Reichweite und Laden und bietet gleichzeitig die Audi-typische Fahrdynamik. Das Gesamterlebnis macht den Unterschied. Zusätzlich setzen wir natürlich Akzente. Ich kann versprechen, dass wir auch in unseren neuen Modellen, die jetzt Schritt für Schritt auf die Straße kommen, mit Innovationen überraschen werden.
AB: E-Autos wie der Renault 5 oder VW ID.2 GTI bedienen sich beim Retro-Design. Zuletzt gab es als Einzelstück den Audi S1 Hoonitron. Wäre das Retro-Design in Serie bei Audi ebenso denkbar?
Döllner: Ein Design-Erbe zu haben, unterscheidet etablierte Hersteller von neuen Marken und Start-ups. Wir bei Audi sind stolz auf unsere Klassiker mit ihren markenprägenden Designs. Wir setzen langlebige Trends und nutzen unser Erbe gleichzeitig, um uns weiterzuentwickeln. Beim Audi-Design geht es uns darum, klassisch, zeitlos und dabei immer wieder klar, progressiv und mutig zu sein.
Mit dem neuen Design-Chef Massimo Frascella stellt das Unternehmen die Weichen für die kommenden Generationen von Audi-Modellen.
Bild: Audi
AB: Massimo Frascella wird neuer Chefdesigner von Audi. Sie haben an ihn den Anspruch, "Vorsprung durch Technik sichtbar und fühlbar" zu machen. Können Sie uns mit einem Detail verraten, wie dieser Anspruch ins künftige Design von Audi einfließen wird, woran denken Sie dabei konkret?
Döllner: Ich freue mich sehr, dass wir Massimo für Audi gewinnen konnten. Er hat in seiner Karriere schon echte Ikonen geschaffen. Dabei hat er sich nie mit dem Erreichten zufriedengegeben, sondern immer wieder neu und anders gedacht. Seine Maxime ist auf der einen Seite Klarheit und Präzision, auf der anderen Seite ein konsequenter Verzicht auf überflüssiges Dekor und modisch kurzlebige Elemente. Er ist der kreative Kopf, weshalb er die Antwort auf Ihre Frage bald selbst geben – oder vielmehr zeigen – wird. Ich bin sicher, dass er mit dem Designteam starke Impulse setzen wird.
AB: Endlich kommt der lang erwartete Audi Q6 e-tron auf den Markt. Konnten Sie kurz vor Toresschluss noch Einfluss auf die Abstimmung oder gar Entwicklung nehmen? Was haben Sie geändert?
Döllner: Ich habe es mir natürlich nicht nehmen lassen, den Q6 e-tron ausgiebig zu testen. Er ist in Sachen E-Mobilität wirklich ein riesiger Technologiefortschritt. Und ja, ich habe mich beim letzten Feinschliff einbringen können. Auf das Ergebnis können wir als Audi-Team stolz sein.