Von links das Rauschen des Pazifiks, von rechts das Kreischen der Möwen und in den Haaren der warme Wind des amerikanischen Westens – eine Fahrt über den 17-Mile Drive auf der Monterey Peninsula ist ein Rausch der Sinne. Erst recht in einem Oldtimer wie der Mercedes Pagode. Nur, dass hier diesmal nichts den Sinneseindruck stört.
Zwar streichen die Hände sanft über weiches, in Würde gealtertes Leder, und in der Nase mischt sich der Duft salziger Algen mit dem Geruch von altem Auto. Doch das Gehör geht leer aus. Denn unter der Haube schnurrt längst nicht mehr der 2,8-Liter-Sechszylinder, den sie vor 60 Jahren mal in Stuttgart montiert haben, sondern es surrt eine E-Maschine, die erst im letzten Sommer installiert wurde.

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Schließlich ist das nicht irgendein W 113, wie er hier wahrscheinlich zu Dutzenden in den Garagen der millionenschweren Villen steht. Sondern der perfekt restaurierte Beau in tiefem Blau kommt von Everrati und ist zum Elektroauto umgebaut worden. Während die einen gerade im Windschatten von Rob Dickinsons Manufaktur Singer auf der Restomod-Welle reiten und Oldtimer mit modernisierten Motoren und aktueller Komfortausstattung auf die Überholspur schicken, gehört die Firma aus dem britischen Bicester zur wachsenden Schar jener Epochenschwindler, die Klassiker elektrifizieren und so fit für die Zukunft machen wollen.
Justin Lunny (links) und Nick Williams haben Lust auf Oldtimer und haben Everrati gegründet.
Bild: Sprite Photography
Hinter Everrati stehen Justin Lunny und Nick Williams, die sich beide als "Petrolheads durch und durch" bezeichnen. Lunny hat sein Geld im Silicon Valley verdient, und Williams ist viele Jahre durch die Marketingabteilungen von VW, Mercedes und Smart getingelt. Ihre Herzen schlagen deshalb für alte Porsche, Mercedes, Land Rover oder Jaguar und natürlich für die Italiener, von denen sie sich für ihren Firmennamen haben inspirieren lassen.

Fortschrittliche und nachhaltige Oldtimer das Ziel

Doch zugleich machen sie sich Sorgen ums Klima und das Ende der fossilen Energien, und an Ölflecken auf dem Garagenboden haben sie sich auch so langsam sattgesehen. Deshalb reiten sie nun genau wie Elon Musk oder Mate Rimac auf der Elektrowelle, nur dass sie dafür das Auto nicht neu erfinden wollen. "Schließlich gibt es doch schon so viele, so schöne Autos", sagt Lunny und will möglichst viele davon möglichst oft sehen: "Wir haben unsere Firma 2019 mit dem Ziel gegründet, die begehrenswertesten, fortschrittlichsten, nachhaltigsten Oldtimer der Welt auf die Straße zu bringen."
Zwar wissen auch Lunny und Williams, dass der Motor bei vielen Oldtimern Teil des Mythos ist und man einem Porsche mit dem Sechszylinder auch seine Seele nimmt. Aber sie sind auch davon überzeugt, dass man einem Elektroauto endlich eine Seele geben kann, wenn man den Antrieb in einen charakterstarken Klassiker steckt.
Strom statt Sprit – auch der Porsche 911 wird bei Everrati zum Elektriker.
Bild: ALL RIGHTS ALEXP.COM
Zumindest bei ihrem Erstling war der Motor wirklich nie ein Thema. Denn angefangen haben sie für Preise ab 150.000 Pfund mit dem Land Rover Series IIA – das Basisfahrzeug und die Steuern nicht eingerechnet. Und wer einmal vom asthmatischen Original aus den 1960ern in den Everrati umgestiegen ist, der weint dem Dieselmotor mit seinen 63 PS und gerade mal 88 km/h Höchstgeschwindigkeit ganz sicher keine Träne hinterher. Sondern mit 218 PS und dann immerhin knapp über 100 km/h sieht er zu, dass er Land gewinnt und möglichst viele Kilometer zwischen die beiden bringt. Am besten alle 240, die aus dem 55 kWh großen Akku zu holen sind.

Everrati-Pagode für ca. 300.000 Euro

Und selbst die Pagode war bei allem Respekt vor der Historie des SL jetzt nie wirklich ein Sportwagen, bei dem der Motor eine tragende Rolle gespielt hat. Spätestes mit dem 113er ist der SL zum lässigen Gleiter geworden – und wird dieser Rolle mit dem E-Motor noch besser gerecht. Sanfter als es selbst der beste Wandler je hinbekommen würde, surrt der Roadster deshalb vom Platz, schnurrt flüsterleise wie die Caddies über die majestätischen Golfplätze. Und wenn sich im endlosen Kurvengeschlängel entlang der Küstenlinie mal eine Gerade findet, huscht er im Nu vorbei an den Touristen in ihren SUV und Minivans, die sich hier sklavisch ans Tempolimit halten, weil sie schließlich nicht umsonst zwölf Dollar für die spektakuläre Aussicht bezahlt haben.
Die Replika eines Ford GT40 wird in Bicester ebenfalls zum Elektroauto.
Bild: Everatti
Wer in der Everrati-Pagode sitzt, sieht das natürlich ganz anders. Statt um die 100.000 Euro für einen Oldtimer, hat er für Restauration und Spenderherz etwa das Dreifache bezahlt. Da will man nicht die Aussicht genießen, sondern das Auto. Erst recht, weil es mit dem sanften, aber starken E-Motor und der schweren Batterie im Bauch gar vollends zum perfekten Cruiser wird. Und 17 Meilen reichen dafür nun wirklich nicht aus.

Auch Land Rover elektrifiziert

Ein hoffnungslos untermotorisierter Dinosaurier für den Dreck und ein Roadster, der nie zum Rasen gemacht war – zwar haben Lunny und Williams mit dem Land Rover und der Pagode bereits die idealen Fahrzeuge für ihre E-Motoren. Aber als passionierte Petrolheads hat ihnen das offenbar nicht gereicht, und es mussten auch ein paar echte Sportwagen ins Portfolio. Natürlich wissen die konvertierten Elektriker, dass ihnen da mehr Kritik entgegenschlagen wird.
Aber erstens schlachten sie für ihre elektrifizierten Klassiker in der Regel nur die Allerweltsmodelle aus und würden nie eine Rarität hernehmen oder ein Auto mit Historie. Und zweitens wissen die beiden auch, dass E-Motoren vielleicht keine Seele haben, dafür aber mit anderen Reizen punkten. Nicht umsonst sind die E-Versionen sehr viel dynamischer als die Originale, spritziger und schneller. Was dem Mann ab einem gewissen Alter sein Viagra, das sind dem Oldtimer die Volt, die der E-Maschine Beine machen.
Dem Diesel im Land Rover weint keiner hinterher. Jetzt hat der kurze Klassiker 218 PS und schafft immerhin knapp über 100 km/h.
Bild: Sprite Photography
Und wer ihnen nicht glaubt, den stecken sie zum Beispiel in ihren Porsche 911 aus der Generation 964, den die Schwaben in den Achtzigern und Neunzigern gebaut haben. Wo damals selbst für den stärksten Turbo bei 360 PS Schluss war, stehen jetzt 440 und auf Wunsch sogar bis zu 500 PS im Fahrzeugschein. Damit gelingt der Spurt auf Tempo 100 in weniger als vier Sekunden, sodass der elektrifizierte Oldtimer so manchen neuen Elfer locker stehen lässt.

Ford GT40 vom Replika-Hersteller

Noch mehr Need for Speed? Dann haben Lunny und Williams noch einen Ford GT40 in petto. Nein, natürlich nicht das Original, von dem zwischen 1964 und 1968 nicht mal 150 Exemplare gebaut wurden und das deshalb erstens unbezahlbar und zweitens sakrosankt ist. Den ultimativen US-Renner bestellen sie beim Replika-Hersteller Superformance als historisch inspirierten Neuwagen, installieren ein 700-Volt-System sowie einen Akku für mehr als 200 Kilometer und schrauben an jede Achse eine E-Maschine mit zusammen mehr als 800 PS und 800 Nm. Das reicht für 0 auf 100 in weniger als vier Sekunden, deutlich mehr als 200 km/h – und wären da nicht die langen Ladezeiten für den 62,5-kWh-Akku und die beschränkte Reichweite von kaum mehr als 300 Kilometern, müsste man damit wohl mal nach Le Mans.
Mit einem 964 im Gulf-Style kann man sich immer und überall sehen lassen. Egal ob jetzt ein Boxer im Heck brabbelt oder eine E-Maschine.
Bild: Everatti
Neben der liebevollen Restaurierung der Originale, die oft besser aussehen als die Neuwagen jener Zeit, sind die beiden Briten besonders stolz auf ihre Elektrotechnik. "Denn wir schrauben nicht einfach eine E-Maschine ins Auto und packen eine Batterie in den Kofferraum", trennt Lunny unter den mittlerweile relativ vielen Umrüstern die Spreu vom Weizen. "Sondern mit dem gleichen Anspruch und der gleichen Gründlichkeit eines klassischen Automobilzulieferers entwickeln wir einen maßgeschneiderten Antrieb, bei dem der Charakter des Originals erhalten bleibt." Auch der Everrati-Porsche hat deshalb noch leicht versetzte Pedale, und weil im Land Rover das Allradgetriebe und die Untersetzung erhalten blieben, rasselt der rustikale Klassiker genauso lebendig wie ein Oldtimer mit Verbrenner.
Mittlerweile vier Modelle im Portfolio, jede Menge Aufträge und für jede neue Entwicklung schnell mal ein Jahr – eigentlich könnten die Firmenchefs Justin Lunny und Nick Williams Everrati es jetzt erst einmal so laufen lassen. Doch gehen den beiden dummerweise die Ideen nicht aus, und ihren Kunden erst recht nicht. "Unser Katalog sind die Wände unserer Kinderzimmer", umreißt Lunny das Spektrum: "Wir sorgen dafür, dass die Traumwagen unserer Jugend auch eine Zukunft haben."
Und Angst vor einem Stimmungswandel oder Wertverlust müssen sie dabei nicht haben. "Denn alle unsere Arbeiten sind zu 100 Prozent reversibel", verspricht Lunny. "Wer zurück zum Original will oder sein Auto verkaufen muss, der hat nach ein paar Tagen in der Werkstatt wieder einen Klassiker, der einfach frisch restauriert wurde."