Es hatte was von einem Befreiungsschlag, als Ola Källenius mit großem Spektakel die neue S-Klasse enthüllte. Und man sollte ihn bis nach China hören. Denn längst kommen die wichtigsten Wettbewerber für die meistverkaufte Luxuslimousine der Welt nicht mehr aus München oder Ingolstadt, sondern aus dem Reich der Mitte – und sind ausgerechnet dort, auf dem größten Luxusmarkt der Welt, mittlerweile sogar erfolgreicher.

Maextro S800: Luxus zum Kampfpreis

Buchstäblich leuchtendes Beispiel dafür ist der Maextro S800, den Elektronik-Gigant Huawei im Sommer 2025 gemeinsam mit dem eher unbekannten Autobauer JAC auf die Räder gestellt hat – eine mit illuminierten Möchtegern-Edelstein-Applikationen, Scheinwerfern voller Sternenstaub und Zweifarblackierung schillernde Luxuslimousine von kolossalen 5,48 Meter Länge. Selbst für den Geschmack geltungssüchtiger Bentley- oder Rolls-Royce-Kunden mögen Glanz und Gloria etwas dick aufgetragen sein, erst recht im Vergleich zu Mercedes oder Maybach.
Doch den Chinesen gefällt's: Nach nicht einmal einem halben Jahr waren bereits 10.000 Limousinen ausgeliefert. Im Dezember verkaufte Huawei in China mehr S800 als Audi, BMW, Mercedes, Maybach und Porsche von ihren Flaggschiffen zusammen. Und das liegt sicher nicht nur am Preis, der bei umgerechnet 86.000 Euro beginnt und selbst mit 124.000 Euro für die Topversion im Vergleich zur westlichen Elite fast schon günstig wirkt.
Maextro S800
Autor Thomas Geiger war bei der Testfahrt begeistert. Egal ob in der ersten oder der zweiten Reihe.
Bild: T. Geiger
Und dabei haben die Chinesen nicht gespart – im Gegenteil. Wer mit einer einfachen Handbewegung die elektrischen Fondtüren öffnet, blickt in eine Lounge aus Lack und Leder, die bei 3,37 Meter Radstand mehr Platz bietet als manche First-Class-Kabine im Langstreckenjet. Zwei klimatisierte Massagesessel laden zum Reisen ein, der rechte versenkt auf Knopfdruck sogar den Beifahrersitz fast bis ins Handschuhfach und verwandelt sich in einen fahrenden Futon.

Hightech statt Hubraum

Wer seinen Reichtum mehren will, findet neben permanenter Online-Verbindung Klapptische in der Mittelkonsole. Klimatisierte Fächer halten den Lunch warm und den Champagner kühl. Und wenn die Arbeit erledigt ist, fährt dort, wo andere Limousinen eine Trennscheibe haben, eine 40-Zoll-Leinwand aus dem Dach und verwandelt den Fond in ein Kino. Doch selbst Streaming braucht es kaum, denn Huawei liefert mit einem LED-Himmel programmierte Sternbilder und Sternschnuppen gleich mit.
Maextro S800
In der zweiten Reihe fährt man besser: Der Fond ist eine Luxus-Lounge zum Liegen.
Bild: T. Geiger
So stattlich die Limousine auftritt und so üppig sie ausgestattet ist, so bescheiden wirkt der Antrieb. Zwei Elektromotoren mit 530 oder drei mit 863 PS sind zwar alles andere als schwach, ebenso wenig der 97-kWh-Akku mit bis zu 700 Kilometern Reichweite und Ladeleistungen von fast 400 kW. Doch in einer Zeit, in der ein Lucid Air mit 1.251 oder ein Porsche Taycan mit 1108 PS lockt, ist das eher gehobenes Mittelmaß.
Gleiches gilt für den Sprint in 4,6 Sekunden auf Tempo 100 oder 240 km/h Höchstgeschwindigkeit. Und so beruhigend ein Range Extender auch ist, der die Batterie zwar auf 65 kWh schrumpfen lässt, die Reichweite dafür aber auf mehr als 1.300 Kilometer steigert – in einer Luxuslimousine möchte man eigentlich keinen Vierzylinder hören, selbst wenn er nur als Generator arbeitet.

Die wahre Stärke steckt in der Software

Dennoch ist das Fahren im S800 alles andere als reizlos. Zum einen, weil perfekte Geräuschdämmung und eine präzise Luftfederung die Insassen wie auf Wolken betten und die besonders agile Hinterachslenkung den Koloss überraschend handlich macht. Zum anderen, weil Huawei statt auf Hubraum und Höchstleistung auf Hightech setzt.
Maextro S800
Der S 800 fährt rein elektrisch oder als PHEV.
Bild: T. Geiger
Mit seinem Softwaresystem fährt der S800 auf vielen Strecken nahezu autonom: Er hält die Spur, wechselt selbstständig die Fahrbahn, meistert Kreuzungen und Kreisverkehre und biegt sogar eigenständig links durch den Gegenverkehr ab, während der Fahrer die Hände vom Lenkrad nehmen darf.
Aus der Verantwortung wird er zwar nicht entlassen, lesen oder schlafen darf er ebenfalls nicht. Doch selten war der Stadtverkehr in Peking entspannter. Und als würde der Prunkwagen dort nicht ohnehin schon genug Aufmerksamkeit erregen, wird er im Stau oder auf Parkplätzen mit seinem seitlichen „Krebsgang“ auch noch zum Social-Media-Star.

Fazit

Er bietet mehr Prunk und Prestige als die europäische Elite, hält bei Ambiente und Ausstattung locker mit, besitzt die smartere Elektronik und die besseren Assistenzsysteme – und ist obendrein deutlich günstiger. So wird der Maextro S800 nicht nur zum Angstgegner der frisch gelifteten Mercedes S-Klasse, sondern vielleicht sogar zu ihrem Vorbild. Nur in einem Punkt haben sich die Newcomer den etablierten Regeln gebeugt: Während sie sonst mit sprichwörtlicher China-Speed entwickeln und neue Modelle in nur zwei Jahren auf den Markt bringen, ließen sie sich für den S800 fast biblische fünf Jahre Zeit. Mit Blick auf das Ergebnis war das offenbar gut investierte Zeit.