Immer weniger Neuwagen werden mit einer Temperaturanzeige ausgeliefert. Selbst ein Symbol, das auf einen kalten Motor hinweist, ist nur noch selten anzutreffen. Da stellt sich besonders im Winter vielen Leuten die Frage: Müssen Motoren überhaupt behutsam auf Betriebstemperatur gebracht werden? Und wenn ja, wieso sollte man einem kalten Motor nicht gleich die Sporen geben? AUTO BILD erklärt Ihnen, was es mit dem Warmfahren auf sich hat und warum man es tun sollte.

Motor warmfahren: Mythos oder Notwendigkeit?

Nicht nur Stammtischparolen, sondern auch viele Autohersteller behaupten, dass ein Verbrennungsmotor nicht mehr behutsam auf Betriebstemperatur gebracht werden muss. Während die Stammtischparolen meist keine Begründung für diese Behauptung haben, begründen Autohersteller es mit den hohen Fertigungsansprüchen, mit denen Motoren gefertigt werden, und der Materialwahl. Doch wer lange etwas von seinem Motor haben möchte, der sollte darauf nicht hören. Denn jeder Motor sollte aus folgenden Gründen warmgefahren werden, um den Verschleiß zu minimieren.
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Kaltes Motoröl

Es ist zwar abhängig von der Ölsorte und der Viskosität, doch in der Regel ist kaltes Motoröl wesentlich dickflüssiger und zäher als Motoröl, das Betriebstemperatur erreicht hat. Während es vor vielen Jahren noch Gang und Gäbe war, dass Motoren im Winter mit dünnflüssigerem Öl zum besseren Kaltstartverhalten befüllt wurden, sind moderne Motoröle so gut aufgebaut, dass das nicht mehr nötig ist.
Auffüllen von Motoröl
Das Öl ist das Lebenselixier eines Motors. Im kalten Zustand ist es deutlich zähflüssiger als im warmen Zustand. Die Folge: Der Ölfilm kann abreißen.
Doch eine Hürde können selbst moderne Motoröle nicht überwinden: Beim Kaltstart dauert es etwas länger, bis das Öl von der Ölwanne zu den Lagern und Schmierstellen von Motor und Turbolader gepumpt wurde. Wer direkt nach dem Starten Gas gibt, riskiert dadurch eine Mangelschmierung an wichtigen Bauteilen. Die Folge: höherer Verschleiß, im schlimmsten Fall droht sogar ein Motorschaden. Das gilt natürlich auch für Kaltstarts im Sommer, ganz besonders aber bei winterlichen Temperaturen. Ein Tipp: Erst den Motor starten, dann anschnallen.
Wer sich an diese kleine Regel hält, der tut dem Motor schon viel Gutes. Doch auch wenn das Öl alle wichtigen Schmierstellen im Motor oder im Turbolader erreicht hat, sollte man dem Motor nicht gleich die Sporen geben. Dreht man einen kalten Motor zu hoch, kann es passieren, dass der Ölfilm abreißt, denn das Motoröl ist ja schließlich noch recht zähflüssig. Auch das kann zu höherem Verschleiß oder zu einem kapitalen Motorschaden führen.

Temperaturunterschiede im Motor

Ein Verbrennungsmotor, egal ob Diesel oder Benzin, besteht aus weit über 1000 Teilen, die aus den verschiedensten Materialien gefertigt wurden. Das heißt aber automatisch auch, dass sich die Bauteile unterschiedlich schnell ausdehnen, wenn sie warm werden.

Erhöhter Verschleiß an Kolben und Zylinderwänden

Besonders kritisch ist das im Bereich der Kolben. Die Kolben werden durch die Verbrennung, die im Zylinder stattfindet, recht schnell erwärmt und dehnen sich dadurch schneller aus, werden also im Umfang größer. Die Zylinderwände, die Teile des Motorblocks sind, brauchen dafür aber länger. Das liegt zum einen daran, dass ein Motorblock deutlich massiver ist und so die Wärme besser ableiten kann, zum anderen wird er vom noch kalten Kühlwasser durchspült. Die Folge: Das Spiel, also der Abstand zwischen Kolben(ringen) und Zylinderwänden, wird etwas zu klein.
Zylinderkopfdichtung wechseln
Wird ein Motor kalt hochtourig gefahren, reiben die Kolben(ringe) an der Zylinderwand. Die Folge: Starker Verschleiß, sogar ein kapitaler Motorschaden droht.
Während das bei niedrigeren Drehzahlen und geringeren Lasten eher wenig ausmacht, sorgt es bei hohen Drehzahlen für Probleme, denn die Kolben dehnen sich bei hohen Drehzahlen durch die höhere Last und die höhere Temperatur noch mehr aus. Die Folge: Die Kolben werden zu groß für die Zylinderbohrungen. Und das heißt, dass der Motor schneller verschleißt und es zu Folgeschäden wie Kolbenkippern oder Kompressionsverlust kommen kann. Im schlimmsten Falle kann sogar ein kapitaler Motorschaden in Form eines Kolbenfressers drohen.

Spannungsrisse und Undichtigkeiten

Doch nicht nur im Bereich der Kolben kann die unterschiedliche Wärmeausdehnung zu einem Problem werden. Der Zylinderkopf ist inzwischen meist aus einem anderen Material gefertigt als der Motorblock. Zwischen Motorblock und Zylinderkopf befindet sich die Zylinderkopfdichtung, die nochmal wieder aus einem anderen Material gefertigt wurde. Fährt man einen Motor nicht schonend warm und gibt den Bauteilen somit nicht die Chance, sich gleichmäßig auszudehnen, kann es schnell zu Undichtigkeiten im Bereich der Zylinderkopfdichtung und/oder zu Spannungsrissen im Zylinderkopf kommen.
Zylinderkopfdichtung wechseln
Dadurch, dass sich Zylinderkopfdichtung, Zylinderkopf und Motorblock unterschiedlich ausdehnen, kann es bei hochtourigen Fahrten im kalten Zustand zu Undichtigkeiten kommen.
Ein weitere Ursache für Spannungsrisse kann die punktuelle Wärmeentwicklung sein. Am einfachsten kann man die am Beispiel des Zylinderkopfs erklären. Durch die Verbrennung wird der Zylinderkopf am Brennraum schneller warm, während der Rest vom Zylinderkopf vom noch kalten Kühlwasser durchspült wird. Auch hier gilt wieder: Bei niedrigeren Temperaturen und geringen Lasten hält ein Zylinderkopf das aus. Dreht man den Motor allerdings im kalten Zustand hoch, gibt es ja viel mehr Verbrennungen in kürzerer Zeit. Dadurch wird der Bereich am Brennraum schneller viel heißer, während der Rest vom Zylinderkopf noch recht kalt ist. Durch diese hohen Temperaturunterschiede kann es auf Dauer zu einer Materialermüdung und zu Spannungsrissen im Zylinderkopf kommen.

Motor schonend warmfahren

Wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Motor unter all diesen Dingen leiden muss, sollten Sie ihn immer schonend warmfahren. Vergleichen Sie Ihren Motor dabei ein bisschen mit Ihnen selbst, denn auch Sie würden ja nicht gerne direkt nach dem Aufstehen einen Sprint hinlegen müssen. Wenn der Motor noch nicht Betriebstemperatur erreicht hat, sollten die Drehzahlen eher im unteren Drittel des Drehzahlbands bleiben. Zudem sollte auch auf hohe Lasten wie Vollgas verzichtet werden – das gilt natürlich auch für Sauger, besonders aber für Motoren mit Turbolader. Bei hoher Last steigt auch der Verbrennungsdruck im Motorraum, der durch den Einsatz vom Turbolader noch einmal verstärkt wird. Auch dadurch dehnen sich die Kolben schneller aus und werden zu groß für die Zylinderbohrung. Eine Standheizung kann übrigens Abhilfe schaffen: Wird die angestellt, wärmt sie automatisch den Motor schon etwas vor.

Verboten und schädlich: Motor warmlaufen lassen

Auf gar keinen Fall sollten Sie aber ihren Motor im Stand warmlaufen lassen, denn so werden nicht alle Bauteile warm genug und können sich so schnell und so stark ausdehnen, wie sie es müssten. Zudem wird in kalte Motoren immer ein zu fettes Gemisch eingespritzt, um die Kondensationsverluste zu überbrücken. Diese Kondensationsverluste sind Kraftstoff, der nicht verbrannt werden kann, weil er an den kalten Zylinderwänden kondensiert, also wieder zu Tröpfchen wird. Diese Tröpfchen waschen – und das zählt besonders für Benziner – den Ölfilm von der Zylinderwand und sorgen somit ebenfalls für einen höheren Verschleiß. Auch für die Umwelt ist das Warmlaufen des Motors im Stand schädlich und es ist tatsächlich auch verboten.
Kaltstart
Nicht Warmlaufen lassen: Wer den Motor im Stand warmlaufen lässt, riskiert deutlich erhöhten Verschleiß, zudem ist es verboten.
Wenn Sie aber darauf achten, dass Sie morgens erst den Motor starten und sich dann anschnallen und Sie mit ihrem Motor im kalten Zustand behutsam umgehen, dann sollten sich der Verschleiß in Grenzen halten und Sie werden noch lange Spaß mit Ihrem Auto haben.

Von

Lars Golly