Hyundai Ioniq 5 N im Test
Wie der Hyundai Ioniq 5 N seine Gegner überholt

Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Der größte Feind eines Sportwagens? Klar, das Gewicht. Der größte Feind eines mächtigen SUV? Hm, das sind wohl Kurven. Und der größte Feind aller Petrolheads? Wir würden sagen: alles, was elektrisch herumsaust. Tja, da hat der Hyundai Ioniq 5 N wohl ziemlich maue Karten. Ein über zwei Tonnen schweres Trumm soll dank 650 Elektro-PS und stelzenhafter Bodenhaltung auf einem Rundkurs bestehen … Kann ja lustig werden.
Spoiler: Ist tatsächlich lustig. Allein weil das richtige Rüstzeug im dicken N drinsteckt. Denn Hyundai hat nicht nur einfach einen Ioniq 5 mit mächtigem Motor und gigantischen Alurädern zum Boulevardrenner umgestrickt. Die Entwickler haben sich beim Projekt N ins Zeug gelegt wie selten eine Entwicklungsabteilung zuvor. Entsprechend schnell kommt das Ergebnis auf die Straße. Im ersten Test dröseln wir sein Innenleben, seinen Charakter und natürlich sein Können auf der Rennstrecke auf.

Spielhalle: überladenes Lenkrad, viele (Antriebs-)Menüs im Berührbildschirm.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Denn da gehört er angeblich (auch) hin, sagt Hyundai. Entsprechend stolz deuten die Koreaner das N im Beinamen auch zu "Nürburgring" um.
Wir machen ein C draus. Denn wir testen auf einem Handlingkurs der Testanlage Contidrom bei Hannover. Obwohl Physik (wir erinnern uns: 2,2 Tonnen Gewicht) und Antriebskonzept per Batterie auf lahme Schneckenrunden deuten – der Ioniq hat geliefert. Wir nehmen vorweg: Seine Rundenzeit liegt zwischen einem Porsche (Cayman GTS) und einem Mercedes (AMG C 63). Das sind gute Zeiten, das ist eine hervorragende Leistung – Glückwunsch an Hyundais N-Abteilung.
Fahrzeugdaten | Hyundai Ioniq 5 N |
|---|---|
Motor Bauart vorn | Synchronelektromotor |
Leistung vorn | 175 kW (238 PS) |
Motor Bauart hinten | Synchronelektromotor |
Leistung hinten | 303 kW (412 PS) |
Drehmoment vorn/hinten/gesamt | 370/400/770 Nm |
Spitzenleistung gesamt | 478 kW (650 PS) |
Dauerleistung gesamt | 159 kW (218 PS) |
Batteriekapazität nutzbar | 84 kWh |
Ladeleistung AC/DC | 11/240 kW |
Ladezeit 10-80 % (DC) | 18 Minuten |
Getriebe | Einganggetriebe |
Antriebsart | Allradantrieb |
Maße L / B / H | 4715 / 1940-2155** / 1585 mm |
Kofferraumvolumen | 480-1540 l |
Normverbrauch | 21,2 kWh/100 km |
Reichweite | 448 km |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 74.900 € |
Wir waren zudem erstaunt, wie er das macht. Klar, zuallererst stürzen sich im besten Fall 650 PS beziehungsweise hochgradig elektrisierte 770 Newtonmeter Drehmoment auf den Asphalt. Der beste Fall ist übrigens ein besonderer Fall des 5ers. Weil er diese maximale Leistung nur im schärfsten Fahrprogramm für eine kurze Zeit bereitstellt, außerdem anhaltenden Leistungskick erst nach einer Konditionierungsprozedur seiner Akkus liefert.

Stützend: N-Sportsitze mit strammem Halt.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Heißt in der Praxis: Wir stehen an der Zufahrtschranke und warten den rund zehnminütigen Prozess mit zurückgestellten Sitzlehnen ab. Das kann man mit Augenzwinkern hinnehmen oder traurig finden: In der Zeit seiner Warmlaufphase rasen TT und Cayman gleich mehrmals über die Start-Ziel-Linie.
Unter 8 Sekunden von 100 auf Tempo 200
Erst einmal angewärmt, geht dafür die Post besonders bestialisch ab. Der Spurtwert von Tempo 100 auf 200 km/h belegt: In unter acht Sekunden stürmt der babyblaue Bolide durch die Messreihe – so wuchtig hämmert kaum ein anderes Modell aus schnellen Kurven heraus und zoomt sich atemberaubend nachdrücklich an den nächsten Bremspunkt heran.

Stählern: 400-mm-Scheiben (v.), Monoblock-Sättel – gut für 32 Meter.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Noch etwas hilft dem Ioniq 5 N, seine Pfunde in Luft aufzulösen. Er verbeißt sich dank klebriger, griffiger und haltbarer Pirelli P Zero Corsa HN-Reifen (optional!) unerwartet innig mit der Straße. Dazu passen Gewichtsverteilung und tiefer Schwerpunkt. Statt stumpf in untersteuerndes Ödland zu schieben, baut er in der Folge enorme Seitenführung auf, legt sich sogar mitdrehend aktiv um den Scheitelpunkt herum. Auch ankert der Hyundai am Ende treffsicher und effektiv – 32,2 Meter sind hier auch dank gigantischer Stahlscheiben mit 400 Millimeter Durchmesser und knüppelfester Monoblock-Sättel ein Wort.
260 km/h Topspeed auf der Autobahn
Gut so, denn in der schnellsten Passage unserer Prüfstrecke erreicht das Auto immerhin 221 km/h. In diesem Tempobereich tummeln sich sonst zehnzylindrige Supersportler. An dieser Stelle: Bis zu 260 km/h schnell wird der aerodynamisch auf zusätzliche Radlast getrimmte Ioniq auf der Autobahn.

Klebrig: Pirelli P-Zero ab Werk, optional als HN-Version, halten den Ioniq N stabil auf der Bahn.
Bild: Christoph Börries / AUTO BILD
Allerdings: Zu lange darf die Suche nach der Bestzeit auf Rennstrecken nicht dauern. Nach knapp sechs Runden Conti-Kurs – insgesamt also keine 25 Kilometer – baut der immense Grip der Laufflächen im Hitzestress ab, die Bremse verliert (im Pedalgefühl) das Vertrauen in sich selbst, das trotz komplexer Temperatur-Therapie schwer schwitzende Akkupaket mag keine volle Leistung mehr in die Kupferwicklungen schicken. Trost: Nach kurzer Lade- und Kühlpause ist der Ioniq wieder voll auf dem Damm, Reifen und Bremsen stecken die Tortur unbeschadet weg, der Wagen ruft unter passender Konditionierung erneut starke Werte auf.
Auch der Eco-Modus des Ioniq 5 N überzeugt
Das, was Fahrprogramme und Abstimmungsmenüs sonst noch an Fülle und Komplexität hergeben, will erlernt und durchprobiert werden. Unabhängig von Klang- und (simulierten) Getriebe-Schaltprogrammen arbeiten ein auf Rennstrecken optimierbares ESC, eine elfstufige Traktions-"Balance", das geregelte Hinterachsdifferenzial eLSD, eine Launch Control oder auch eine Funktion für saubere Drifts mit.
Nur der Vollständigkeit halber: tatsächlich liebt es der Ioniq 5 N auch, im Eco-Modus durch den Alltag zu huschen. Dann saust das Crossover ohne Geräusch- Versorgung (die übrigens erheiternde und vielfältige Tonlagen kennt), mit gehemmter Leistung und vor allem passabler Reichweite (aus auf Rundstrecken kastrierten knapp 50 Kilometern werden dann WLTP-ähnliche rund 400 Kilometer). Die 800-Volt-Technik erlaubt darüber hinaus schnelle Lademanöver mit bis zu 240 kW DC-Leistung, in 18 Minuten füllt der N dann seine Akkus von 10 auf 80 Prozent. Von wegen Feind – wir schließen den schrillen N sofort als Freund in unser Herz.
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