Porsche Taycan Cross Turismo: Langstrecken-Test
Elektro-Langstrecken-Test im Porsche Taycan mit Dachzelt

Zum Pressetermin fliegen kann jeder. Wie wäre es mit einer Herausforderung in Sachen Anreise? Ist E-Langstrecke wirklich so kompliziert? Wir haben es mit dem Porsche Taycan Cross Turismo mit Dachzelt ausprobiert.
Bild: Caroline Jüngling / Auto Bild
Wir starten morgens um halb neun mit nur 70 Kilometer Reichweite auf der Uhr. Unfair? Die einen würden sagen: Ja, klar – vor solch einer Fahrt muss der Akku schon voll sein. Ich sage: Nein, die ungenügende Infrastruktur gehört bei solch einer Nummer unweigerlich dazu. Bei mir im Ort etwa gibt es nur zwei Ladesäulen, und an denen stehen meist leider über die ganze Nacht ein Plug-in und ein e-tron mit Werkskennzeichen. Mutmaßlich ein Audi-Mitarbeiter, der sich den heimischen Strom sparen möchte und lieber auf Firmenkarte lädt.
Endlose Suche nach einem Schnelllader
Sei's drum, der Porsche Taycan hat ja ein intelligentes Navi, das uns die perfekte Ladestrategie in die Route einplant. Denkste: "Ladeplanung wird berechnet …" steht da locker 15 Minuten lang im Display, ohne dass etwas passiert. Also halten wir an der Auffahrt Greding bei der örtlichen OMV. Nicht zum Tanken oder für einen Kaffee. Nein, um über Google Maps nach einem Schnelllader zu suchen, wenn das interne System schon nicht mag. Und siehe da, nur eine Ausfahrt weiter in Kinding gibt es vier 300-kW-Säulen.

Geschmackssache: Fast alle Komponenten des Taycan Cross Turismo können an die Vorlieben des Piloten angepasst werden.
Bild: Caroline Jüngling / Auto Bild
Zehn Stunden Fahrt, das sollte genug Puffer auch für ein E-Auto sein. Zumal der Taycan Turbo S Cross Turismo mit dem so ziemlich schnellsten aktuell verfügbaren Ladesystem ausgerüstet ist. Seine 800-Volt-Technologie lädt mit maximal 270 kW an der DC-Ladesäule. In der Theorie soll der rote Gleiter damit in 23 Minuten wieder bei 80 Prozent Kapazität sein.
Und genau hier liegt die Langstrecken-Krux, denn die maximal angegebene WLTP-Reichweite von 454 Kilometern kann so nie erreicht werden. Wer immer nur bis 80 Prozent lädt, hat rechnerisch nur 363 Kilometer. Gehen wir davon aus, dass niemand den Akku komplett leer fährt, bleiben rund 320 nutzbare Kilometer. Und wer immer volllädt, kann froh sein, wenn er ein Dachzelt aufgeschnallt hat, denn in den oberen 15 Prozent wird es wirklich zäh. (So sehr schadet Schnellladen dem Akku.)

Sicher ist sicher: Das Porsche-Dachzelt wird mit zwei Stahlseilen verschlossen.
Bild: Caroline Jüngling / Auto Bild
Jetzt werden Elektroauto-Jünger sagen: "Na toll, jetzt schreibt wieder ein Sportwagen-Freak die E-Mobilität schlecht." Aber dazu sei gesagt: Ich lehne E-Autos nicht generell ab, die Technologie fasziniert mich sogar. Doch sehe ich die Langstrecke nicht als das richtige Anwendungsgebiet für das, was die Technik leisten kann. Gerade dass ihr politisch ein Anwendungsbereich aufgezwungen wird, für den es bessere Lösungen gäbe, und gleichzeitig existierenden Technologien der unnötige Todesstoß verpasst wird, macht mich sauer.
Auf der Langstrecke gehen dem E-Auto schnell die Argumente aus
Natürlich spreche ich vom modernen Diesel, über den man immer wieder hört, er würde hinten weniger Feinstaub ausstoßen als in der Luft vorhanden. Das ist natürlich situationsabhängig, aber derartige Erkenntnisse gibt es. Kombiniert mit einer realen Reichweite von 1000 Kilometern und einer "Nachladezeit" von drei Minuten, gehen dem E-Auto auf der Langstrecke schnell die Argumente aus. Deren optimaler Anwendungsbereich liegt für mich auf der Kurz- und Mittelstrecke. Reichweiten um die 250 Kilometer, relativ leichte Akkupacks, kleinere Autos.
Die dritte Technologie: Benziner. Auch die ist im Öko-Fadenkreuz. Nur warum? Die große Masse aller Benziner ist unnötig – Dreizylinder-Corsa, SUV mit 2.0 TSI, die können meinetwegen gern elektrisch werden, solang der Benziner das machen darf, was er richtig gut kann: Spaß. Sind wir mal ehrlich: Die paar Sportwagen machen im Verhältnis nichts kaputt, und es nutzt keinem, wenn sie nicht da wären. Ganz davon abgesehen: Wenn wir allen ihre Hobbys madig machen, ist auch niemandem geholfen.
Aber warum schwadroniere ich hier eigentlich über verschiedene Antriebstechniken? In Sachen Storytelling sind wir immer noch keine 30 Kilometer weit gekommen. Ganz einfach: Weil wir seit einer halben Stunde an der Säule hängen. Laut Navi (das hat sich mittlerweile ein Update gezogen) sollen wir bis 70 Prozent laden und dann weiterfahren. Dauern soll das 13 Minuten. In der Realität erreichen wir die 60-Prozent-Marke nach 21 Minuten. Da sind wir nur noch bei 100 kW Ladeleistung. Bis etwa 55 Prozent SoC (State of Charge, dt. Ladezustand) waren wir mit über 150 kW unterwegs, danach brach die Kurve rapide ein.
Daneben langweilt sich Fahrer Wolfgang, der uns mit dem RS-3-Dauertest begleitet, längst tanken war und zwei Kaffee mitgebracht hat. An der Ladestation gibt es nämlich … genau: nichts. Wir laden ein bisschen mehr rein, stöpseln bei 85 Prozent ab. 278 Kilometer Reichweite meldet der maximal 761 PS starke Cross Turismo mit den auffällig goldigen Felgen. 130 km/h sind unser von Porsche auferlegtes Maximum. Für mehr ist das Dachzelt nicht zugelassen.

Das 21-Zoll-Cross-Turismo-Design-Rad als aufpreisfreie Option. Der Lack in Aurum kostet 1190 Euro on top.
Bild: Caroline Jüngling / Auto Bild
Schnelllader Nummer zwei steuern wir in Bad Tölz an einer Aral-Tanke an. Super: Hier gibt's wenigstens Kaffee und nebenan im Supermarkt einen abgepackten Salat mit Dressing. Unweigerlich überfällt mich der Gedanke: Jetzt fahre ich schon elektrisch, esse nur einen Salat, und manche würden mich trotzdem wegen der Plastikverpackung grillen. Worauf man so kommt, wenn man zu viel Zeit hat …
Die haben wir, denn nach exakt 196,1 gefahrenen Kilometern hängen wir zum zweiten Mal an der Dose. Es ist 12.36 Uhr, 36 Minuten später legen wir mit 287 Kilometer Reichweite ab. Das bedeutet auch: Mit zwei Stopps kommen wir nicht an, denn unser Ziel ist noch über 300 Kilometer entfernt. (Was Stromladen auf 100 Kilometer kostet.)
Wir nehmen der Bilder wegen die schöne Route über den Sylvensteinspeicher, den Achensee und die Römerstraße am Patscherkofel vorbei nach Matrei. Über die alte Brennerstraße landen wir südlich von Sterzing beim Hotel Sachsenklemme. Hier gibt es eine hervorragende Pizza und Bier aus der Hausbrauerei. Letzteres müssen wir leider links liegen lassen, aber eine "Pizza Mangiami" muss sein. Unseren Plan, den Taycan aufzufüllen, während auch der Fahrer futtert, müssen wir mangels Ladepunkt leider begraben.
Unseren Termin um 19 Uhr schaffen wir zwar im Leben nicht
Nach der Stärkung nehmen wir doch lieber die A 22. Unseren Termin um 19 Uhr schaffen wir zwar im Leben nicht, aber sonst wird's richtig spät. Für unseren finalen Ladestopp schickt uns der Taycan nach Neumarkt an der Weinstraße zu einer Eishalle. Hier soll es zwei Schnelllader geben. Abfahren, Maut zahlen, rund zehn Kilometer durch Südtiroler Industriegebiete gondeln – und tatsächlich: In einem dunklen Eck neben den Mülltonnen finden wir Schnellstrom. Während der Taycan ein drittes Mal lädt, gönnen wir uns eine Mütze Schlaf – spät ist es mittlerweile geworden.
Eine Dreiviertelstunde später wachen wir auf: 91 Prozent. So viel wollten wir gar nicht laden, aber die Rast war nötig. Wir rollen die letzten Kilometer zum Gardasee, sind kurz vor halb elf da. Drei Stunden Pause/Laden, zehn Stunden Fahrzeit inklusive Fotostopps. Auf schnellster Route und ohne Bilder zu machen hätten wir es wohl in sieben netto bzw. zehn brutto geschafft.

Mit montiertem Dachzelt zog der Taycan 24,8 kWh/100 km. Dreimal laden zur Sicherheit. Mit vollem Akku zu Beginn hätten zwei Stopps gereicht.
Bild: Caroline Jüngling / Auto Bild
Eine Erfahrung wert?
Fazit zum Auto: Wer Termine hat, nimmt lieber den Verbrenner, für eine entspannte Reise nach dem Motto "Der Weg ist das Ziel" ist der Taycan aber genau das richtige Gefährt – und zumindest lokal emissionsfrei.
Fazit zum rund 5000 Euro teuren Dachzelt: Der Aufbau am nächsten Tag geht eins, zwei, fix von der Hand, das Durchlüftungskonzept funktioniert hervorragend, aber die Matratze ist fast so hart wie der Turbo S in Sport Plus. Dafür kommt man auf dem Zeltplatz ganz schnell mit vielen netten Menschen ins Gespräch.
Einen weiteren Vorteil des Taycan haben wir auf der Heimfahrt noch herausgefunden: Auf der Inntalautobahn darf man mit dem Elektroauto sogar 130 statt nur 100 km/h fahren.
Service-Links
