Bosch: "Brake-by-Wire" ersetzt Hydraulik-Bremse im Auto
Bosch bringt neuartiges Bremssystem auf den Markt

Bild: JULIANREITH
Bosch kappt die mechanische Verbindung zwischen Mensch und Bremse: Noch in diesem Jahr wird der Zulieferer den ersten Autohersteller mit einem "Brake-by-Wire"-Bremssystem beliefern. Dann kommt das erste Auto auf den Markt, in dem es keine mechanische Verbindung mehr vom Fuß zur Bremsscheibe gibt. Diese Aufgabe übernimmt bei der Bosch-Innovation ein ferngesteuerter Bremsaktuator. Dabei handelt es sich um einen Impulsgeber, ähnlich einem Relais, der bei Aktivierung die Bremsbeläge per Hydraulik auf die rotierenden Bremsscheiben presst. Über ein Kabel (englisch "Wire") ist er elektrisch mit dem Pedal im Cockpit verbunden.

Beim Brake-by-Wire-System von Bosch bleibt der Hydraulik-Kreislauf erhalten, doch zwischen Bremspedal und -zylinder gibt es keine mechanische Verbindung mehr.
Bild: Bosch
Der Traditionshersteller hebt diverse Vorteile an diesem System hervor: So werde viel Bauraum eingespart, weil auf die direkte Verbindung verzichtet wird. Es entfällt die Eingangsstange, das ist die direkte Verbindung zwischen Bremszylinder und Pedal. Insgesamt bringt das Brake-by-Wire-System auch zu 25 Prozent Gewichtsersparnis gegenüber konventionellen Bremsanlagen. Leichtbau spielt insbesondere in Elektroautos, bei denen jedes reduzierte Gramm die Reichweite erhöht, eine Rolle.
Bremspedal rückt näher an den Fahrer
Der Unfallforscher Siegfried Brockmann sieht einen noch größeren Vorteil in verbesserter Ergonomie. "Sie können jetzt mit der Position im Cockpit 'spielen' – das Bremspedal lässt sich so viel näher zum Fahrer bringen", sagt er auf Anfrage von AUTO BILD. Bisher bestehe gerade bei kleineren Personen die Gefahr, dass sie zu nahe an Lenkrad und Armaturentafel heranrücken müssen, um Brems- und Gaspedal zu erreichen. Das erhöhe die Verletzungsgefahr bei einem Frontalaufprall. "Jetzt kann man das Bremspedal da hinstellen, wo man will."

Ein Bremsaktuator ist ein elektrischer Impulsgeber, der den Bremsbefehl des Fahrer an den Bremszylinder weiterleitet.
Bild: Bosch
Und wie ist es mit der Gefahr eines Defekts? Laut Bosch ist die Anlage "redundant" ausgelegt, die Leitungen und Steuergeräte sind also doppelt vorhanden. Auch den Aktuator, der den Bremsimpuls des Fahrers in das hydraulische System weiterleitet, gibt es jeweils zweimal: einer für die Brake-by-Wire-Technik und einer für das ESP. Was ist mit dem Restrisiko? "Wer vor dieser Technologie Angst hat, dürfte auch nicht mehr fliegen – Verkehrsflugzeuge sind schon seit Langem mit Wire-basierter Steuerung ausgestattet", sagt Siegfried Brockmann.
Typ-2-Ladekabel im Vergleich
Bosch sagt dazu: "Ein ausgeklügeltes Monitoring-Konzept zur Absicherung aller Pfade ist die Grundvoraussetzung, um ein By-Wire-System sicher betreiben zu können." Hier könne der Hersteller auf jahrelange Erfahrung mit der Integrated Power Brake aufsetzen, die als entkoppeltes System bereits viele dieser Anforderungen erfülle.
Und was passiert, wenn ein Stromausfall während der Fahrt das gesamte System zum Absturz bringt? Das ist gewiss sehr unwahrscheinlich, aber nicht völlig unmöglich. Bosch erklärt auf Nachfrage, dass die Redundanz das System gegen mechanische Schäden wie z. B. gekappte Kabel schützt. Im Fall eines Abbruchs der Energieversorgung verweist der Zulieferer auf den Fahrzeughersteller: "Für die Bereitstellung eines redundanten Bordnetzes ist der OEM verantwortlich", so ein Sprecher von Bosch gegenüber AUTO BILD.
Testfahrt im Nissan Ariya zum Polarkreis
Kürzlich hat Bosch eine 3300 Kilometer lange Testfahrt mit einem Prototyp, einem umgebauten Nissan Ariya, quer durch Europa mit dem System erfolgreich abgeschlossen. Die Langstreckenfahrt führte das Entwicklungsteam von Heilbronn über Hamburg, Kopenhagen und Stockholm. Mit einem kurzen Umweg zum Polarkreis erreichte der Nissan Leaf schließlich das Ziel im Bosch-Wintertestzentrum Vaitoudden in Nordschweden.
Bosch hatte für das Versuchsfahrzeug eigens eine Straßenzulassung in mehreren Ländern beantragt und erhalten, basierend auf einem umfangreichen Sicherheitskonzept. Der Zulieferer rechnet damit, im Herbst 2025 das System erstmals auszuliefern. Mehrere Hersteller sollen es bereits bestellt haben. Der Zulieferer will im Jahr 2030 bereits mehr als 5,5 Millionen Fahrzeuge weltweit mit Brake-by-Wire ausrüsten. Wer von der Testwagen-Marke auf einen potenziellen Industriepartner schließt, liegt übrigens daneben: Bosch dementiert, dass Nissan aktuell zu den Erstausrüstern gehört.
Bosch arbeitet übrigens bereits am nächsten Schritt: Ein elektromechanisches Brake-by-Wire-System könnte in naher Zukunft auch ohne Hydraulik funktionieren. Dann sitzt an jedem Rad ein Aktuator, der den elektrisch übermittelten Bremsbefehl direkt auf die Bremsscheibe überträgt. Ein ähnliches System hatte kürzlich ZF vorgestellt.
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