Mini Cooper S: Test
Kleiner Wagen, große Emotionen: Mit dem Cooper zum Ice Race

Bild: BMW AG
Lange Etappen unter harten Bedingungen. 60 Jahre ist es her, als Paddy Hopkirk im Januar 1964 erstmals im Mini Cooper S die Rallye Monte Carlo gewann. Ein Erfolg, an den Timo Mäkinen und Rauno Aaltonen 1965 und 1967 souverän anknüpften. Dass sie gegen die übermächtige Konkurrenz im kleinen Engländer eigentlich chancenlos waren, ignorierten sie, brillierten stattdessen mit einer fast fehlerfreien Show. In der "Nacht der langen Messer" erreichte der Ire Hopkirk das Ziel mit nur 17 Sekunden Rückstand auf Bo Ljungfeldt im überlegenen Ford Falcon V8. Was ihm half, war die Handicap- Formel, die Gewichts- und Leistungsunterschiede ausgleichen sollte. Das Ergebnis wurde ein wichtiges Stück Rallyegeschichte und der perfekt aufs Automobil übertragene Kampf zwischen David und Goliath. Im Januar 2024 wollen wir die Emotionen von damals einfangen. Im originalgetreuen Nachbau-Mini führt uns die Route diesmal von München durch die Berge nach Zell am See im österreichischen Land Salzburg.
Oder doch nicht? Die kleine Sitzschale sieht aus wie aus dem Kinderkarussell, die eng zusammenstehenden Pedale wecken den nur selten aufkeimenden Wunsch nach Ballettschuhen. Die Beine umfassen das Lenkrad, nur die Arme fühlen sich plötzlich nutzlos an. Das kann ja lustig werden. Das Lenkrad auf der rechten Seite stellt bei dieser Fahrzeuggröße keine nennenswerte Herausforderung dar. Schade nur, dass die Schalter für Wischer, Fernlicht und mehr in der linken Tür stecken. Florian von BMW Classic grinst nur und erklärt, dass der Beifahrer so unterstützen kann. Die wichtigsten Schalter fänden sich selbstverständlich auch unter den gefühlt 34 notdürftig beschrifteten Kipphebeln im breit gedehnten Armaturenbrett wieder. Immerhin.
Die Tücken des kleinen Briten
Zum ersten Probelauf muss der Choke raus und das 1,3-Liter-Austin-Motörchen bei konstant 3000 Touren gehalten werden. Und das vor dem Hintergrund, dass einem bereits bei den rund 2000 Touren Leerlaufdrehzahl die Ohren abfallen. Also nichts wie los. Die vier synchronisierten Gänge wollen mit Nachdruck in die Gassen gezwungen werden.
Eine nennenswerte Federung, schon in Serienmodellen des Ur-Mini ein schwieriges Thema, findet nicht statt. 30 km/h fühlen sich an wie 120. Ach nee, das sind ja Meilen. Doch die Tachonadel ist eh von der hibbeligen Truppe, tanzt überdreht auf der ganzen Skala und gibt so nur grobe Peilwerte preis. Nach nicht mal einer Stunde hat sich das Problem erledigt, erschöpft von so viel Bewegung, hopst sie von der Welle und macht es sich auf dem Boden des Kombiinstruments bequem.

Kultiger Arbeitsplatz: Tripmaster links, Tacho mittig, unzählige Knöpfe rechts – das Cockpit des Cooper.
Bild: BMW AG
Betriebstemperatur erreicht bei dem antiken Wildfang leider nur der Motor, der kleine Innenraum bleibt dank früh öffnendem Thermostat knapp über der Frostgrenze. Immerhin halten die hohen Bedienkräfte warm. Schon jetzt ist klar: Es gibt Autos, bei denen man sich mehr auf 500 bevorstehende Kilometer freut als im Mini. Dafür vermittelt der mit seinem ungefilterten Fahrverhalten ein Gefühl dafür, was die Männer um Paddy Hopkirk damals leisten mussten.
Ist man gerade nicht in Gedanken an die Vergangenheit oder mit dem Rühren im Getriebe beschäftigt, kann man die linke Hand eigentlich nonstop hochhalten. Wo wir auch auftauchen, die Menschen bleiben stehen, machen Fotos, sind entzückt. Ein größerer Sympathieträger als der klassische Mini ist neben Käfer und Fiat 500 kaum vorstellbar.

Zäher Schreihals: Der 1,3-Liter-Vierzylinder braucht Drehzahl, bevor er seine 90 PS rauslässt.
Bild: BMW AG
Das sehen auch die Kumpels James und Ferg so, die mit ihrem angezählten MGB GT ebenso nach Zell reisen und uns vom Straßenrand heranwinken. Also schnell den Anker werfen, mit dem alten Engländer brauchen die beiden bestimmt Hilfe. Doch weit gefehlt. Die beiden Londoner machen den 2700-Kilometer-Trip entspannt übers verlängerte Wochenende und sind allerbester Dinge. Probleme? "No!", wehrt James entschieden ab. "It's an English car!" Britischer Humor hat eine ganz eigene Qualität. Nachdem wir ihnen klargemacht haben, warum unser Mini zum englischen Kennzeichen auch noch eines aus München trägt und dass uns der Auspuff nicht abgefallen ist, sondern das so sein soll, röhren wir weiter.
Fahrt in die Historie
An steilen Anstiegen will die kleine Fräse bei Laune gehalten werden. Damit auch nur im Entferntesten etwas von den versprochenen 90 PS zu spüren ist, braucht es Drehzahl. Nicht weniger als 3000, sonst kommt nichts, nicht mehr als 5000, das haben sie sich bei BMW von uns gewünscht. Während dem kleinen Engländer mit jedem Höhenmeter mehr die Luft ausgeht, treffen wir in Bayrischzell (802 Meter) auf einen, der noch lange nicht schlappmacht. Bei Foto Huber bedient der Chef, Willi Huber, selbst. Und das seit über 70 Jahren! Huber, der in ein paar Tagen seinen 90. Geburtstag feiert, hat schon zu Zeiten des Wirtschaftswunders hinter seinem Tresen gestanden, Schwarz-Weiß-Filme verkauft und entwickelt. Als der Mini die Rallye Monte Carlo gewann, war er schon fast 30.

Alte Könner unter sich: Seit über 70 Jahren betreibt Willy Huber sein Geschäft in Bayrischzell. Stolz zeigt der 90-Jährige einen Bericht von sich.
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Während sich um ihn herum die Welt verändert, scheint für den rüstigen Herrn, der optisch auch als Mitte 70 durchgehen könnte, alles beim Alten geblieben zu sein. Inmitten von Bierkrügen, Postkarten und Andenken resümiert er, was sich für ihn persönlich geändert hat: "Ich muss mittlerweile früher ins Bett", erzählt er schmunzelnd, während er einen riesigen Kartenständer, der mindestens so alt ist wie unser Mini, vor sein winziges Geschäft rüttelt – Hilfe unerwünscht. Selbst Filme verkauft er noch. Heute kommen die Kunden von weit her, weil sie sie sonst kaum noch bekommen. Ans Aufhören will er nicht denken: "Was soll ich denn sonst machen?" Zum Abschied gibt es einen langen, herzlichen Händedruck und eine Forderung: "Den Wagen lasst ihr aber scho hier, oder?" Er streichelt verliebt über die geschwungene Haube des Mini, der mit seiner wilden Kriegsbemalung nicht nur vom Alter her toll zu dieser Zeitkapsel des Einzelhandels passt. Doch er wird noch gebraucht. Beim Davonrollen entdecken wir zwischen alten "Agfa-Film"-Reklamen und Entwicklungsbox den Beweis, dass sich auch bei Foto-Huber die Erde weiterdreht: Weniger ausgeblichen als der Rest kündet ein Schild davon, dass man nun auch Speicherkarten für Digitalkameras führe …
Eisiger Spaß
Noch alles vor sich haben dagegen Lukas und Jakob Lanner, die mit ihren Eltern einen Berghof über Zell bewohnen. Als wir an ihrer Einfahrt halten, kommen die Brüder mit einem Gesicht, als wäre Weihnachten und Ostern gleichzeitig, und rennen auf den Mini zu. Gut möglich, dass sie ihn für ein neues Spielzeug halten. Als klar ist, dass sie dürfen, was sie wollen, entern sie euphorisch das Innere, lassen sich jeden Handgriff so detailliert erklären, als wollten sie selbst hiermit die Monte in Angriff nehmen.

Die Rezeptur von breiter Spur und langem Radstand für maximalen Fahrspaß geht noch heute auf. Wenn man nur nicht immer im Getriebe rühren müsste.
Bild: BMW AG
Da die Hupe es der Tachonadel gleichgetan und sich verabschiedet hat, winken wir zum Abschied und starten den Vierzylinder ein letztes Mal für heute. Das Hotel ist nur noch ein paar Kilometer entfernt. Einsteigen, lenken und schalten – der Mini und ich haben uns während des Tages aneinander gewöhnt. Ein letztes Mal hochjubeln, eine letzte Kurve, dann geht es in die Box. Oder besser: auf den Parkplatz. Vom Balkon sehe ich, wie er im Schneegestöber vor sich hinknistert. Die Strapazen des Tages hat er viel lässiger weggesteckt als ich. Ein zäher, charakterfester Bursche. Im Wassersport heißt es, dass mit viel Wind jeder segeln könne, sich erst bei einer lauen Brise die Spreu vom Weizen trenne. Vielleicht ist es im Motorsport dasselbe. Mit viel Kraft schnell zu fahren, ist einfach, im Mini dagegen eine Herausforderung. Morgen, beim Ice Race in Zell, überlässt der Senior die Bühne seinen jungen Brüdern. Uns hat er schon heute begeistert. Früher war natürlich vieles schwerer, ganz sicher aber nicht alles schlechter.
Fazit
Im alten Mini schnell fahren? Und sogar die Rallye Monte Carlo gewinnen? Was nach einer Unmöglichkeit klingt, wurde vor 60 Jahren Realität. Und auch im Nachbau und ohne Rallyeass Hopkirk am Steuer kann der Renn- Zwerg noch immer faszinieren. Indem er durch konsequenten Verzicht das Maximale herausholt und vermeintliche Nachteile ins Gegenteil verkehrt. Einzige Gemeinheit: Von seiner Besatzung erwartet er dasselbe. Nach einem langen Tag lässt er uns kaputt, aber glücklich zurück.
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