Ein Ford Escort für 175.000 Euro? Nein, das ist kein Fehler, und es wurde auch keine Null zu viel hinzugefügt. Dieser rote Escort soll umgerechnet tatsächlich 175.148 Euro (149.995 Britische Pfund) kosten. Aber was macht den über 25 Jahre alten Ford so besonders?
Hinweis
Ford Escort RS Cosworth im Neuzustand
Zunächst mal handelt es sich bei dem auf eBay angebotenen Ford nicht um irgendeinen Escort, sondern um das zwischen 1992 und 1996 nur 7145 Mal gebaute Sondermodell Escort RS Cosworth. Hinzu kommt, dass der Kompaktsportler zwar als Gebrauchtwagen inseriert ist, praktisch aber eher ein Neuwagen ist: Seit 1995 wurde der Cossie gerade mal 349 Kilometer (217 Meilen) bewegt!

Ablösung des Sierra Cosworth

Ende der 1980er-Jahre war der Ford Sierra Cosworth überholt. Etwas Neues musste her, um in der Rallye-WM ein Wörtchen mitzureden. Also stülpte Ford kurzerhand die Karosserie des Escort MK V auf die technische Basis des Sierra Cosworth, und fertig war das neue Rallye-Geschoss. Was hier jetzt so einfach klingt, erforderte natürlich eine mehrjährige Entwicklung.
eBay  Ford Escort RS Cosworth
Leider gibt es im Inserat keine Innenraumbilder. Beim angebotenen RS handelt es sich um die "Standard Edition" mit Fenstern zum Kurbeln.
Für die Homologation des Rallyefahrzeugs war damals eine Straßenversion nötig. Gesagt, getan – und so kam 1992 der Ford Escort RS Cosworth auf den Markt, der mit einem normalen Escort allerdings nur noch das Dach und ein paar kleinere Details gemein hat.
Dass es sich hierbei nicht um einen gewöhnlichen Escort handelt, dürften auch Laien sofort erkennen. Seien es die breit ausgestellten Kotflügel, die zusätzlichen Entlüftungsschlitze auf der Haube oder die Frontschürze mitsamt Nebelscheinwerfern und schwarzem Frontsplitter – alles an diesem Auto sieht ungefähr zehn Stufen sportlicher aus als beim normalen Escort.

Der riesige Heckflügel war obligatorisch für den RS

DAS Erkennungsmerkmal schlechthin sind aber weder die ausgestellten Kotflügel noch die von Ronal herstellten Fünfspeichenfelgen in 16 Zoll; sondern natürlich der gigantische Heckflügel.
eBay  Ford Escort RS Cosworth
Die Sahneseite: Das Heck des Ford Escort RS Cosworth ist geprägt vom XXL-Heckflügel. Ab 1995 konnte das Teil abbestellt werden.
In der Ford-Szene beliebt, kann der "Whale-Tail"-Flügel bei Unwissenden schon mal Verwirrung bis Gelächter auslösen. Doch der von Frank Stephenson (der später Fahrzeuge wie den McLaren P1 und den Maserati MC12 designte) erdachte Flügel gehört beim RS einfach dazu.

Das Sondermodell wurde nur 7145 Mal gebaut

Von den 7145 gebauten RS Cosworth gelten allerdings nur die ersten 2500 (bis Mai 1994) Fahrzeuge als Homologationsmodelle. Das liegt daran, dass der Escort RS Cosworth zum Modelljahr 1995 ein kleines Facelift erhielt, im Zuge dessen der Motor überarbeitet wurde. Außerdem war es fortan möglich, den riesigen Flügel abzubestellen.

Der Turbolader macht den Unterschied

Der größte Unterschied zwischen den frühen Homologationsmodellen und den späteren Autos betraf den Turbolader. Der zu Beginn verbaute Garrett-T3/T04-Lader lieferte zwar etwas mehr Leistung, hatte aber auch ein riesiges Turboloch vor 3500 U/min. Später wurde er gegen einen kleineren Garrett T25 getauscht, der die Fahrbarkeit deutlich verbesserte.
In allen Versionen des Escort RS Cosworth steckt der gleiche 2,0-Liter-Vierzylinder (Cosworth YBT), der in den ersten Modellen bis zu 227 PS und 304 Nm Drehmoment lieferte. Mit dem T25-Turbo soll die Leistung marginal auf 224 PS gesunken sein.
Dank des permanenten Allradantriebs mit 34-/66-Verteilung sprintete der handgeschaltete und nur 1275 Kilo leichte RS in 5,7 Sekunden auf 100 km/h – noch heute ein Topwert und ein Fabelzeit für das Jahr 1992. Als Topspeed gab Ford 232 km/h an, ohne den großen Flügel sollen sogar 237 km/h möglich gewesen sein.
eBay  Ford Escort RS Cosworth
Der Vierzylinder hat 1993 ccm Hubraum und leistet 224 PS. Von 0 auf 100 geht's in 5,7 Sekunden – auch im Jahr 2022 noch ein richtig guter Wert.

So schnell ist der vom Händler "KGF Classic Cars" bei eBay angebotene Ford Escort RS Cosworth in der Farbe "Radiant Red" vermutlich noch nie gefahren. Der Escort verließ die Karman-Fabrik in Rheine (NRW) im Oktober 1995, wurde jedoch erst am 1. August 1996 zugelassen. Damit gehört die seltene "Standard Edition" zu den letztgebauten RS Cosworth überhaupt. 

Gerade mal 349 Kilometer in über 25 Jahren

Leider fristete der RS Cosworth bis heute ein eher unspannendes Autoleben. Erstbesitzer war ein gewisser Graham Derek Goode, Vorsitzender von Goode Motors und mittlerweile ausgewiesener RS-Spezialist. Bis 2010 wurde der heiße Escort jedoch hauptsächlich zu Ausstellungszwecken genutzt und so gut wie gar nicht bewegt.
Auch der zweite Besitzer, ein Sammler, fuhr den Escort praktisch gar nicht. So ist es wenig verwunderlich, dass über 25 Jahre nach Erstzulassung gerade mal 349 Kilometer (217 Meilen) auf dem Tacho des rechtsgelenkten Escort stehen.

Der schnelle Ford soll über 175.000 Euro kosten

Jetzt soll der schnelle Ford verkauft werden, und das zu einem heftigen Preis. Aufgerufen werden umgerechnet 175.148 Euro (149.995 Britische Pfund) – das ist mehr als ein aktueller Porsche 911 (992) GT3 kostet.
Im Preis inklusive sind alle Unterlagen, alle Schlüssel sowie eine vollständig nachweisbare Historie. Falls der neue Besitzer mit dem Gedanken spielt, den Cossie zu fahren, sollte er einige Tausend Euro für eine komplette Motorrevision einplanen. Außerdem sollten auch die Reifen getauscht werden, denn der RS steht noch auf den originalen Pneus von 1995. 
Hinweis
Ford Escort RS Cosworth im Neuzustand
Die Frage nach einem Preisvergleich stellt sich bei diesem Auto übrigens gar nicht erst. Nicht nur wird es mit 99,9-prozentiger Wahrscheinlichkeit keinen zweiten Ford Escort RS Cosworth im Neuzustand geben; in Deutschland ist das Angebot des RS Cosworth praktisch nicht existent.
Ganz vereinzelt werden stark modifizierte Modelle zu Preisen zwischen 40.000 und 60.000 Euro angeboten, wovon die wenigsten in Deutschland zum Verkauf stehen. Vor diesem Hintergrund mögen 175.000 Euro für einen Ford Escort zwar unfassbar viel erscheinen – aber für Sammler ist das eine einmalige Chance!