Audi Sport quattro S1: Fahrbericht
Dieser irre Audi zeigt, was der Marke heute fehlt

Audi sucht nach alter Stärke. Ein Sport quattro S1 aus der Loh Collection zeigt, was der Marke heute fehlt: Mut, Emotion und eine gehörige Portion Wahnsinn.
Bild: Fabian Hoberg
Ein Audi, der schon auf den ersten Blick deinen Puls beschleunigt, beim Anlassen dein Blut in Wallung bringt und beim Fahren den rechten Fuß zittern lässt vor lauter Freude? Weil der Nuvolari genau wie das Concept C noch nicht fertig sind und der letzte echte RS 6 wie der TT und der R8 dafür leider Geschichte, wird man so ein Auto beim Händler derzeit kaum finden.
Denn wer sich derzeit durch die Audi-Modellpalette klickt, der entdeckt lauwarme SUV, schnöde Elektro-Limousinen und halbgare Sportler, die zwar solide sind, aber niemandem mehr das Herz höherschlagen lassen. Statt beim Händler landet der geneigte Fan mit vier Ringen auf der Seele deshalb aus Sehnsucht schnell in der Vergangenheit.
In der Loh Collection steht gerade ein Auto im Mittelpunkt einer Sonderausstellung, das all die alten Audi-Tugenden stärker verkörpert als jedes andere. "Rallye-Legenden" heißt das Klassentreffen der Dreckskerle, und als Klassensprecher steht genau jener Audi Sport quattro S1 in der von außen einsehbaren Vitrine über dem Haupteingang, den sich PS-Gott Walter Röhrl zum Ende seiner Audi-Jahre von den Herren der Ringe erbeten hatte.

Breit, laut, kompromisslos: Der S1 machte Audi zur Rallye-Macht.
Bild: Fabian Hoberg
Oder besser stand. Denn hier und heute bekommt der Held noch einmal Auslauf, darf runter vom Podium und raus auf die Straße und vier Jahrzehnte nach seiner goldenen Zeit in der sogenannten Gruppe B beweisen, dass Vorsprung damals nicht nur eine Frage von Technik war, sondern auch eine gehörige Portion Wahnsinn brauchte.
Audi Sport quattro S1: Wer hier Platz nimmt, fügt sich
Als hätten sie ihn erst gestern abgestellt, springt der Wagen auf Anhieb an, hüstelt ein paar Ölwölkchen durch seinen mittig montierten Auspuff Marke "Ofenrohr" und giert nach Gas. Doch schon bevor der Fünfzylinder überhaupt richtig rund läuft, wird klar: Hier steigt man nicht als Fahrer ein, sondern höchstens als Gast, der geduldet wird.
Zwischen dem nackten Gitterrohr, an dem sich der Ellbogen sofort einen blauen Fleck holt, dem Schalensitz eng wie ein Schraubstock und den Hosenträgergurten, die dir auch noch das letzte Quäntchen Luft aus der Lunge quetschen, bleibt kein Raum für falsche Bescheidenheit. Wer hier Platz nimmt, verhandelt nicht. Er fügt sich.

Schalensitz, Hosenträgergurte, Gitterrohrrahmen: Im Cockpit des S1 herrscht Ausnahmezustand.
Bild: Fabian Hoberg
Und bevor überhaupt der erste Meter gefahren ist, hält einen etwas anderes fest: die Unterschrift auf dem Lenkradkranz, dünn, fast zerbrechlich hingekritzelt, genau dort, wo gleich die eigenen Hände liegen sollen. Walter Röhrl.
Dieser S1 ist nicht irgendeiner jener rund zwanzig gebauten Rallye-Quattros. Es ist der Wagen, den Röhrl sich 1987 zum Abschied bei Audi selbst ausgesucht hat, ein Geschenk von Ferdinand Piëch.
530 PS: zwischen Auto und Katapult
Also ist Handarbeit angesagt heute – und du hast mächtig was zu tun. Denn damit der S1 so wild fährt wie in unserem kollektiven PS-Gedächtnis auf ewig eingebrannt, braucht er reichlich Drehzahl.
Bis der Ladedruck kommt, passiert scheinbar nichts. Dann kommt er auf einen Schlag, und du merkst, wie jemand einen Schalter umlegt zwischen "Auto" und "Katapult". Gerne und gierig nimmt der Fünfzylinder das Angebot an. Und kaum klettert die Drehzahl, reißt er sich förmlich los, kein Warmwerden, kein Anschleichen, sondern ein einziger, roher Ausbruch aus 530 PS, der dir durch den Sitz und das Lenkrad direkt ins Zwerchfell fährt.

Der aufgeladene Fünfzylinder liefert seine Leistung nicht sanft, sondern wie ein Faustschlag.
Bild: Fabian Hoberg
Jeder Gangwechsel wirkt sich an wie eine Detonation im Antriebsstrang. Röhrl hat das als "Explosionen" beschrieben – und genau so fühlt es sich an. Der Audi beschleunigt nicht linear. Er greift dich an. Unter drei Sekunden auf 100 km/h, zehn Sekunden auf 200 – Zahlen, die selbst heute noch absurd sind, damals aber völlig jenseits jeder Vernunft lagen.
Das typische Audi-Fünfzylinder-Nageln vermischt sich mit dem Pfeifen des Laders, der die überschüssige Luft mit einem irren Zwitschern wieder loswird, fast wie ein mechanischer Kanarienvogel mit Tollwut.
Trotzdem oder gerade deshalb fährst du vorsichtig, fast unterwürfig. Ein Auto, das inzwischen Millionen wert ist und obendrein das Gesicht einer ganzen Ausstellung, verzeiht dir keinen Übermut.
Walter Röhrls Monster aus der Gruppe B
Aber selbst in einem Tempo, das dir den Atem raubt und einen Walter Röhrl wohl gähnen ließe, wird schnell klar, warum diese Baureihe zwischen 1982 und 1986 den Rallyesport auf den Kopf gestellt hat. Der Radstand des S1 ist gegenüber dem Serien-Quattro um über 30 Zentimeter gestutzt, die Karosserie ausgebeult wie Popeyes Matrosenshirt vor lauter Muskeln, vorn gibt's Scheinwerfer wie bei einem Hafenschlepper, und auf dem Heck thront ein Flügel, wie man ihn eher bei Airbus als bei Audi erwartet hätte.
Diese Kombination aus Leichtbau, Turboladung und permanentem Allradantrieb war es, die den Vierradantrieb überhaupt erst rennsporttauglich gemacht hat, jene Technik, auf der Audis gesamter Ruf bis heute fußt, so brüchig er derzeit auch wirkt.

Jeder Gasstoß erinnert daran, warum die Gruppe B bis heute legendär ist.
Bild: Fabian Hoberg
Möglich wurde dieser technische Overkill nur, weil die FIA damals mit der Gruppe B ein Reglement schuf, das seinesgleichen suchte: Für die Zulassung reichten 200 gebaute Straßenfahrzeuge, danach war den Konstrukteuren fast alles erlaubt.
Museumschef Friedhelm Loh hat für diese Ära eine eigene Formel gefunden: "Fahrer und Beifahrer glichen Dompteuren, die die wilden Rallyetiere mit Müh' und Not bändigten." Er nennt es "diesen Automobil gewordenen Wahnsinn", der sich bis heute fest in der Erinnerung verankert habe.
Fünf Jahre nur ließ die FIA diesem Wahnsinn freien Lauf, dann beendete sie ihn nach mehreren tödlichen Unfällen abrupt. Was blieb, war ein Mythos, größer als jedes einzelne Rennergebnis, und ein Fahrer, der über die Grenzen des Motorsports hinaus zur Ikone wurde: Röhrl gewann mit diesem Auto 1985 die Rallye Sanremo, und 1987 jagte er die Pikes-Peak-Version in 10:47,850 Minuten auf den damals noch unbefestigten Gipfel in Colorado.
Genau dieser Wahnsinn fehlt Audi heute
Auf dem Rückweg zum Museum, während der Allrad im Kies mal Grip findet und ihn im nächsten Moment gleich wieder verliert, während der Turbo noch einmal über den Westerwald pfeift und die Gummis dicke schwarze Spuren der Erinnerung in den Asphalt brennen, schließt sich der Kreis zum Ausgangsgedanken. Dieses Auto musste nie behaupten, wofür es steht. Es hat es einfach gemacht, mit jedem Meter, den es damals durch Wälder und über Alpenpässe jagte.

Dieser Audi verkörpert den Mut und den Wahnsinn, den viele Fans heute bei der Marke vermissen.
Bild: Fabian Hoberg
Genau das fehlt der Marke heute am meisten – nicht die Technik, die ist weiterhin da. Sondern der Mut, sie auch mal wehtun zu lassen. Und vielleicht auch ein bisschen Wahnsinn.
Der Nuvolari, mit seinem bulligen Achtzylinder-Biturbo neben den obligatorischen Elektromotoren, und der Concept C mit seinem puristischen Design senden zumindest ein Signal, dass sie sich in Ingolstadt wieder gefunden und vielleicht sogar gefangen haben. Aber ob daraus mehr wird als nur ein lauter Zwischenruf, wird erst die Zukunft zeigen.
Und solange die noch nicht zur Gegenwart geworden ist, genießen wir halt weiter die Vergangenheit.
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