Das Image der Mercedes B-Klasse war, freundlich formuliert, bisher nicht das beste. Die betuliche Kiste mit tuckerndem CDI unter der Haube hatte den erotischen Reiz von Stützstrümpfen (die in Beige). "Wer B fährt, fährt 40", lautete das landläufige Motto. Apropos alt und vergesslich: Dieses Image können Sie getrost vergessen. Denn beim neuen B sagen wir: Ahhhh, geht doch! Ein B 200 d gehört jetzt zu den modernsten Kompaktvans. Er kann auch eilig – und sogar Spaß bringen! Wie er sich im Vergleich zum BMW 218d Active Tourer fährt? Klären wir!
Assistenzsysteme und MBUX machen die B-Klasse teuer
Video: Mercedes B-Klasse (2018)
Neue B-Klasse: erste Fahrt!
Erst mal die Eckdaten: Die neue B-Klasse kostet als 200er-Diesel ab 35.932 Euro. Die Automatik fordert dabei keinen Zuschlag. Der für unseren Test mit Allradantrieb und Automatik bestückte Active Tourer mit 18d-Maschine (150 PS stark) kostet bei BMW ab 37.300 Euro. BMW teurer – verkehrte Welt? Der Preisvorteil für Mercedes kippt, sobald wir die Testwagenausstattung und die Betriebskosten hinzurechnen. Der mit reichlich Extras bestückte Mercedes kommt auf über 3000 Euro mehr. Das aus der A-Klasse bekannte MBUX-Bediensystem sowie die neuesten Fahr- und Sicherheitsassistenten baut Mercedes natürlich ebenfalls nicht gratis ein. Rund 12.500 Euro für das ganze Programm – aua! Dafür ist es extrem umfangreich, vielseitig und auf allerneuestem Stand: Navi inklusive "echter" Abbildung der Abbiegesituation und eine sehr gehorsame Sprachsteuerung stecken drin. Schade: Hat der Fahrer die Hand "korrekt" am Steuer, verschwindet im schlimmsten Fall fast die Hälfte des Hauptdisplays hinter der Faust. Ein Bedien-Fauxpas.
Das bessere Fahrerauto ist eindeutig der Benz
Gut abgestimmt: Die neue B-Klasse ist überraschend dynamisch und federt sorgfältig.
Der 2er hat weder so eine ausgeklügelte Sprachsteuerung noch die praktische 360-Grad-Kamera. Außerdem kann der BMW keine App für Samsung und Co. bieten. Doch was bleibt eigentlich, wenn man 2er und B-Klasse nicht mit dem großen Multimedia-Besteck bestückt? Immer noch ein jeweils ziemlich praktisches Auto. Der Active Tourer schluckt mindestens 468 Liter Ladung. Die Fondbank fährt mechanisch entriegelt vor und zurück, und an allen drei Lehnenteilen sind Neigungsversteller eingebaut. Allerdings ist der Raum für Fondpassagiere eingeschränkt. Die tiefe Ladekante erleichtert den Umgang mit Gepäck, Getränkekisten beispielsweise lassen sich leicht einladen. Gegen Aufpreis klappen zudem die Lehnen elektrisch (vom Kofferraum aus) entriegelt nach vorn. Die B-Klasse ist im gesamten Innenraum ein messbares Stück lockerer geschnitten, kann dafür nicht ganz so viel schleppen. Weniger Zuladung, nicht ganz so variabel – Baumarktbesuche schafft sie also kaum so erfolgreich wie der BMW.
Für beide Autos gilt: (Noch) bessere Sitze könnten nicht schaden. Im B 200 sollten die Vordersitzlehnen stabiler stützen, im 218d die Flächen breiter ausfallen. Wer nicht so sehr auf Stippvisiten bei OBI und Co steht: Der Mercedes bereitet auch ohne Zement im Heckabteil Freude. Er federt sorgfältig, schmeißt sich unerwartet willig in Kurven, lenkt verbindlich und einigermaßen gefühlsecht ein und rennt dem BMW sowohl im Sprint als auch insgesamt davon.
Der BMW lenkt für unseren Geschmack viel zu nervös
Video: BMW 2er Active Tourer (2021)
Familien-Van kommt neu
Auch subjektiv vermittelt der 2.0er im Mercedes ein stärkeres Gefühl. Dabei hat er sogar noch einen geringeren Durst. Er kommt mit 0,3 Liter Diesel weniger aus als der 2er. Dem BMW bescheinigen wir auf schlechten Straßen einen zu nervösen Aufbau und unnötig viel Hektik rund um Richtungswechsel. Schon auf kleinste Korrekturen hin wirft er sich übereifrig um die Ecke, das passt nicht zum sonst eher universell abgestimmten Fahrwerk. Beide Autos meistern Ausweichversuche beherrschbar und sicher. Bremsen? Ebenfalls Beststand auf beiden Seiten. Der Mercedes erschreckt bei rabiaten Rettungsmanövern mit einem simulierten Unfallgeräusch und barsch zuckenden Sicherheitsgurten (eine absichtlich eingebaute Warnmaßnahme) – sonst gibt's definitiv nichts in puncto Fahrsicherheit zu mäkeln.
Wir fassen zusammen: B ist verbindlicher im Fahrbetrieb, minimal weniger vielseitig, schneller, bietet mehr Technik für mehr Geld – das reicht, auch um kräftig das Image zu polieren. Seniorenkiste? Von wegen, Siegerkarre!
Wer spitz rechnet, macht besser einen Bogen um den B 200 d. Ansonsten: ein angenehm rundes Auto, absolut modernes Multimediasystem, sehr fahrsicher. Da kann BMW mit dem Active Tourer nur hinten anstehen.