Wäre so ein "Dauerlutscher" (Tester-Jargon) ein Mensch, würden seine Arbeitsbedingungen wohl die Gewerkschaft auf den Plan rufen: 101.661 Kilometer in nur eineinhalb Jahren, in zwei Salzwintern immer unterwegs, ständig strapaziöse Stadt- und Autobahnfahrten, kaum schonender Landstraßeneinsatz, gehetzte Reisen zum Flughafen, 30 verschiedene Fahrer, zwei Ausflüge in hartes Gelände, obwohl Ford den Kuga nicht als Geländegänger verkauft. Was er auch tatsächlich nicht ist, aber dazu später. Unser Dauertest beginnt holprig: Die dünne, spröde Plastikverkleidung der Fahrzeugunterseite – von einem Unterfahrschutz sprechen wir lieber nicht – ist nach dem ersten Geländeeinsatz zerbrochen, Ersatz kostet aber nur 26 Euro.
Ford Kuga 2.0 TDCI 4x4
Das versteckte Motorraumschloss war im strengen Winter 2010 zugefroren – für die Kontrolle der Betriebsflüssigkeiten ein Problem.
Die Motorhaube ist aus Gründen des Fußgängerschutzes sehr weich, wackelt ab 130 km/h bedenklich und lässt sich offenbar nicht wackelfrei einstellen. Zwei Dinge spalten die Tester-Crew: Zum einen die hohe, raumgreifende Mittelkonsole – die einen mögen das Cockpit-Gefühl, die anderen fühlen sich zugebaut. Noch kontroverser: das Fahrwerk. Den einen ist die Abstimmung von Federung und Dämpfung schlicht zu hart, die Kollegen unserer Schwesterzeitschrift AUTO BILD SPORTSCARS dagegen loben die sportive Direktheit des Handlings, was auch die Lenkung einschließt. Grundsätzlich sind agile Fahrwerke eine ausgesprochene Spezialität von Ford, spätestens seit dem ersten Focus. Die Radio-Bedienung birgt so ihre Geheimnisse.Die Sender verstellen sich immer wieder, ohne dass man das Infotainmentsystem darum gebeten hätte. Ein Fußmattenhalter im Fahrerfußraum bricht – ein Detail, leider sicherheitsrelevant. Weitere Kleinigkeiten wissen zu nerven, etwa der nur mit Übung ohne Überschwappen befüllbare Tank oder die penetrant helle Bodenfrost-Warnanzeige (unnötig, die gut im Blickfeld liegende Außentemperaturanzeige reicht) oder die Motorhaube, die nur mittels Schlüssel zu öffnen ist. Das Schloss sitzt hinter der drehbaren Ford-Pflaume. Es gibt keine Gasdruckheber für die Motorhaube, nur einen Stab. Da wir die Betriebsflüssigkeiten oft und gewissenhaft kontrollieren, fällt die Umständlichkeit der ganzen Prozedur auf. Redaktionskollege Ben Arnold: "Eine Zumutung!"
Ford Kuga 2.0 TDCI 4x4
In der zweiten Hälfte des Tests findet sich mit Ausnahme der klappernden Laderaumabdeckung nur Lob im Fahrtenbuch.
Obendrein kann sich das Ford-Logo beim Zuknallen der Motorhaube unter selbiger verkeilen. Überhaupt sind Deckel so ein Thema beim Kuga: Der Tank hat keinen, was wir bei einem Auto mit Schlechtwege-Anspruch für gewagt halten. Der Öleinfülldeckel besteht aus Plastik. Ein Kollege, der ganz sichergehen will, überdreht ihn so hoffnungslos, dass die Werkstatt ranmuss. Die Seitenverkleidung der Fahrertür löst sich ab. Die Werkstatt schafft es beim zweiten Versuch, sie dauerhaft anzuklipsen. Bei der 40.000-km-Inspektion rupft unsere örtliche Werkstatt (Fiegl, Schwabach) drei Teile heraus, was die Rechnung auf 1150 Euro hochtürmt. Die Ölwanne habe angeblich einen Riss, der Ladeluftschlauch einen Marderschaden, der Kühlwasserausgleichsbehälter ein Leck.
Der Ford-Zentrale in Köln erscheinen diese Befunde derart suspekt, dass sie die ausgebauten Teile von einem Spezialbetrieb in Schweden (!) untersuchen lässt. Ergebnis: Zwei der drei ausgebauten Teile (Ölwanne und Ausgleichsbehälter) sind in Ordnung, hätten so weiterverwendet werden können. Die Werkstatt spricht von einer "Vorsichtsmaßnahme" eines Meisters, der als Urlaubsvertretung im Hause gearbeitet habe. Man fragt sich, wie viele Privatkunden wegen solcher "Vorsichtsmaßnahmen" schon ihren Urlaub streichen durften. Wir wechseln nach diesem Vorfall die Werkstatt. Nachdem wir den Kuga bei einem Offroadfahrkurs am Nürburgring als Geländetaxi missbraucht haben, kommen bei km-Stand 51.000 Brummgeräusche aus Richtung Hinterachse – Reparatur bei Ford Besico in Zirndorf bei Fürth.Deren Werkstattmeister vermutet, dass sich bei einer Wasserdurchfahrt eingedrungener Schlamm in das ungeschützte Radlager gearbeitet und selbiges zerstört hat. Nur: Ein Auto, dessen Hersteller 45 cm Wattiefe angibt, sollte das aushalten. Ergo: Einen Jäger etwa, der mit dem Kuga liebäugelt, würden wir auf das Problem hinweisen. Obwohl die Werkstatt schwört, dass sie die Radlager noch bei keinem anderen Kuga wechseln musste. Im zweiten Winter zeigt die Heckkamera zuerst geradezu kunstgewerblich verschobene Bilder im Stile Picassos, es folgt die an Georg Baselitz' Werken orientierte Schaffensphase mit auf dem Kopf stehenden Bildern, am Schluss hängt sich das Kamerasystem gänzlich auf. Die Kamera (138 Euro, plus rund 80 Euro Aus- und Einbau) stammt von Panasonic, Lieferzeit mehr als ein Monat.

Solider, als er wirkt

Ford Kuga 2.0 TDCI 4x4
Langstrecken liegen dem Kuga besonders. Dabei nicht unwichtig: die Sitze finden meist Lob – außer bei großen Fahrern.
In der zweiten Hälfte des 100.000-Kilometer-Tests findet sich mit Ausnahme der beharrlich klappernden Laderaumabdeckung nur Lob im Fahrtenbuch. Langstrecken liegen dem Kuga halt mehr als Gelände. Unser Textchef Torge Eßer lobt: "Leiser Motor, ausgezeichnete Sitzposition." Die Sitze finden meist Lob, mit Ausnahme der wenig spürbaren Lordosenstütze und der zu kurzen Sitzschienen – in die Empfehlungsliste des "Forums langer Menschen e. V." wird es der Kuga damit wohl nicht schaffen. Am Testende sieht der Kuga innen arg gebraucht aus: Die Teppiche lösen sich aus dem Fußraum und geben den Blick frei auf Kabel und Dämm-Material: All dies wird dem Testwagenpreis von immerhin 38.000 Euro nicht gerecht.Der Ford verkauft sich optisch unnötig schlecht, denn mechanisch ist er solide: Der Turbodiesel zieht wie am ersten Tag, Schaltung (von Getrag) und Sitze sind knackig geblieben, keine Zicken von den üblichen Verdächtigen Turbolader und Elektronik. Ebenfalls kein Thema bis jetzt: der Rost, trotz zweier strenger Winter mit viel Salz. Untenherum sieht das Auto fast wie neu aus. Für den Kuga interessierten sich stets Käufer, die ihn halt optisch flotter finden als Tiguan oder RAV4. Dieser Dauertest liefert keinen nennenswerten Grund, ihnen vom Kauf abzuraten.

Von

Rolf Klein